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Im Gleichschritt

MARSCH-MANIPULATION
(Anselm Dalferth)

Besuch am
17. September 2017
(Premiere am 3. September 2017)

 

Staats­theater Mainz

Der Aufstieg ins Glashaus des Mainzer Staats­theaters ähnelt einer Turmbe­steigung. Auf der Dachter­rasse, dem für das perfor­mance­artige Marsch-und-Text-Pasticcio eigentlich vorge­se­henen Spielort, bleibt immerhin der spekta­kuläre Ausblick auf die nahe Sankt-Martins-Kathe­drale bei Sonnen­un­tergang. Das unbeständige Wetter aber nötigt die rund 80-minütige Produktion, in den Glaszy­linder über Zuschau­erraum und Foyer des Staats­theaters umzuziehen. Dort nun also wird im Rahmen der von Hausdra­maturg und Regisseur Anselm Dalferth instal­lierten Reihe Hörtheater, die Musik­theater an ungewöhn­lichen Orten oder in sich erpro­benden Formaten präsen­tiert, vor etwa drei Dutzend Zuschauern der manipu­la­tiven Kraft des Marsches nachge­spürt. Die hat es in sich. Positiv ließe sich von Seit‘ an Seite schrei­tendem, liebe­vollem Einver­nehmen oder gemeinsam getra­genem Leid sprechen, wie es bei Hochzeits- oder Trauer­zügen ja auch der Fall ist. Doch offenbart sich gerade im Moorsol­daten-Marsch der Häftlinge aus dem Konzen­tra­ti­ons­lager Börgermoor bereits die Abgrün­digkeit von Marsch­musik. Die anwesenden SS-Schergen stimmten in den Sträf­lings­gesang ein. Militär­märsche wurden geschrieben, um notfalls dem Tod entgegen zu ziehen und klaglos im Kugel­hagel hinzusinken.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Zum Totlachen hingegen animiert die Eigen­kreation der Fastnachts-Hochburg Mainz, der Narhalla-Marsch von Carl Zulehner. Kein Zweifel, das reichlich vorhandene Material bietet beste Voraus­set­zungen, um das Publikum mit manipu­la­tiven Marsch­energien zu konfron­tieren. Der zweige­teilte Abend löst die Option freilich nur bedingt ein. Der erste Teil bietet ein buntes Potpourri der erwähnten Märsche vom Band samt einge­legter live gesun­gener Volks­lieder und teilweise instruk­tiver Texte. Von den beiden Darstellern ist die Opern­sän­gerin sparten­über­greifend gefordert. Während also die Vokalistin die konkret-poetische Formal­dienst­ordnung des Amtes für Heeres­ent­wicklung rezitiert, führt ihr Schau­spiel­kollege die entspre­chend zackige Gruß- und Marsch­gym­nastik aus. Der Kaser­nen­hofrea­lität enthoben, muten solcherlei Übungen hocha­müsant an. Die restlichen musika­li­schen Einspie­lungen und kurzen textlichen Erläu­te­rungen variieren das Thema eher punktuell, als dessen Substanz zu erfassen. Im zweiten Teil treten Bläser und Perkus­sio­nisten in fastnachts­mäßig schräg verfrem­deter philhar­mo­ni­scher Dienst­kleidung auf, um Mauricio Kagels Zehn Märsche um den Sieg zu verfehlen zu exeku­tieren.  Die humorigen, tiefer als übliche Militär­märsche liegenden und rhyth­misch grotesk verzerrten Musik­stücke fügen sich zu des briti­schen Performers Tim Etchells auf Grund ihrer Länge in der Wirkung verpuf­fenden Persi­flage auf eine politische Standardrede, die von einem passend charak­ter­losen und austausch­baren, dafür aber smarten Parla­men­tarier vorge­tragen wird.

Dalforth fokus­siert seine Regie vor allem auf die Lachnummer aus dem Amt für Heeres­ent­wicklung mit den zugehö­rigen Turnübungen des militä­ri­schen Zeremo­niells sowie die leeren Politi­ker­ti­raden hoch über dem Mainzer Guten­berg­platz, auf den hinab das häufig vom Publikum abgewendete perso­ni­fi­zierte Politi­ker­kli­schee  zu einer imagi­nären Zuhörer­schaft spricht, wenn es nicht gerade vom Rednerpult aus das reale Publikum mit seinen Platti­tüden traktiert.

Foto © Andreas J. Etter

Die Ausstattung von Jenny Mosen beschränkt sich auf wenige Requi­siten, von denen die wichtigsten das Rednerpult und eine schmale Treppe für den politi­schen Aufsteiger sind. Ferner sind rote Teppiche ausge­rollt. Mosens Kostüme für die beiden Darsteller bieten eine Mixtur aus militä­ri­schem Overall und Ausgehuniform.

Das Sound­design von Chris­topher Dahm kann mit seiner leicht verzer­renden Mikro­fonie weder den sich selbst entlar­venden Polit­ker­phrasen noch der Musik Kagels etwas hinzufügen.

Bläser und Perkus­sio­nisten des Philhar­mo­ni­schen Staats­or­chesters Mainz unter der Leitung von Mike Millard kosten die bizarre Schärfe der Kagel­schen Märsche nicht gänzlich aus.

Sopra­nistin Maren Schwier lässt sich als gesund­heitlich leicht beein­trächtigt ansagen. Dennoch singt und spielt das Mitglied des Mainzer Opern­studios engagiert und überzeugend.  Im ersten Teil des Abends nimmt der Schau­spieler Sebastian Brandes vor allem durch seinen Körper­einsatz für sich ein. Die Wirkung der vom Blatt rezitierten Politi­kerrede verliert nicht nur durch ihre Länge, sondern auch durch Textunsicherheiten.

Der Beifall ist freundlich.

Michael Kaminski

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