O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Große Brocken wie Poulencs Dialogues des Carmélites oder Wagners Lohengrin müssen noch ein paar Monate warten. Für den Start des frisch renovierten Brüsseler Opernhauses beließ man es, quasi als Testphase, bei einer Kammeroper aus der Feder des „Hauskomponisten“ Philippe Boesmans, noch dazu als Übernahme einer erprobten Produktion des Festival d’Aix-en-Provence.
Doch abgesehen von logistischen Kriterien: Die Zeiten, in denen noch Gérard Mortier die Brüsseler Oper zu einem der besten internationalen Opernhäuser katapultierte und, finanziell gut gepolstert, munter experimentieren konnte, sind vorbei. Brüssel genießt zwar in der Musikwelt noch immer einen guten Ruf. Doch die massive Beschneidung der Produktionen und eine schwerfällige und künstlerisch nicht sonderlich sensible Kultusbürokratie rücken das Haus enger an die Zustände der meisten anderen Häuser in nah und fern heran. Das wunderschöne, in das Jahr 1700 zurückreichende, 1985 gründlich modernisierte Opernhaus gehört auf jeden Fall zu den Sahnestücken der belgischen Kulturlandschaft.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Der Zahn der Zeit verlangte nach einer neuen, diesmal besonders behutsamen Renovierung, die vor allem die Bühnentechnik, die Bestuhlung und das Foyer betrifft. Dass sich die Umbauarbeiten über zwei Jahre hinzogen, ist etlichen kulturpolitischen Querelen zu verdanken. Im Unterschied zu Köln mit seinem freilich erheblich umfangreicheren Renovierungsbedarf konnte das schmucke La Monnaie jetzt in Anwesenheit der Königsfamilie der Öffentlichkeit nach einer noch überschaubaren Umbauphase zurückgegeben werden. Außen fällt zunächst die gläserne Einfassung des Eingangsbereichs auf. Zugang hat man nur noch durch zwei enge Schleusen an den Seiten, in denen den Besucherstrom recht gründliche Sicherheitskontrollen erwarten. Im Inneren hat man großen Wert darauf gelegt, das historische Kolorit möglichst authentisch zu bewahren. So wurde die Bestuhlung mit identischen Kopien der alten Sessel erneuert. Die ansteigende Schräge des Bühnenbodens wurde geebnet und dessen Bespielbarkeit bis an den äußersten Rand des Guckkastens ausgeweitet. Solchermaßen gerüstet, kann es also mit Pinocchio losgehen.
Mit der Bezeichnung „Kinderoper“, die durch manche Gazette geistert, tut man Pinocchio Unrecht. Librettist und Regisseur Joël Pommerat sieht in Carlo Collodis Geschichte, wie Umberto Eco und andere vor ihm, eine Art Entwicklungsroman, in dem das zunächst grob geschnitzte Holzpüppchen durch viele Verwicklungen, Konflikte, Enttäuschungen und eigene Fehler zum mündigen Bürger reift. In jeder Episode sollte sich auch der erwachsene Zuschauer erkennen.

Die zweistündige, pausenlos ablaufende und recht drastisch inszenierte Oper eignet sich ohnehin nur bedingt für das Kindertheater. Uns begegnet kein putziges Männlein, sondern ein unter Schmerzen „geborenes“ Wesen mit leichenblassem Gesicht, einem schwarzen Umhang und rauen Manieren: mehr unheimlicher Kobold als charmanter Sympathieträger.
Auch wenn Boesmans das Werk für kleines Orchester und sechs Solisten, die freilich in mehrere Rollen schlüpfen, im Kammerformat konzipierte, inszeniert es Joël Pommerat als große Oper. Mit virtuosen Licht- und Videoeffekten schafft er ein eindrucksvolles Illusionstheater mit märchenhaften Effekten, die in ihrer Schönheit einen hintergründigen Kontrast zu der teilweise brutalen Handlung setzen. Szenisch, nicht zuletzt dank des Bühnenbildners Éric Soyer und der Kostümbildnerin Isabelle Deffin, setzt die Brüsseler Oper damit ihre Erfolgsgeschichte fort, an der auch Komponist Boesmans seinen Anteil hat.
Boesmans verfügt über einen ausgeprägten Instinkt für theatralische Effekte, beherrscht etliche Stile wie ein guter Filmkomponist und liefert eine gefällige, gut gearbeitete Partitur voller Überraschungen, die zwar keine Sensationen enthält, aber den insgesamt unterhaltsamen Abend hochwertig abrundet. Ob Strawinsky, Weill oder John Williams: Für jeden ist etwas dabei.
Mit dem aus Aix-en-Provence übernommenen erstklassigen Solistensextett kann ebenfalls nichts schiefgehen. Hier glänzen neben der spitzbübisch agilen Chloé Briot in der Titelrolle vor allem die engelsgleich schwerelos singende Marie-Eve Munger als gute Fee und der pointiert artikulierende Erzähler Stéphane Degout, der gleich noch drei andere Rollen mit seinem sonoren Bariton übernimmt. Vincent le Texier, Yann Beuron und Julie Boulianne agieren und singen auf gleichem Niveau, auch wenn ihre Partien nicht ganz so dankbare Aufgabe bereithalten wie die ihrer Kollegen. Patrick Davin leitet das Brüsseler Opernorchester umsichtig und sicher.
Das Publikum zeigt sich angetan von der Produktion im frischen Gewand des traditionsreichen Opernhauses.
Pedro Obiera