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DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
1. September 2017
(Einmalige Aufführung)
Es beginnt alles so gemütlich. Vor der Aufführung von Mozarts Don Giovanni sieht man den Dirigenten Jérémie Rhorer noch durch die Innenstadt bummeln. Vor dem Konzerthaus, der Glocke, treffen nach und nach die Musiker ein. Einige Sänger haben Freunde und Fans im Schlepptau. Auch das Publikum nimmt ganz entspannt Platz. An diesem Abend will man Musik genießen. Doch dann bricht dieser unerbittliche Akkord in den Raum, der d‑moll-Akkord, mit dem Don Giovannis Ende eingeläutet wird. Das Orchester Le Cercle de l’Harmonie hämmert ihn mit tödlicher Sicherheit, mit dramatischer Verve in den Raum. Ein düsterer Weckruf, dem eisige Kälte folgt.
Wenige Sekunden genügen dem jungen Rhorer, um das Publikum an sich zu fesseln. Rhorer und das von ihm gegründete Orchester sind an der Weser längst keine Unbekannten mehr. Wenn im Spätsommer das Musikfest Bremen stattfindet, gehört diese Kombination zum Spielplan wie die Stadtmusikanten nach Bremen und das nahezu jährlich seit 2008. Nachdem 2015 die Entführung aus dem Serail auf dem Spielplan stand, interpretieren die Franzosen nun die Oper aller Opern, die für Dirigent und Orchester in den letzten Monaten ein bisschen im Zentrum ihres Schaffens steht: Von den Aufführungen am Théâtre des Champs-Élysées in Paris, die zu einer CD-Aufnahme beim Label Alpha Classics führten, bis hin zu den diesjährigen Festspielen von Aix-en-Provence. Und das hört man in jedem Takt. Die Musiker bewegen sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Partitur und das bei teilweise wahnsinnig schnellen Tempi.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Publikum | ![]() |
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Der düstere Einstieg wird kaum durch das sprudelnde Molto Allegro vertrieben. Atemholen kann man vorerst nicht. Wie ein ICE rast das Orchester auch durch die Introduktion auf den ersten Abgrund zu. Ein Hauch von Humor kommt mit Robert Gleadow als Diener Leporello auf, der vom Adelsstand träumt. Doch es kommt zur Konfrontation zwischen Don Giovanni und dem Komtur. Wenn der Vater von Donna Anna tödlich getroffen wird, hält das Orchester den Atem an und das Publikum gleich mit. Den ersten Zwischenapplaus in dieser eigentlich konzertanten Aufführung gibt es erst gut 15 Minuten später, nachdem Gleadow seine bissige Registerarie abgeliefert hat. Lachen tut dem Publikum gut, und der Bass-Bariton legt sich auch wirklich ins Zeug – sogar ein wenig zu viel. Körper und Mimik kommen kaum eine Sekunde zur Ruhe. Die Einzelheiten verpuffen irgendwann, aber Gleadow lässt bis zum schweißgebadeten Schluss nicht nach. Sein markanter Bass steht dabei so unter Volldampf, dass die Höhen in dieser Rolle nur angetippt werden.
Ruhe kommt dann zum Beispiel auf, wenn Zerlina den Verführungskünsten Giovannis erliegt. Catherine Trottmann gibt ihr einen naiv-charmanten Unterton. Ihr ganz und gar lieblich-schöner Gesang hebt sich bestens von dem ihrer beider Kolleginnen ab. Da ist Vannina Santoni eine unnachgiebig Rache fordernde Donna Anna. In ihrem Eifer setzt sie auch manchen Spitzenton zu hart an, aber vor allem bleibt ihr hoffnungsvolles Non mi dir mit schönen Koloraturen in Erinnerung. Wie schön man eine verliebte Furie gestalten kann, demonstriert Arianna Vendittelli, die als Donna Elvira aus ihrer unglücklichen Liebe zu Don Giovanni keinen Hehl macht. Ihr verzweifelter Kampf, vielschichtig und fulminant vorgetragen, gehört zu den Höhepunkten der Aufführung.

Mit Spannung erwartet wird offensichtlich Daniel Behle als Don Ottavio. Als seine Indisposition angesagt wird, hört man ein lautes „Ooooh neeeeeee“ einer weiblichen Sympathisantin im enttäuschten Raunen der Zuhörer heraus. Nachdem Behle dann zwar vorsichtig, aber nichts desto trotz stilistisch sehr sicher und gefühlvoll Il mio tesoro vorgetragen hat, hört man in die Stille vor dem Applaus einen Mann ergriffen „wunderbaaar“ murmeln. Die Akustik in der Glocke ist übrigens sehr gut. Trotz Erkältung hört man, dass Behle das Mozartfach bestens beherrscht. Der andere Widersacher Giovannis, Masetto, bekommt von dem sehr engagierten Marc Scoffoni die nötige Vehemenz und Eifersucht verliehen. Letztendlich kann aber nur Steven Humes als wiederkehrender Komtur den Verführer stoppen und Humes kann dafür auch die nötige Autorität und Ausstrahlung in der Stimme vorweisen. Und die benötigt er auch, denn Jean-Sébastian Bou gibt einen vitalen, energiegeladenen Don Giovanni ab. Mit seinem eleganten Bariton kann er schmeichelnd verführen, aber auch gleichzeitig eine fast brutale Potenz abrufen.
Brutal dürfen auch bei Gelegenheit die Instrumente zupacken. Im Gegensatz zu vielen anderen Ensembles der historisch-informierten Aufführungspraxis verfügt Le Cercle de l’Harmonie über einen eher warmen und nicht so trockenen Klang. Rhorer setzt diesen auch sehr variabel ein und formt andere, man möchte fast sagen neue Details, indem er die Streicher ihren Klang verdicken lässt. Dadurch, dass er anders als beispielsweise Teodor Currentzis auf drastische Überbetonungen verzichtet, ist hier der Fluss der Melodien schöner zu hören.
Dem facettenreichen Zauber von Mozarts Musik wird das gesamte Ensemble mehr als gerecht, was auch den kurzen Auftritt der Vokalakademie Berlin in der Einstudierung von Frank Markowitsch miteinschließt. Das grandiose Hörerlebnis wird vom Publikum am Ende mit einem jubelnden Applaus goutiert. Stampfen, rhythmisches Klatschen, standing ovations, bravi-Rufe – die gesamte Palette des Beifalls wird abgerufen. Ein gemütlicher Freitagabend findet ein entfesseltes Ende.
Christoph Broermann