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Krise in Sibirien

LADY MACBETH VON MZENSK
(Dmitri Schostakowitsch)

Besuch am
10. September 2017
(Premiere)

 

Theater Bremen

Das Theater Bremen eröffnet die Spielzeit mit einem anspruchs­vollen und aufwän­digen Werk des 20. Jahrhun­derts, Schost­a­ko­witschs Lady Macbeth von Mzensk.  Zur szeni­schen Umsetzung kehrt Armin Petras zurück an das Haus. Er siedelt die Handlung in der nördlichsten Großstadt der Welt an, im russi­schen Norilsk. Die Stadt ist einstmals von Gulag-Häftlingen erbaut worden und für Russland insbe­sondere wegen des Abbaus von Nickel und anderen Metallen von großer wirtschaft­licher Bedeutung. Die ehemals als Sieg über Natur und Mensch gefeierte Siedlung zeichnet sich durch eine extreme Umwelt­ver­schmutzung sowie extreme Kälte aus. Tempe­ra­turen von bis zu minus 50 Grad Celsius im Winter sind keine Seltenheit.

Das Bühnenbild von Susanne Schuboth, die Kostüme von Karoline Bierner, Filmein­spie­lungen von Rebecca Riedel und das Licht von Norman Plathe-Narr vermitteln ein krudes Bild verdreckter, abgewirt­schaf­teter und in seiner armse­ligen Hoffnungs­lo­sigkeit nicht zu überbie­tender Aussichts­lo­sigkeit. Über die Zeit kriecht die Ausweg­lo­sigkeit nachgerade physisch in den Zuschau­erraum. Hier gibt es keine Hoffnung, ein wenig vom Glück abzube­kommen, wie sich das die Titel­heldin Katerina Ismailowa so wünscht und sehnlich erträumt.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Selbst ihre eigene Positio­nierung als Ehefrau des Sohns eines Oligarchen, der ihr offenbar immerhin eine bessere Wohnung und andere Konsu­mat­tribute ermög­licht, ändert nichts daran. Ihr Mann Sinowi, ein durch Krankheit gezeich­neter Schwächling, kann der jungen Frau kein befrie­di­gendes Leben bieten. Katerina verbleibt unaus­weichlich in einer Position, in der sie nach ihrem Empfinden zu wenig vom Glück abbekommen wird. Letztlich wird sie auf die eigenen Instinkte zurück­ge­worfen und durch­schreitet ein impul­sives Schicksal von Extremen, in dem sie selbst drei Morde begeht, um schließlich durch Selbstmord zu enden.

Petras setzt diese Handlung mit dem Extremort Norilsk und den weiteren verrohten Charak­teren der Katerina umgebenden Gesell­schaft in ein Ambiente, in dem auch die extremen Handlungen Katarinas glaubhaft und zwingend werden. Dabei geht es aber vor allem nicht um die Verur­teilung von Katarinas Taten durch einen Moral­be­griff. Vielmehr ist eine Bewertung allein dem Zuschauer überant­wortet, wenn er sie denn vornehmen will.

Diese die expressive Vorlage noch steigernde Konzeption wird in Bremen von allen Mitwir­kenden auf der musika­li­schen Seite in einer unfass­baren Hingabe umgesetzt, die einem das Blut in den Adern gerinnen lässt.

Die Katerina von Nadine Lehner vermag in einer unendlich erschei­nenden Ausdrucks­skala die verzwei­felten, extremen Handlungen bis hin zum Mord zu gestalten, wie auch die leisen Töne der Sehnsucht und des Abschieds vor ihrem Selbstmord zu vertreten. Gesanglich und darstel­le­risch außer­or­dentlich überzeugend auch der Schwie­ger­vater Boris von Patrick Zielke, der stimmlich auftrumpfend zwischen gemein­ge­fähr­licher Satire und Gewalt gegenüber Katerina agiert. Chris Lysack überzeugt mit durch­din­gender Tenor­stimme als Sergej, dem Liebhaber und letzt­endlich Verräter Katerinas – ein weiterer Katerina umgebender Mann, bei welchem sie keine Anlehnung und Lebens­per­spektive finden kann, so sehr sie sich zunächst das Glück von ihm versprochen hatte. Qualvoll plastisch der kranke Schwächling Sinowi des Alexey Sayapin.

Vom grandiosen Ensemble seien weiterhin beispielhaft Hanna Plaß als Aksinja, Luis Olivares Sandoval, Ulrike Meyer als Sonjetka und der skurrile Pope von Christoph Heinrich genannt.

Wie ein geister­haftes Gegen- und Wunschbild  erscheint zudem wiederholt ein tanzendes Kinderpaar auf der trost­losen Bühne. Adelina Mazakow und Michael Nuss wirken dann wie zwei frühreife Puppen, die ein gänzlich vergeb­liches, auf die Zukunft gerich­tetes Traum­ritual des Glücks vorführen.

Foto © Jörg Landsberg

Der Chor des Theaters Bremen unter der Leitung von Alice Meregaglia bringt sich kraftvoll ein und versteht es meisterhaft, einen typisch russi­schen Sinn von Satire in den skurrilen Handlungs­teilen auf die Bretter zu bringen.

Der neue Bremer Musik­di­rektor Yoel Gamzu, der nach seiner letzten Position als Chefdi­rigent am Staats­theater Kassel nunmehr nach Bremen gewechselt ist, gilt als eines der ganz großen, jungen Talente seiner Zunft. Er hat das Inter­na­tional Mahler Orchestra gegründet und diesen Sommer den Klassik-Echo als bester Nachwuchs-Dirigent gewonnen.

Sein Einstand in Bremen verschlägt einem den Atem. Die Bandbreite an Dynamiken und Farben aus dem Graben war „unerhört“ – vom lautesten Bläser­einsatz bis zum den leisesten, anrüh­renden Tönen spielt das Orchester grandios. Hervor­zu­heben und nur beispielhaft für die Leistung an diesem Abend sind die effekt­vollen Positio­nie­rungen diverser Blech­blä­ser­gruppen auf beiden Seiten des Prosze­niums und an anderer Stelle in der weit offenen Hinter­bühne.  In allen Fällen kann trotz des markanten Spiels der durch­drin­genden Instru­mente und der ungewöhn­lichen Positio­nierung der Orches­ter­gruppen scheinbar mühelos die ideale Klang­ba­lance zum Graben gehalten werden. Gamzu reißt mit seiner expres­siven Zeichen­gebung gewis­ser­maßen im Ganzkör­per­einsatz das Ensemble über den gesamten Abend mit. Ganz zu Recht erscheint dann schließlich auch das gesamte Orchester zum Schluss­ap­plaus auf der Bühne.

Das Publikum in Bremen, ohnehin seinem Haus eng verbunden, dankt mit begeis­terten Applaus und vielen bravi allen Mitwirkenden.

Was für ein glänzender Start in die neue Saison – Gratulation!

Achim Dombrowski

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