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Mit weißem Gesicht und weißen Händen steht Cordelia im weißen Nachthemd in einem Geviert von durchsichtigen Schleiern umringt vor dem Krankenbett völlig starr da. Sie steht da Hand in Hand mit ihrem Vater, dem König Lear, der ihren Tod beweint, sein Gesicht ebenfalls mit weißer Farbe, die er von ihren Haaren nimmt, beschmiert und zu einer verzehrend schönen Klangfolge letztlich auch stirbt: Es ist ein tief bewegendes Schlussbild, das uns da in der Oper Lear von Aribert Reimann in der Felsenreitschule bei den Salzburger Festspielen gezeigt wird.
Aber auch sonst ist dem Salzburg Regie-Debütanten Simon Stone in seiner Inszenierung ein großer Wurf gelungen: Der australische Regisseur hat gemeinsam mit dem Bühnenbildner Bob Cousins eine „Landschaft der Grausamkeiten“, wie er es selbst nennt, geschaffen. Das Auditorium ist gespiegelt von einem Parallelpublikum von etwa 150 in Abendroben prächtig gewandeten Zuschauern auf der Bühne, die sich jedoch im Laufe des Abends teils als mitwirkende Sänger und noch mehr als Statisten entpuppen. Sie folgen der Aufteilung des englischen Reiches unter den Töchtern und dem immer mehr Orgiencharakter annehmenden Amüsement des Hofes mit Aufmerksamkeit.
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Im ersten Teil der Oper sieht man den breiten Streifen einer blühenden Blumenwiese, die sehr symbolhaft, je mehr die Gesellschaft verfällt, im Fortgang der Handlung von den Protagonisten verwüstet wird. Im zweiten Teil sieht man stattdessen eine weiße, polierte, glatte Fläche mit einer großen Blutlache. Hierher werden von den Security-Leuten willkürlich ausgesucht Personen aus dem Bühnenpublikum gezerrt, meist von Goneril oder deren Mann ritualartig hingerichtet und in die Blutlache geworfen, bis schließlich die Masse zur Gänze vom Schauplatz vertrieben wird. Ganz stark gelingt auch die Sturmszene, eine auch musikalische Schlüsselszene der Oper, in welcher es auf der Bühne auch tatsächlich regnet. Psychologisch enorm geschärft und mit bewegender Eindringlichkeit ist die Personenzeichnung von Stone. Intensiv ist auch das Wahnsinnigwerden der Titelfigur als eine Flucht in kindliche Regressionen, durch das Erscheinen der Disney-Mickey-Mouse und bunte Luftballone symbolisiert, wobei so manche Effekte durchaus zu plakativ wirken.

Diese konturenstarke Umsetzung ist aber auch nur möglich, wenn man starke schauspielerische und sängerische Persönlichkeiten zur Verfügung hat, was diesmal uneingeschränkt gegeben ist: Gerald Finley ist ein überragender, präsenter Titelheld, der dieser Rolle des herrsch- und selbstsüchtigen Königs, der das Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen will, ungemein starkes Profil gibt. Er verstößt seine jüngste Tochter Cordelia, weil sie ihm im Gegensatz zu seinen beiden anderen Töchtern zu wenig schmeichelt. Er hat sich jedoch getäuscht und flüchtet entehrt in den Wahnsinn. Finleys Wortdeutlichkeit, seine Artikulation und sein vokales Ausdrucksspektrum sind phänomenal. Seine Darstellung ist von beklemmender Intensität. Mit hochdramatischer Gestaltung singen Evelyn Herlitzius und Gun-Brit Barkmin die beiden bösen Töchter Goneril und Regan. Anna Prohaska singt die sympathische Cordelia mit silbrig-lyrischem Sopran und ungefährdeten Koloraturen. Intensiv hört man auch Lauri Vasar als später geblendeter Graf von Gloster; scharf, prägnant und sehr präsent Charles Workman als sein unehelicher und verschlagener Sohn Edmund. Dessen Halbbruder Edgar wird vom hervorragenden Countertenor Kai Wessel virtuos verkörpert. Auch in den vielen Nebenrollen überzeugen etwa Matthias Klink als Graf von Kent sowie die beiden Gatten der Töchter Derek Walton als Herzog von Albany und Michael Colvin als Herzog von Cornwall. Der Schauspieler Michael Maertens fasziniert als Narr mit Singsang und Intensität. Auch den schauspielerisch sehr geforderten Wiener Staatsopernchor, den Huw Rhys James einstudiert hat, hört man makellos.
„Ich meine, in der Oper sollte man sich entspannen und das Leben schön finden und keinesfalls durch krankhaften und überspannten Musiklärm traumatisiert werden“, so lautete einer der schriftlichen Proteste nach der Uraufführung der Oper 1978 in München, in der Dietrich Fischer-Dieskau die Titelpartie gesungen hatte und nach der es in der Bayrischen Staatsoper zu lautstarken Protesten gekommen war.
Vierzig Jahre danach hat sich Lear längst als unangefochtenes Meisterwerk der Avantgarde und der Moderne etabliert. 28 Inszenierungen seit der Uraufführung sprechen für sich. Die 29. hier in Salzburg krönt den Abschluss des ersten, sehr erfolgreichen Opernprogramms des neuen Intendanten Markus Hinterhäuser. Und von Musiklärm spricht heute wohl niemand mehr. Vor allem auch dann nicht, wenn das Musikdrama so umgesetzt wird wie von der Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst: Die verstörende Kraft dieser expressiven Partitur ist zwar geblieben, aber die Musiker spielen die wuchtigen, kühnen, geballten Entladungen und Schichtungen – das umfangreiche Schlagwerk ist in der Felsenreitschule auf einer seitlichen Empore ausgelagert – mit Präzision und ohne Koordinationsprobleme, wobei der Dirigent das mit unerschütterlicher Ruhe und Genauigkeit vermittelt.
Bis auf zwei kurze, einsame Buhrufe ist sich das Publikum einig und bejubelt die Produktion und auch den 81-jährigen selbst ganz enthusiastischen Komponisten, der es sich nicht nehmen lässt, allen Mitwirkenden auf der Bühne mit Überschwang zu danken.
Helmut Christian Mayer