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CARMEN
(Georges Bizet)
Besuch am
13. September 2017
(Premiere am 2. September 2017)
Zuflucht Kultur/Opera Incognita im Mixed Munich Arts
Über ihre gesellschaftlichen Erlebnisse und Erkenntnisse durch die Mitwirkung in einer klassischen Opernaufführung erzählen einprägsam Ahmad und Mohsen, Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien, in der kurzen Einführung. Cornelia Lanz, die Carmen dieser Aufführung, sitzt ungezwungen auf einem Mauerabsatz und moderiert. Bildhaft erzählt sie über ihr Wirken und die Projekte im Verein Zuflucht Kultur und lässt auch Emotionen zu. Über mehrere Jahre hat sie mit jungen Flüchtlingen Opernproduktionen wie Idomeneo, Zaide und Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart erfolgreich umgesetzt und für sich und für andere unvergesslich berührende Momente erlebt. Mit und durch Kultur sollen Brücken zwischen Geflüchteten und der einheimischen Bevölkerung gebaut werden, so das Ziel des Vereines. Nun ist Carmen an der Reihe. Ein weiteres Projekt, das gemeinsam mit Opera Incognita, einer freien Opernkompagnie, gegründet von Andreas Wiedermann und Ernst Barmann ins Leben gerufen wurde. Opera Incognita macht immer wieder mit der Auswahl origineller Aufführungsorte und intelligenten, auch künstlerisch hochwertigen Produktionen auf sich aufmerksam.
Die politische Komponente der Oper Carmen, die Unterdrückung der Arbeiterinnen, die Gewaltherrschaft des Militärs und die Flüchtlingssituation der Zigeuner passen als Spiegel für die aktuelle Flüchtlingspolitik. Dazu passt wiederum die Gestaltung und Historie des Aufführungsortes. Des Führers Kraftwerk, ein langgezogener hoher rechteckiger Raum, mit Betonwänden, ein paar Rundläufen in der Höhe heizt die erwartungsvolle Stimmung auf, zumal an diesem Abend sich das Orchester, aus Salzburg anreisend, verspätet und das Publikum in den Genuss persischer und jiddischer Volkslieder als Pausenfüller kommt. Das Orchester nimmt nahezu lautlos in der rechten hinteren Ecke des Saales Platz.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Mit Pfiffen und Schreien geht es dann lebendig los. Ohne Ouvertüre steigt das Geschehen gleich am Vorplatz der Stierkampfarena ein. Ein weiterer geschickter Schritt des Regisseurs Wiedermann, der die schicksalshafte Geschichte um abgewiesene Liebe und Eifersucht von hinten aufrollt, um wachzurütteln und sich von den bekannten Aufführungen abzuheben. Aufreizend sexy stolziert Lanz, kaum wiederzuerkennen als Carmen im engen Blumenkleidchen mit Stöckelschuhen, um ihrem Escamillo, trocken belegt gesungen von Torsten Petsch, zu gefallen. Schwerfällig schleicht Don José durch die Tür auf den Platz und bestürmt wild und flehend Carmen. In den ersten Arien zeigen sich die Tücken der Akustik, das wird aber von den Sängern und Choristen mutig angepackt. Viel Kraft liegt in der Tenorstimme von Anton Klotzner als José, auch Schmelz und Wärme in der Mittellage, die meisten Obertöne gelingen sicher intoniert, aber musikalische Perfektion ist hier nicht das Ziel.

Stimmung und Ausdruck sowie viel schauspielerisches Element dominiert. Es wird in einer Textilfabrik gearbeitet, Frauen werden von einer brutalen Gang von Wachmännern ausgebeutet und auch der ein oder andere Liebesdienst eingefordert. Flüchtlinge haben hauptsächlich Rollen von Wachmännern in ihren Camouflage-Anzügen übernommen und wirken mit viel Engagement und Ernsthaftigkeit auch mit ihren Stimmen mit. Die ethnische Mischung versetzt in eine Multikulti-Gesellschaft, wie wir sie bereits aus unserem Straßenbild kennen. Ahmed Shakib Pouya aus Afghanistan kam durch Ausreise seiner Abschiebung zuvor und konnte durch großen Einsatz vieler politischer und kultureller Persönlichkeiten nach Deutschland zurückkehren. Jetzt tritt er als Zuniga auf. Er stellt auch seine Eigenkompositionen von wehmütigen Liebesliedern auf Farsi mit seiner tiefsitzenden Stimme vor und verführt in andere Sphären.
Zügig geht die Rückblende der Liebesgeschichte von Carmen und Don José voran. Die Soldaten marschieren immer wieder martialisch auf, verprügeln die Arbeiterinnen, das Volk oder stellen sich schützend vor das Volk. Ein Entrinnen scheint nicht möglich. Wir sind im Gefängnis, und nur wenige haben den Schlüssel zur Freiheit. Dramatisch werden die Chorszenen, besonders von den weiblichen Protagonisten bestens vorbereitet, vorgestellt. Nur Carmen scheint sich in dem Umfeld wohl zu fühlen, so wie Cornelia Lanz in ihrer Rolle. Mit Inbrunst lockt sie immer wieder das starke Geschlecht und macht sich darüber lustig. Wirklich fallen lässt sich diese Carmen nirgends und bleibt immer ihrer Sucht nach Dominanz über die Männer treu. Ihr Mezzo hat scharfe Kanten und fließt spröde über den Lagenwechsel. Irisierend öffnet sie sich in der Höhe und bannt so ihre Umgebung als auch das Publikum. Ihr gegenüber besticht Julia Bachmann mit ihrem hellen Sopran und unbedarften Spiel als Micaela, der Unschuld vom Lande.
Einige Veränderungen am Werk waren für diesen Abend nötig, aber die bekannten Arien blieben, notwendige Übergänge werden mit einfachen Akkorden oder bespielten Pausen bewerkstelligt. Dafür gibt es Einspielungen aus anders tönenden Kulturkreisen, die sich harmonisch einfügen. Eine gefühlvolle und lehrreiche Gegenüberstellung, die anschaulich die kompositorische Palette zeigt, um Emotionen wie hier besonders Anbetung, Liebe oder Verzweiflung auszudrücken. Eine musikalische Brücke, die von beiden Seiten bestiegen wurde, und an diesem Abend treffen sich Flüchtlinge und Einheimische und erleben einen schauspielerischen Opernabend mit neuen frischen Eindrücken.