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Angerufen für die Realisierung einer neuen Parsifal-Produktion an der Staatsoper Hamburg ist ein großer Name: Achim Freyer, Bühnen‑, Kostümbildner und Regisseur insbesondere zeitgenössischer Musiktheaterwerke, geboren 1934, Brechtschüler, vielfach preisgekrönt. Freyer hat unter der Intendanz von Plácido Domingo sogar Wagners kompletten Ring an der Los Angeles Opera umgesetzt, da sage man noch, in Los Angeles regiere nur die Ästhetik Hollywoods.
Der Künstler hat auch an der Staatsoper Hamburg Bedeutendes geleistet: Die Uraufführung von Helmut Lachenmanns Das Mädchen mit den Schwefelhölzern 1997 und nicht zuletzt die großartige Zauberflöte 1982, die zu Recht über 30 Jahre und noch vor kurzem im Repertoire des Hauses stand.
Nun also Parsifal. Freyer ist immer Regisseur, Kostüm- und Bühnenbildner in Personalunion. Zunächst hat der Künstler die Raumgestaltung der Guckkastenbühne verändert: der Rundhorizont hinten ist nach vorne, zum Zuschauerraum, durch einen die Rundung aufnehmenden Gazevorhang gleichsam wieder geschlossen und damit vollendet. Man kann auch an die geschlossene Grundstruktur etwa des Globe Theatre der Shakespeare-Zeit denken.
Diese Kreisform ist zugleich Bedeutung: sie verkörpert die unendliche Dimension der Zeit, eine kreisende, unendlich sich und für sich selbst fortspinnende Komponente, die wie nur zufällig, jedenfalls nicht unbedingt, auch Materie, zum Beispiel den Menschen, in sich trägt.
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Dem zugestellt, oder entgegengesetzt, ist die geometrische Form, welche in allerlei abstrakten Grundformen, beispielsweise Hexagonen sichtbar wird, und auch in vom menschlichen Geist geschaffenen Errungenschaften wie in naturwissenschaftlichen Elementen von Zahlen und Messelementen, den Utensilien und Hilfsgeräten des Alltäglichen in Form von Schaufeln, Fahrrädern und des Krieges wie zum Beispiel ein Schwert sichtbar werden. Elemente der Geometrie sind auch die Erscheinungen von Pfeil und Speer als wichtige Symbole im Geschehen des Bühnenweihfestspiels, die sich vielfältig im Bild und auf den Kostümen wiederfinden und mit denen die Handlungsträger agieren.
Der gesamte Bühnenraum, insbesondere auch der Gazevorhang dient immer wieder als Projektionsfläche von oft besonders sinnträchtigen Worteinblendungen wie Dunkelheit, schwarz, Traum, Schmerz, Mitleid, schließlich ganz am Ende das Wort Anfang. Die Lichtgestaltung wird von Sebastian Alphons, die Videokunst von Jacob Klaffs und Hugo Reis verantwortet.
Einen weitergehenden Interpretationsansatz der Vielzahl der im Werk angedeuteten oder deutbaren inhaltlichen Bezüge unternimmt Freyer nicht.
Eine klassische Personenführung findet nicht statt. Die Charaktere werden gleichsam wie Figurinen über der Bühne bewegt beziehungsweise bewegen sich selbst, nicht selten ruckhaft wie auf einer Laufschiene mit Widerständen. Viele Bilder und Kostüme sind in schwarz getaucht. Nur die Projektionen am hinteren Rundbogen weisen gelegentlich farbige Gestaltungen auf. Klingsor und seine Blumenmädchen sind dazu im Gegensatz knallbunt und mit Riesenbrüsten ausgestattet. Die meisten Darsteller sind über den gesamten Abend gehalten, die Hände weit zu öffnen und die Arme fast unentwegt zu recken.
Die minimalistische Personenführung im überwiegend schwarzen Raum wirkt über den Abend schwerfällig und vermittelt allenfalls die Herkunft und Verlorenheit im kosmischen Orbit. Von der Bühne, von der optischen Realisierung wirkt das Werk lang.
Hinzu kommt, dass die Kunst von Achim Freyer zwar in ihrer Archaik eindrucksvoll besticht, aber seine spezifische Bildwelt und Besonderheiten schon seit etwa 30 Jahren vertraut sind. Was zu Zeiten seiner Produktionen der Zauberflöte und des Mädchens mit den Schwefelhölzern neu war, oder ähnlich anderen seinerzeit wirkenden zeitgenössischen Künstlern einen neuen ästhetischen Zugang bedeutete, trägt mittlerweile allzu bekannte Züge.
Im Gegensatz dazu bestach die Umsetzung von Robert Wilson aus dem Jahre 1991 im Hause der Hamburgischen Staatsoper durch eine eindrucksvolle und neue Gestaltung, auch wenn Wilson mit seiner eigenen Ästhetik seinerzeit ebenfalls schon eine Weile unterwegs war. Selbst Kostüme und Bühnenbild von Ernst Fuchs in der Produktion von 1976 bewirkten seinerzeit einen stärkeren Impuls.

Gesungen wird auf hohem Niveau. Zuerst muss der bewährte und mit außerordentlicher Textverständlichkeit singende Kwangchul Youn genannt werden. Der Sänger ist vielleicht der meistbeschäftigte Gurnemanz an den großen Häusern dieser Zeit. Jede Faser dieser langen, mit großen Textmassen ausgestatteten Partie weiß Youn mit einer in der musikalischen und sprachlich-gestischen Gestaltung sinnhaften Emphase auszustatten. Der Sänger zeigt keinerlei Ermattung über die wahrhaft lange Partie. Andreas Schager als Parsifal schlägt sich wahrhaft jugendlich unerschüttert mit einer kernigen Tenorstimme und meistert die Anforderungen inklusive Purzelbaum beim Auftritt im ersten Akt überzeugend. Der Amfortas von Wolfgang Koch scheint den Abend mit matter stimmlicher Verfassung zu starten, gewinnt aber an Gewicht. Tigran Martirossian verleiht mit seinem sonoren Bass dem greisen Titurel ein kraftvolles Rollenporträt. Vladimir Baykov überzeugt in knallgrünem Kostüm mit übergroßer Krawatte und Trump-Perücke stimmlich und darstellerisch wirkungsvoll. Die Kundry von Claudia Mahnke ist stimmlich zunächst durch recht starkes Tremolo gekennzeichnet. Im zweiten Akt kann sie jedoch durch kluge dramatische Führung der Stimme und bei insgesamt zügigen Tempi aus dem Orchestergraben massiv an Statur gewinnen.
Der Chor der Staatsoper Hamburg unter der Leitung von Eberhard Friedrich singt präzise und durchhörbar – die großen Szenen der Männerchöre im ersten und dritten Akt gelingen klangschön und ohne dröhnendes Pathos.
Wie schon anlässlich der Neuproduktion der Frau ohne Schatten in der vergangenen Spielzeit gibt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung seines Chefdirigenten Kent Nagano eine vorzügliche Leistung zu Gehör. Nagano neigt insgesamt zu einem eher zügigen, in hohem Maße durchhörbaren, ja lichten Klang bei seiner Umsetzung der Wagnerpartitur. Jede noch so kleine musikalische Phrase ist in ihr sinnhaft Ganzes gefügt und jede dynamische Wendung sorgfältig abgestimmt. Eine über den gesamten Abend sensibel aufgebaute Großstruktur wird von jedem einzelnen Orchestermusiker mit Verve mitgetragen und umgesetzt. Man könnte meinen, das Orchester spiele schon seit Jahrzehnten unter seinem Maestro, so sehr sind der Klangkörper und sein Musikdirektor miteinander verschmolzen. Noch nie zum Beispiel hat man den ersten Akt so kurzweilig gehört.
Es mag deshalb undankbar, ja widersinnig erscheinen, wenn man gleichwohl feststellt, dass die Produktion insgesamt eher kühl-distanziert, möglicherweise wegen ihrer Bild- und Bewegungswelten wie entrückt wirkt. Den Abstraktionen und vielschichtigen, letztendlich allenfalls bedingt deutbaren inhaltlichen Versatzstücken werden szenisch eher noch mehr vielseitig deutbare Erscheinungsformen hinzugefügt.
Das Publikum applaudiert herzlich, mit vielen bravi für Youn und Nagano, aber auch Mahnke und den Bässen. Auch Achim Freyer und seine Mitarbeiter im Team werden, von ganz wenigen Protestrufen abgesehen, mit einhelligem Beifall und Rufen bedacht.
Achim Dombrowski