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Lohn der Götter-Gunst

BEETHOVENS TRÄUME
(Ludwig van Beethoven, Richard Wagner)

Besuch am
3. September 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Sibylle Wagner

Es ist schon ein präch­tiges Bild, das sich am Ende dem begeis­terten Publikum in der Aula der Rheini­schen Friedrich-Wilhelms-Univer­sität Bonn bietet. Ein an die 60 Sänge­rinnen und Sänger starker Projektchor aus allen Alters­klassen, 21 junge Instru­men­ta­listen, die unter dem program­ma­ti­schen Begriff Donatori Musici agieren, ein halbes Dutzend jugend­licher Sänger­so­listen, die in St. Petersburg behei­matete Mezzo­so­pra­nistin Daria Rositzkaja, der chine­sische Pianist Jingge Yan, schluss­endlich Sibylle Wagner, Dirigentin und ehemalige Chordi­rek­torin der Bonner Oper, die Inspi­ra­torin und musika­lische Leiterin des Projekts. Beethovens Träume sind in einer ungewöhn­lichen Mischung von Stücken außerhalb des Mainstreams sehr real und sinnlich erfahrbar geworden. Nicht zuletzt ein Beleg dafür, dass private Initiative für die Kultur einer Stadt bedeutsam und Richtung weisend sein kann.

Im September 2016 Rossinis La Scala di Seta. Im April 2017 Mozarts Don Giovanni in einer deutsch­spra­chigen Version, wie der junge Beethoven das Dramma giocoso in seiner Geburts­stadt erlebt haben dürfte. Und nun, nicht einmal ein halbes Jahr später, also Beethovens Träume. Eine Neube­lebung von Werken, die nicht zum Kernre­per­toire des Konzert­be­triebs zählen. Zudem in einer konzep­tio­nellen Verdichtung, die eine Brücke schlägt von Beethovens Idee einer „brüder­lichen“ Weltge­mein­schaft zu den aktuellen Bedro­hungen eben dieser poten­zi­ellen Weltge­sell­schaft in Frieden und Freiheit. Beharrlich verfolgt Sibylle Wagner mit einem wachsenden Unter­stüt­zer­kreis, dem Verein Donatori Musici, ihren persön­lichen Traum, jungen Vokalisten und Instru­men­ta­listen ein Sprung­brett für ihre fachliche und persön­liche Entwicklung zu bieten. Angestrebt wird die Vermittlung elemen­tarer Voraus­set­zungen für eine profes­sio­nelle Zukunft. Das aktuelle Ergebnis in der Reihe Bonner Visionen zeigt auf, wie plausibel und beglü­ckend der Ansatz sein kann. Und – außer­or­dentlich hörenswert ist er im Übrigen auch.

1808 kompo­niert Ludwig van Beethoven die Fantasie für Klavier, Chor und Orchester in c‑Moll op. 80. Das kurz Chorfan­tasie genannte Konzert­stück ist als Krönung einer so genannten Akademie gedacht, die wenige Tage vor Weihnachten mit Urauf­füh­rungen eigener sinfo­ni­scher und sakraler Werke unter Beethovens Leitung im Theater an der Wien ausge­richtet wird. Das Werk bei einer Spiel­dauer von knapp 30 Minuten ist auf Grund seiner ungewöhn­lichen Besetzung, dazu eines Aufgebots von mindestens drei Solisten, mit seinem mitrei­ßenden Haupt­thema und seiner idealis­ti­schen Botschaft – der Text stammt von Christoph Kuffner – ein Bravour­stück. Im Konzert­be­trieb vermag es sich jedoch nicht wirklich zu behaupten. Kurios genug: Die Konkurrenz ist hausge­macht. Mit seiner 16 Jahre später urauf­ge­führten 9. Sinfonie, als deren Nukleus die Chorfan­tasie gilt, schafft Beethoven das Werk der univer­salen Humanität und zugleich die Vollendung seiner musika­li­schen Idee von 1808. Mit dem Nachteil, dass die in der Konzertöf­fent­lichkeit weitgehend außen vor bleibt.

Dass die Chorfan­tasie bei Konzert­planern eine Chance haben sollte, wird direkt mit dem Beginn erfahrbar. Jingge Yan nähert sich mit subtilem Anschlag, quasi über einige verspielte Finger­übungen, denen die Kontra­bässe, Hörner und Oboen antworten, dem Haupt­thema. Die Wucht, mit der das einschlägt, ist frappant. Und ein Moment eigener Art, der Wieder­erkennung, der Berührung. Ist es doch Beethovens melodische Vorweg­nahme jener Ode an die Freude, die die ganze Welt mit der Neunten verbindet. Das Werk führt, wie insbe­sondere die Streicher, dann die Solisten, raumfüllend der Chor mit kurzem, aber prägendem Part und immer wieder das brillant einge­setzte Klavier ihre „Beweis­führung“ angehen, seine Bezeichnung zu Recht. Im Allegretto des Schluss­satzes vereinen sich alle Mitwir­kenden zu einem Furioso der Lebensbejahung.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Publikum
Chat-Faktor

Wenn sich Lieb‘ und Kraft vermählen, lohnt den Menschen Götter-Gunst, lauten die Schluss­zeilen, mit denen der Textdichter die Kantate ausklingen lässt. Dass sich in der Aufführung diese „Götter-Gunst“ zumindest musika­lisch ein Stück weit einstellt, ist vor allem dem Projektchor zu verdanken, einem Ensemble zumeist erfah­rener Sänger, zugleich musika­lische Heimstatt für 20 junge Sänge­rinnen und Sänger aus Syrien. Sie bilden mit weiteren den Chor junger ortho­doxer Christen aus dem heutigen Bürger­kriegsland, der sich 2015 um den aus Damaskus stammenden, 24-jährigen Khalil Barakat in Köln gebildet hat. Ein Chor im Übrigen, der von Jahr zu Jahr wächst. Heimat war und Identität sichernde Insti­tution heute ist die Antio­che­nisch Syrisch-orthodoxe Kirche. Die Liturgie dieser Kirche, soweit sie sich in Tönen manifes­tiert, wurzelt in der byzan­ti­ni­schen Musik. „A cappella-Musik, die mensch­liche Stimme“, erläutert Barakat, „besitzt bei uns eine große Tradition.“ Jetzt, im Konzert, ist dieses kultu­relle Potenzial gleichsam das Scharnier, das die offen­kundig mühelose Integration der aus Syrien Geflüch­teten in das Projekt­ganze erleichtert. Die in wenigen Proben erarbeitete Homoge­nität des multi­eth­ni­schen Vokal­ensembles jeden­falls beein­druckt. So ist es denn auch kein Zufall, dass das mehr als angetan reagie­rende und anhaltend applau­die­rende Publikum nach dem Verklingen der Chorfan­tasie mit einer Zugabe belohnt wird, eben jenem Allegretto, das die Sänger­schar in Höchstform zeigt.

Foto © Joachim Müller-Klink

Anliegen der jungen Syrer sei es, wie Sibylle Wagner es ausdrückt, Beethovens „Traum von der Völker­ver­stän­digung“ zu verwirk­lichen. Wie komplex und verwirrend sich diese Zielsetzung in der Realität heute ausnehmen kann, macht noch die Wiedergabe der Chorfan­tasie selbst deutlich. Einge­passt in die Abfolge der einzelnen Sätze sind zweimal vokale Impro­vi­sa­tionen des irani­schen Musikers Shahin Najafi, der in der Welt als „Leucht­feuer der Freiheit“ ein Begriff ist. Es sind raue, pathe­tische, exotisch anmutende Einsprengsel, die neugierig machen oder Distanz auslösen können. Ein Menetekel auf dem Hinter­grund von Beethovens Ideen­k­osmos, wie weit die Sprachen, die Musik­kul­turen und womöglich die Wertvor­stel­lungen heute diver­gieren können. „Brüder­lichkeit“ war für Beethoven in der Folge der Franzö­si­schen Revolution und in der Begeis­terung für die Neuerungen des jungen Napoleon eine Kategorie des Selbst­ver­ständ­lichen. In der Gegenwart mit Terror, Funda­men­ta­lismus, Populismus wird „Brüder­lichkeit“ wohl neu bestimmt und errungen werden müssen, soll sie sich als Matrix eines univer­salen Humanismus neu durch­setzen. Projekte der Begegnung, die in Träumen jedweder Art ihren Ausgang finden, sind da ganz sicher wertvoll.

Eine radikale Botschaft, die der aufop­fe­rungs­vollen Liebe, verbindet sich auch mit den Wesen­donck-Liedern von Richard Wagner, ursprünglich für Solostimme mit Klavier­be­gleitung gesetzt. Daria Rositzkaja präsen­tiert sie in einer Fassung für Instru­men­tal­so­listen zur Einleitung des Konzerts. Träume, das Tristan-nahe letzte dieser „Fünf Gedichte für eine Frauen­stimme“, steht dabei in einer direkten Korre­spondenz zum Leitmotiv des Konzert­abends. Mit ihrem warmen, sinnlichen Mezzo­sopran, berührend im jähen Aufblühen wie im stillen Verlö­schen der Wesen­donck-Empfin­dungen, steigert sich Rositzkaja in eine Inter­pre­tation, die Eindruck hinter­lässt. Gewiss, es mangelt an Textver­ständ­lichkeit, und die Stimme dürfte ihr volles Format erwie­se­ner­maßen am besten bei Rossini- oder Donizetti-Rollen ausspielen. Spätestens bei Im Treibhaus, so der Titel des dritten Liedes, beweist sie indes Linie und Melos.

Leiden­schaft, Ringen um Linie und Vollendung zeichnen nicht zuletzt Beethovens weithin unbekanntes Klavier­konzert Op. 61 a aus, das Yan als Solist inter­pre­tiert und sich als Klavier­fassung von seinem einzigen Violin­konzert, datiert aus dem Jahr 1806, entpuppt. Kunst um der Kunst willen? Keineswegs. Die ungewöhn­liche Fassung eröffnet ein gelegentlich neuar­tiges Verständnis eines Werks, das mehr als vertraut zu sein scheint.  Die Entde­ckung wert sind dabei in Sonderheit die Kadenzen in den Ecksätzen, von denen die erste im Stile eines Marsches, unterlegt mit der Pauke, durchaus raffi­niert genannt werden kann. Raffi­niert wie so manches an diesem denkwür­digen Abend. Und so heraus­ragend aus der Routine mancher Konzertplanung.

Ralf Siepmann

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