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VIRTUOSES ERÖFFNUNGSKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
25. August 2017
(Einmalige Aufführung)
Wer von der Autobahn 46 an der Ausfahrt Kapellen abfährt, muss die Landwirtschaft lieben. Ackerboden säumt die sanfthügelige Landschaft, soweit das Auge reicht. Ein paar Kilometer Landstraße weiter erreicht man Schloss Dyck in der Gemeinde Jüchen. Mit seinen drei Vorburgen und dem englischen Landschaftsgarten gehört das Wasserschloss zu den wichtigsten Kulturdenkmälern im Rheinland. Ein denkbar geeigneter Ort, um ein Musikfestival auszurichten. Dachten sich die Querflötistin Anette Maiburg und die Kulturmanagerin Susanne Geer. Und gründeten 2005 das Niederrhein-Musikfestival, Maiburg als Künstlerische Leiterin, Geer kümmert sich um die Organisation. Obwohl sich das Festival inzwischen über zahlreiche Spielstätten erstreckt, startet es auch in diesem Jahr wieder im Schloss. Genauer im Innenhof des Haupthauses. Denn das Wetter ist zwar vom Sommer weit entfernt, aber es regnet nicht und die Temperaturen der vergangenen Tage haben den Innenhof aufwärmen können.
Dort ist eine überdachte Bühne mit vier Scheinwerfern und einer ausgeklügelten akustischen Technik aufgebaut. Zwei schmale, unauffällige Lautsprecher links und rechts vor der Bühne verstärken nahezu alles, was auf der Bühne passiert. Davor reihen sich die mit Kissen versehenen Stühle dicht an dicht. Nur wenige bleiben an diesem Abend leer. Noch vor Beginn der dankenswert kurzen Grußrede des Geschäftsführenden Vorstandes der Stiftung Schloss Dyck, Jens Spanjer, in Vertretung des Bürgermeisters hat sich so etwas wie Festival-Atmosphäre eingestellt. Sehr entspannt trifft man sich hier in der Sommerfrische, erwartet nicht die große Kunst, sondern angenehme, musikalische Unterhaltung.
Maiburg kennt ihr Publikum. Und findet eine schaumig-leichte Mischung, die wohl in dieser Konsistenz einmalig in der Bundesrepublik ist. Sie lädt Spitzenmusiker aus aller Welt ein, die dann eine Mixtur aus anspruchsvollen Stücken und, ja, Folklore präsentieren. Das ist gewöhnungsbedürftig, gefällt aber dem Publikum, das alle Altersklassen umfasst.
Am Beginn des Festivals steht ein Virtuoses Eröffnungskonzert. Zunächst betritt Mircea Gogoncea allein die Bühne. Er gehört „zu den meistausgezeichneten klassischen Gitarristen der Welt“ und ist Meisterschüler von Joaquín Clerch. Eine Eröffnungsrede von Anette Maiburg bleibt aus. So wie sich die durchaus redegewandte Flötistin an diesem Abend auf Dankesworte für die Anwesenheit der venezolanischen Musiker beschränkt. Irritierend auch der „blinde“ Auftritt von Gogoncea. Er schließt die Augen, während er Danza del Altiplano von Leo Brouwer als zeitgenössische Musik und die Serenata espagnole von Joaquin Malats aus dem 19. Jahrhundert wirklich virtuos vorträgt. „Gitarristen verbringen die Hälfte ihres Lebens damit, ihr Instrument zu stimmen – und die andere Hälfte damit, verstimmt zu spielen“, erklärt der Musiker die ausgezeichnete, aber immer zu korrigierende Stimmlage seines Instruments.
| Musik | ![]() |
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Erst beim dritten Werk, einem Zwischenspiel von Jacques Ibert, tritt Maiburg hinzu. Sie bleibt noch für die Danzas Españolas Oriental von Enrique Granados, ehe Gogoncea noch einmal solistisch Ausschnitte aus den Acht poetischen Walzern von Granados, die ursprünglich für Klavier geschrieben und von Clerch für Gitarre neu arrangiert worden sind. Und während diesmal ein Propellerflugzeug statt eines Düsenjets in den Abendhimmel aufsteigt, kehrt Maiburg auf die Bühne zurück und bringt Roberto Koch mit. Der gebürtige Venezolaner lebt heute in Basel und hat soeben noch einen universitären Abschluss als Jazz-Bassist absolviert. Dabei spielt er längst schon in der obersten Liga Venezuelas sowohl in der Klassik als auch im Jazz und unterrichtet zudem in Amerika und Japan. Die drei bringen einen wunderbaren Tango von Isaac Albéniz zu Gehör, den Andreas N. Tarkmann arrangiert hat und der stellvertretend für den Tango im 19. Jahrhundert stehen kann. Moderner wird es dann mit drei Werken von Astor Piazzolla. Der Argentinier gilt als Begründer des Tango Nuevo. Und selbstverständlich dürfen Oblivion und Libertango nicht fehlen, wenn Werke des Bandoneon-Spielers aufgeführt werden. Damit tritt auch Eddy Marcano mit seiner Geige ins Rampenlicht. Der Konzertmeister des Simon-Bolivar-Symphonieorchesters gründete zahlreiche Jugendorchester.

Wenn die Pause ein Drittel der Veranstaltung ausmacht, liegt das wohl am ehesten am Ort der Aufführung. In der noch immer milden Abendluft ist es fast genauso schön, an den Tischen des Cafés seitlich des Haupthauses bei einem Cocktail über die gezeigten Leistungen zu schwadronieren.
Das Cuatro ist eine kleine, viersaitige Gitarre, die vor allem in Venezuela und Kolumbien gespielt wird. Es kommt verstärkt beim Walzer und beim Joropo mit seinem 6/8‑Takt zum Einsatz. Perfekt beherrscht wird es an diesem Abend von Cruz Marín Rosas, der in fabelhaftem Deutsch auch gleich die Übersetzung der ansonsten eher marginalen Zwischenmoderationen der Sängerin Fabiola José besorgt. Hier hätte man sich insgesamt eine bessere Vorbereitung und etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht. José füllt in ihrer Heimat ganze Konzertsäle, dann aber vermutlich doch eher mit anderen Inhalten ihres umfangreichen Stimmrepertoires. Denn im zweiten Teil wird es mit Merengues, Joropos und Walzer arg folkloristisch. Das passt sehr zur Stimmung eines Piazza-Konzerts und gefällt dem Publikum dementsprechend gut. Steht aber in einem seltsamen Gegensatz zur Qualität der aufgebotenen Künstler. Der Eindruck drängt sich auf, dass hier mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird.
Mit dem Joropo El Avispero – das Hornissennest – gelingt dem Ensemble ein furioser Schlusspunkt und in der Zugabe Carmen darf José dann auch noch zeigen, dass ihre Stimme mehr beherrscht als das Trällern venezolanischer Volkslieder. Das Publikum zeigt sich von der leichten Unterhaltung hocherfreut. Ohne Zweifel darf man diesen Sommerabend als gelungenen Festivalauftakt bezeichnen – wenn auch mit viel Luft nach oben.
Michael S. Zerban