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Nicht selten fordert gerade das Courage, was doch selbstverständlich sein sollte. Mut beweist die Staatsoper Hannover, indem sie Henzes komische Oper aus dem Jahr 1965 als Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit herausbringt. Denn trotz des Berliner Uraufführungserfolgs hängt dem Jungen Lord noch immer nach, dass die rabenschwarze Komödie um den zum Salonhelden dressierten Affen von den Vertretern der musikalischen Avantgarde als Verrat betrachtet wurde, während das Publikum den Komponisten mit eben jenen Neutönern in Zusammenhang brachte, deren Abscheu er erregte. Henzes und der Bachmann Werk operiert also just dort, wo große Kunst oft hingehört, zwischen den Fronten. Desto anerkennenswerter ist, wie engagiert die Staatsoper Hannover zum wiederholten Mal auf die Musikdramatik des zwischen Verlassen und Rückkehr zur Tonalität elegant changierenden Komponisten baut. Denn schon die vergangene Spielzeit punktete mit Die englische Katze.
Bernd Mottl positioniert Chor und Solisten meist frontal oder im Profil zum Publikum. Trotz Staffelung und Gruppierungen wirken solistische wie Massenszenen daher zweidimensional wie aus einem biedermeierlichen Papiertheater herausgeschnitten. Die restaurativ gesonnenen Honoratioren von Hülsdorf-Gotha bewegen sich als substanzlose Popanze über die Szene. Jedes dressierte Vieh, vor dem mit Kratzfüßen zu scharren ökonomische und Prestigevorteile verspricht, kommt ihnen gerade recht. Die exotische Entourage um Sir Edgar mag um einiges lebendiger wirken, angesichts ihres Chefs, der die Peitsche schwingt, um die Kreatur zum Menschen abzurichten. Es wird aber rasch deutlich, dass britische Exzentrik und koloniales Personal die brutale Kehrseite der verbiesterten Biedermeierwelt abgeben. Indem er den Spuk in Schabernack verwandelt und ihn dem Amüsement des Publikums ausliefert, spielt Mottl die Klischees, mit denen Text und Musik in frivoler Weise hantieren, voll aus. Der farbige Lakai wird ungewollt zum Kinderschreck, die Köchin zum Abziehbild einer karibischen Schnapsdrossel. Mottls szenische Fantasie hat sich noch nicht jene Zensurschere implantieren lassen, die im Mai auf dem Berliner Theatertreffen das N‑Wort auf Weisung der Festspielleitung und zunächst unter Duldung des Regieteams aus der dort eingeladenen Produktion 89⁄90 des Leipziger Schauspiels entfernt hat. Die Menschen mit schwarzer Hautfarbe im Hannoverschen Premierenpublikum sind viel zu intelligent, humorvoll und stilsicher, um nicht mit souveräner Gelassenheit ins Gelächter einzustimmen. Rasch realisieren sie, wie sich das Hülsdorf-Gothaer Biedermeier durch seine Vorurteile selbst dekuvriert.
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Schwarz-weiß dominiert das Bühnenbild von Friedrich Eggert. Der Boden ist ein Schachbrett. Die perspektivisch gestaffelten, schwarzen Wände sind mit Bordüren aus aufgemalter Spitzenklöppelei besetzt, war doch Handarbeit der boshaft- biedermeierlichen Damen sittsames Vergnügen. Räumlichkeit stellt sich nicht ein, doch abgründigster Humor. Als bewege ein Kind die Kulissen auf seinem Papiertheater, führen Ober- wie Untermaschinerie lustvolle Manöver aus. Sir Edgars Haus wird durch das geschickt segmentierte, lebensgroße Skelett eines Tyrannosaurus und zweier weiterer Riesentiere zur Kulisse für eine reaktionäre Version von Nachts im Museum.
Tiefschwarz wie die Komik des Stücks sind auch Alfred Mayerhofers vor Spitze und neckischen Details schier überbordende Kostüme. Modischer Schnickschnack soll große Welt suggerieren und zeigt gerade daher die hinterwäldlerischste Provinzialität der Hülsdorf-Gothaer desto drastischer vor. Wenn Baronin Grünwiesel, die Paris und London heimgesucht haben will, mit ihrer riesigen Perlenkette wie mit einer überdimensionalen Boa posiert, dann präsentiert sich die ehrgeizige Niederadlige als geschmackloses Abziehbild der großen Welt. Lord Barrat, der zum Liebling der Salons dressierte Affe, entzückt die kleinstädtischen Damen als Michael-Jackson-Verschnitt.

Angeleitet von Dan Ratiu, kostet der Chor der Staatsoper Hannover seine Hauptrolle voll aus. Das musikalische Idiom Henzes sitzt wie angegossen. Seine mechanisch repetierten Wort- und Tonwiederholungen unter häufigen Quart- und Quintsprüngen samt leerer Intervalle vereinigen sich musikalisch zu einem Gemeinwesen, dessen Zivilisation andressiert ist wie die Bildungsfloskeln des in die Salonkultur hineingeprügelten Affen.
Der Kinderchor der Staatsoper droht den Erwachsenen mitunter die Schau zu stehlen. Von Heide Müller und Ratiu präpariert, sind die Mädchen und Jungen nicht nur musikalisch auf dem Punkt. Sie legen sich zudem darstellerisch bezwingend ins Zeug.
Mark Rohde lässt das Niedersächsische Staatsorchester allzu massiv aufspielen. Der Feinschliff der Partitur, ihre rhythmische und melodische Delikatesse, Pointen und intelligente Seitenhiebe, nicht zu vergessen die seltenen doch eindringlichen Lyrismen gehen dabei häufig verloren.
Das Ensemble agiert höchst engagiert. In der Titelrolle verleiht Sung-Keun Park hinter der Szene den Schmerzenskantilenen der Affendressur den erschütternden Jammer der gequälten Kreatur, die andressierten Bildungsphrasen repetiert er mit geläufiger Gurgel. Rebecca Davis als Luise verfügt über einen eindringlich geführten, leuchtkräftigen Sopran. Der Spieltenor ihres Verehrers Wilhelm in Gestalt von Simon Bode ist von der überschlanken Sorte. Julie-Marie Sundal versteht das Exaltierte ihrer Partie nicht immer glaubhaft zu machen. Stefan Adam als Sir Edgars Sekretär klingt seltsam unbestimmt. Franz Mazura in der stummen Rolle des Sir Edgar gibt der Figur jene Großartigkeit mit, die aus virtuoser Zurückhaltung ersteht. Die kleineren Rollen zeichnen sich sämtlich durch stimmliche wie darstellerische Präsenz aus.
Anhaltend starker, von bravi durchsetzter Applaus für alle Beteiligten. Die Staatsoper Hannover beweist mit dieser Produktion, dass Der junge Lord ins Kernrepertoire gehört.
Michael Kaminski