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Foto © Joris-Jan Bos

Gestörte Sozialbindungen

RELICS
(Emanuele Soavi)

Besuch am
14. September 2017
(Urauf­führung)

 

Theater Duisburg

Seit 2014 arbeiten die Duisburger Philhar­mo­niker alljährlich mit dem Kölner Tanzlabel Emanuele Soavi incompany zusammen. Entstanden sind gewaltige Produk­tionen wie die vierstündige Mythen­tri­logie Verführte und Verführer oder das zweiteilige Projekt Aurea – Varia­tions on Bach. Johann Sebastian Bach ist man auch mit der dritten Kreation treu geblieben, auch wenn Relics insgesamt etwas beschei­dener ausfällt.

Ungewöhnlich geheim­nisvoll startet Relics an ungewöhn­licher Stelle des Stadt­theaters. Zu der 90-minütigen Tanz-Perfor­mance wird das Publikum mitten auf die Bühne geführt, wo es zunächst frei wandelnd Tische bewundern darf, auf denen rote Tücher rätsel­hafte Gegen­stände verhüllen. Streng bewacht von Musikern des Barock­ensembles der Duisburger Philhar­mo­niker, die nach zehn Minuten die „Objekte“ langsam von den Stoffen befreien.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Zum Vorschein kommen die Körper der acht Tänzer und Tänze­rinnen der Kölner Tanzcompany, die sich regungslos und in völliger Nacktheit den Blicken der Zuschauer aussetzen. Dazu startet das Barock­ensemble mit dem ersten Satz aus Bachs 5. Branden­bur­gi­schem Konzert. Kraft­volle, von der fabel­haften Cemba­listin Flóra Fábri mit einer hochvir­tuosen Solo-Kadenz geadelte Musik, die einen bizarren Kontra­punkt zu den leblos wirkenden Gestalten auf den schmuck­losen Tischen bilden. Ein Szenario, das bei manchem der teilweise sehr jungen Besucher Irrita­tionen auslöst. Langsam, nach den Schluss­takten des Eingangs­satzes, erwachen die Tänzer aus ihrer Starre und beginnen, sich ziemlich triste Alltags­anzüge überzu­ziehen und zunächst recht amorph zu ihren Bewegungs­mög­lich­keiten zurückzufinden.

Foto © Joris-Jan Bos

Mit dem Einsatz der nächsten Sätze des Bach-Konzerts entwi­ckelt sich mit harten Bewegungs­ab­läufen ein komplexes Spannungsfeld von Gruppen­bil­dungen und Abwei­sungen. Es kommt zu Annähe­rungen, die aller­dings meist früh gestört werden. Mit expres­siven Gebärden und überzeich­neten Gesten wirken die Menschen wie aus dem Ruder gelaufene Automaten mit gestörten Sozialbindungen.

Zu den Klängen des 4. Branden­bur­gi­schen Konzerts finden die Tänzer zu weicheren Bewegungen, die stellen­weise zu harmo­ni­schen Abläufen führen, bevor sie im dritten Teil zu den abstrakten geräusch­haften Elektro-Klängen von Wolfgang Voigt offenbar verschiedene Entwick­lungs­stadien durch­leben. Zu sehen sind anima­lisch anmutende Forma­tionen und puppen­hafte Mutationen, die viel Spielraum für diverse Assozia­tionen freilassen. Erst am Ende dieses dritten Teils wird hörbar, dass Wolfgang Voigt seine Klang­mischungen aus Klängen der Bach-Kompo­si­tionen zauberte. Ende offen.

Wie in den Vorjahren gehen Musiker und Tänzer äußerst ernsthaft aufein­ander ein, auch wenn die Bezüge zwischen den polymorphen Bewegungs­pro­zessen und der strin­genten Musik Bachs vor allem durch ihre Kontraste überzeugen und sich nur selten ergänzen. Immerhin bietet sich dadurch ein inter­es­santes Potenzial für eine experi­men­tier­freudige, über Strecken recht rätsel­hafte Perfor­mance, die vom Publikum mit großem Applaus belohnt wird. Ein Erfolg auch für das tüchtige Orchester, das seine Flexi­bi­lität und Offenheit für ungewöhn­liche Projekte mit solchen Arbeiten untermauert.

Pedro Obiera

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