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THE GERSHWIN PROJECT
(Anima Eterna Brugge)
Besuch am
31. August 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Ja klar, Bach, Beethoven, mittlerweile auch Bruckner werden mit Originalinstrumenten, möglichst originaler Stilistik, kleineren Besetzungen oder in anderen Varianten aufgeführt. Wer kennt als Liebhaber der klassischen Musik nicht Namen wie Harnoncourt, Jacobs und Herreweghe, um nur die bekanntesten zu nennen. Aber George Gershwin, ausgerechnet der amerikanische Jazz‑, Unterhaltungs- und Musical- und Filmkomponist – muss der nun auch noch einer „Originalmusizistik“ unterzogen werden?
Und wozu soll das dienen? Verkauf von neuen Tonträgern, Konzertsäle mit „Hits“ zu füllen? Die Musik hören wir schließlich überall in ihren abgedroschensten Versionen im Kaufhaus, in der Werbung oder wo auch immer wir das gerade eben eigentlich nicht wollen.
Wer sich – eigentlich verständlich – diese Fragen stellt, sollte den Konzertbesuch oder den Kauf der CD-Einspielung des Gershwin Project der Anima Eterna aus Brügge unter ihrem Gründer Jos van Immerseel wagen.
Immerseel hat 1987 mit der Anima Eterna sein eigenes Orchester gegründet und durchstreift seitdem mit seinem Ensemble das musikalische Repertoire von über drei Jahrhunderten. Dabei ist Maßgabe die Vertiefung in die spezifische musikalische Stilistik der Epoche, des Komponisten und des spezifischen Stückes. Nicht zu vernachlässigen ist auch ein möglichst weitgehender Einsatz von Originalinstrumenten und – bei vielen Komponisten – kleineren Besetzungen. Immerseel nennt nicht weniger als vierzehn Klaviere oder Tasteninstrumente aus einer Vielzahl von Epochen sein Eigen, auf welchen er den Klangwelten der Musikgeschichte nachspüren kann.
Im Falle von Gershwin heißt das inhaltlich die Vergegenwärtigung New Yorks und Hollywoods zuzeiten der 1920-er und 30-er Jahre mit Prohibition, brodelnder Lebenskraft und dem unwiderstehlichen Schmelztiegel Amerika. Gershwin vereint vor dem Hintergrund seiner jüdisch-russischen Abstammung Elemente klassischer Musik mit Blues, Ragtime und Jazz und vermag auch noch die Autohupe zu einem Instrument seiner Orchesterbesetzung zu adeln.
Der Aufritt von Anima Eterna im Rahmen des Elbphilharmonie-Sommers bietet einen Querschnitt durch Gershwins Schaffen mit seinen bekanntesten Kompositionen: Rhapsody in Blue, Ein Amerikaner in Paris, Suite aus Porgy and Bess sowie diverser bekannter Songs wie The Man I Love und I Got Rhythm.
Das Ensemble bringt in der Aufführung nicht weniger als zehn Saxophone zum Erklingen sowie einen New Yorker Steinway-Flügel aus dem Jahre 1906, den Gershwin gewissermaßen selbst gespielt haben könnte. Die Entstehungszeit der Kompositionen war geprägt durch den Übergang von Darm- auf Stahlsaiten bei den Streichinstrumenten der großen Orchester. Um dem authentischen „Sound“ der Gershwin-Kompositionen nachzuspüren, spielen die Streicher der Anima Eterna in einer ausgeklügelten, speziellen Mischung von Saitenvarianten – ein enorm liebevoller und aufwändiger Akt der Originalklangforschung und ‑umsetzung!
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Und wahrlich – der Klang ist feiner und durchsichtiger, als man es je zuvor gehört hatte. Das disziplinierte Spiel meidet jede Art der – sonst häufigen – billigen Forcierung, effekthascherischen Temporückung und ausufernden Dynamik. Vielmehr bewirken Unaufgeregtheit und nachgerade klassisch-strenge Durchsichtigkeit einen überzeugenden musikalischen Effekt. Die Umsetzung basiert auf einer einzigartigen Gratwanderung und Vereinbarung von klassischen musikalischen Grundformen mit den seinerzeit – und hier wieder nachempfindbaren – aufregenden neuen Formaten des Amerikas der 20-er und 30-er Jahre. Die Anerkennung durch zeitgenössische Komponisten wie Ravel, Strawinsky und Rachmaninow ist unmittelbar nachvollziehbar.
Faszinierend und magisch, wie die äußerst sparsame Zeichengebung von Maestro van Immerseel die Musiker zu wunderbarem Spiel (ver-)führt. Dasselbe gilt erstaunlicherweise auch für die Solisten des Abends, die ja nicht in gleicher Weise wie die Ensemblemitglieder in einem laufenden Arbeits- und Entwicklungsprozess stehen.

In der Rhapsody in Blue gibt Frank Braley den Klavierpart – immerhin 1991 Gewinner des renommierten Concours Reine Elisabeth in Brüssel und heute Leiter des Orchestre Royal de Chambre de Wallonie – in einer Atmosphäre, als ob er für jede Stunde seiner klassischen Musikerfahrung jeweils die gleiche Zeit auch als Jazzpianist mit eigenem Ensemble und in einer rauchigen Bar aufgetreten sei.
Die koreanische Sängerin Yeree Suh hat sich sowohl als Barocksängerin wie auch als Interpretin zeitgenössischer Kompositionen internationale Anerkennung erworben. Dieser weite Erfahrungshorizont kommt ihr bei den fünf vorgestellten, in der Regel bekannten Songs, bestens zugute. Stimme und Darstellung oszillieren facettenreich zwischen der gleichsam instrumentellen Rolle wie als Teil des Orchesters und andererseits des ganz individuellen Ausdrucks einer liebenden Frau.
So ausdifferenziert und feinsinnig hat man Gershwin zuvor noch nicht hören können – ein vollkommen neues Klangerlebnis!
Großer Applaus und viele bravi für Orchester und Solisten nach allen Beiträgen. Ein weiterer Song des Komponisten wird vom Orchester und der Sängerin gerne gegeben.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich private Initiativen in der klassischen Musik – wie die Anima Eterna – ihre außerordentliche Positionierung erarbeiten. Das Ensemble spielt in unterschiedlichen Ensemblegrößen zwischen 7 und 80 Musikern, ist heute Residenzorchester des Concertgebouw Brugge und seit 2010 Partnerensemble der Oper Dijon.
Durch die Einladung in die Elbphilharmonie, die Live-Konzertübertragung im Hörfunk, auch ins kostenlose Freiluftkino vor dem Konzertsaal sowie die Wiedergabe auf YouTube ist dem engagierten Ensemble mit dem Konzert ein glanzvoller Aufritt mit großer Öffentlichkeitswirkung gelungen – ganz zu Recht – dieser außergewöhnlich kreativen und wertvollen Initiative sind noch viele weitere international erfolgreiche und weithin beachtete Konzerte zu wünschen.
Achim Dombrowski