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Foto © O-Ton

Zeitensprünge

LE CINESI
(Christoph Willibald Gluck)

Besuch am
19. September 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Festival Alte Musik Knecht­s­teden, Basilika

Nach einem ungewöhn­lichen Auftakt­konzert in der vergan­genen Woche hat das Festival Alte Musik Knecht­s­teden Fahrt aufge­nommen und präsen­tiert heute das, was eigentlich zu einem Festival dieses Ranges zwingend dazugehört: eine Oper von Christoph Willibald Gluck. Der Künst­le­rische Leiter, Hermann Max, und sein Team haben sich für ein Werk Glucks entschieden, das – aus gutem Grund – nicht täglich auf den Spiel­plänen der Republik steht. Le Cinesi ist eine Auftrags­kom­po­sition von niemand Gerin­gerem als der öster­rei­chi­schen Kaiserin, Maria Theresia, die als 17-Jährige eine Sopran­partie in Antonio Caldaras Chine­sinnen gesungen hatte, an den 40-jährigen Kompo­nisten, der da schon zu Erfolg­reichsten seiner Zeit gehört. Das Libretto stammt, wie so oft bei Gluck, von Pietro Metastasio. 1754 war Le Cinesi für ein Hoffest sicher eine gelungene Überra­schung und angenehmer Kurzweil.

Auch heute darf eine Handlung im Opern­museum noch langweilig und banal, aber dann muss sie wenigstens lang genug sein. Will man also dieses Gluck-Werk aufführen, hat man ein Problem. Denn die Geschichte vom Mann, der in einen chine­si­schen Frauen­salon „eindringt“, um seine Schwester zu besuchen, und mit dem man sich dann hübsche Theater­szenen ausdenkt, ist vergleichs­weise schnell abgehandelt. Schade aber wäre es um die wirklich eingängige Musik, die streichzart und affektiv daher­kommt. Um das Ganze aufzu­peppen, lädt Max das Duo Seiden­straße ein. Chanyuan Zhao und Benjamin Leuschner schaffen mit Percus­sions, Gesang und Ghuzeng, einer mehr als 2500 Jahre alten asiati­schen Zither, zeitge­nös­sische chine­sische Musik. Unter Arien und Rezitative mischen sich nun drei Stücke, die zart und poetisch, meditativ und rhyth­mus­stark daher­kommen. Die Brüche sind so stark, dass sie funktionieren.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Zusätzlich hat Max wieder Thomas Höft an Bord geholt, der den Abend in der Basilika moderiert. Hinter dem Podium, das vor dem Altar aufgebaut ist und dem Orchester wie den Solisten ausrei­chend Platz bietet, ist eine halbtrans­pa­rente Leinwand hochge­zogen, auf der die Projek­tionen von Valerij Lisac einge­blendet werden. Da gibt es unter anderem Chinoi­serien zu sehen, Abbilder chine­si­scher Seiden­ta­peten, auf denen das bäuer­liche Leben in Gebirgs­land­schaften zu sehen ist. Und nicht nur das. Bevor aber das Geheimnis hinter der Leinwand gelüftet wird, begeistert Höft mit freige­spro­chenen Modera­tionen, die sowohl das Geschehen in der Oper mit viel Humor erläutern als auch die Stücke des chine­sisch-deutschen Dream­teams erklären. Das wird mit Schein­werfern hinter dem Vorhang angeleuchtet und weitet so die Bühne hinter den Vorhang aus.

Zwar sind die Musiker des Duos Seiden­straße, ihre Instru­mente und vor allem ihre Spiel­weise nur undeutlich erkennbar, aber die Musik begeistert ebenso eindrücklich wie die von Gluck, egal, ob es sich um die Melodie vom Singvogel, mit dem Straßen­theater um Elemente aus der Qin-Oper oder die Synthese der drei chine­si­schen Weltan­schau­ungen Daoismus, Buddhismus oder Konfu­zia­nismus in Wu Mai handelt.

Julie Comparini und Margot Oitzinger – Foto © O‑Ton

Verlö­schen die Schein­werfer hinter dem Vorhang wieder, schreitet die Gluck-Oper im Vorder­grund voran. Hier sitzen die vier Sänger vor dem Orchester und erheben sich nur dann, wenn sie die Arien singen. Nachdem Julie Comparini ihre Arie frei vorge­tragen hat, klammern sich die übrigen Sänger an ihre Parti­turen. Da geht viel an Wirkung verloren. Trotzdem können die Stimmen begeistern. Tenor Markus Brutscher singt den Silango voll aus und sorgt damit für viel Spaß. Auch Zhang Zhang weiß vor allem dann zu faszi­nieren, wenn sie sich vom Blatt löst und ihre Kolora­turen silbern durch die Halle der Basilika flirren. Dass Margot Oitzinger die Patzigkeit der Lisinga mit Schmollmund schön ausspielt, ist die erfreu­liche Seite ihres Auftritts. Dass ihr schön geschmei­diger Mezzo kein Volumen aufbringt, gar manches Mal unter dem wahrlich nicht übertrieben laut aufspie­lenden Orchester untergeht, irritiert.

Das Orchester La festa musicale bringt unter der Leitung von Hermann Max einen flotten Gluck auf die Bühne, der das Vorurteil der Lange­weile in der Alten Musik deutlich widerlegt. Und die Musiker haben sichtlich Vergnügen an der Musik des 18. Jahrhun­derts, die so gar nicht alt daher­kommt. Das Theater auf dem Theater soll sich nach dem Willen Glucks jeder Beurteilung entziehen und löst sich schließlich in einem Ballett auf, das freudvoll vom Quartett gesungen wird. Gelun­gener Abschluss eines ungewöhn­lichen, abwechs­lungs­reichen und damit kurzwei­ligen Abends.

Dem Publikum gefällt’s. Auch wenn sich bei den Tempe­ra­turen im frühherbst­lichen September niemand länger als nötig in der Kirche aufhalten will, fällt der Applaus herzlich und lang aus.

Michael S. Zerban

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