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AMERIKA
(Amarcord)
Besuch am
23. September 2017
(Einmalige Aufführung)
Oft sind die Veranstaltungsorte interessanter als die Aufführungen selbst. Gerade das Niederrhein-Musikfestival muss sich da immer wieder beweisen. Eine der Spielstätten ist die Langen-Foundation. Neben Schloss Dyck oder der Kirche Wickrathberg findet hier eine Umkehrung der Zeit statt. Schon die Anreise fasziniert. Das Navigationssystem kennt weder das Museum noch die Anschrift Raketenstation Hombroich 1. Hombroich? Museumsinsel Hombroich. Nach der intuitiven Eingabe der Adresse braucht es noch die Fantasie, an der Museumsinsel vorbeizufahren, um auf die ersten Hinweisschilder zu treffen. Das vorletzte Hinweisschild fehlt, aber mit genauem Blick auf die Schilder der Gegenfahrbahn merkt man das und wendet. Das erinnert an die Nutzung des Geländes, auf dem sich die Langen-Foundation heute befindet, in der Zeit des Kalten Krieges. Da waren in Neuss Nike-Raketen stationiert. Noch 1984 kam es hier zu Sitzblockaden und Demonstrationen der Friedensbewegung. Vier Jahre später wurden die Raketen demontiert und abtransportiert, 1990 wurde der Stützpunkt geschlossen. Die Adresse blieb. Über Kilometer führt eine schnurgerade Straße durch Felder, ehe man das Gebiet erreicht, in dem heute zahlreiche Künstler, Dichter, Komponisten und Wissenschaftler in Gebäuden arbeiten, die von exotischer Architektur geprägt sind. Darin liegt die Langen-Foundation.
Foundation ist das englische Wort für Stiftung und insofern gerechtfertigt, als Victor und Marianne Langen eine internationale Kunstsammlung zusammengetragen haben. Die galt es, in einem Gebäude zu versammeln, das von Tadao Ando entworfen und im September 2004 eröffnet wurde. Das Gebäude wurde „komplett privat finanziert“, wenn man großzügig von Steuerabschreibungen absieht. „Das größte Kunstwerk, das ich je erstanden habe“, kommentierte Stifterin Langen die Entscheidung. Und in der Tat, es ist, als betrete man eine andere Welt. Gefallen muss sie einem nicht. Sichtbeton und Glas, Materialien, die sich tief in eine natürliche Umgebung eingraben. Ein abweisender Sarkophag, in dem sich eine japanische Rollbildsammlung befindet, um den sich Ausstellungsräume in die Tiefe winden. Abgeschottet von der scheinbaren Transparenz riesiger Glasveranden. Ein Futurismus, der Kälte und Unbarmherzigkeit ausstrahlt.

Inmitten dieses Bunkers tritt im Rahmen des Niederrhein-Musikfestivals der A‑Cappella-Chor Ensemble Amarcord auf. Amarcord heißt im Italienischen „Ich erinnere mich“ und steht für das Resümee persönlicher Erfahrungen auf der Bühne. Seit einem Vierteljahrhundert begeistern die fünf Sänger das Publikum mit ihrem Können und ihren Erfahrungen. Jetzt steht eine Reise durch Amerika auf dem Programm. Die Besucher bekommen lediglich einen Zettel in die Hand, auf dem für den ersten Teil des Abends weitgehend unbekannte Werke stehen und der für die Zeit nach der Pause „Songs nach Ansage“ verspricht.
Um Amerika soll es sich drehen. Oder genauer um eine Reise durch das Amerika des 19. und 20. Jahrhunderts. Charles E. Ives studierte Musik, wurde dann aber Versicherungsvertreter, weil er einem Einkommen als Komponist misstraute. Mit seinem Lied For you and me eröffnen die A‑Cappella-Sänger den Abend in einem vollbesetzten Raum. Faszinierend, dass die ehemaligen Thomaner-Chor-Mitglieder unter einer Balustrade stehen, ohne dass es bei der Akustik Abstriche gäbe. Vier Motetten von Aaron Copland aus dem Jahr 1921 offenbaren die hohe Kunstfertigkeit der Sänger. Gleichwohl will sich ob der Gleichförmigkeit des Gesangs keine rechte Begeisterung einstellen. Das Gleichmaß größter sängerischer Qualität bleibt auch bei den Liedern von Lon Beery, Samuel Barber, Morton Feldman und Hanns Eisler erhalten. Angenehm kurze, aber informative Zwischenmoderationen vermitteln den Eindruck, einen vernünftigen Überblick über die Entwicklung der amerikanischen Liedkunst zu bekommen.
Nach der Pause beginnt das „Überraschungskonzert“. Die Notwendigkeit erschließt sich nicht. Aus dem Off ertönen erste Klänge, mit denen die Sänger mit Chattanooga Choo Choo von Glenn Miller auf die Bühne zurückkehren. Sie haben den Song als Sonderzug nach Pankow kennengelernt und erst später vom Original erfahren. In Westdeutschland war das umgekehrt. Mit Songs von Woody Guthrie und Tom Waits geht es weiter. Übertrumpfen kann Amarcord die Originale nicht. Nichtsdestotrotz können die zwei Tenöre und drei Bariton-Bässe das Publikum fesseln. Wobei Wolfram Lattke sehr angenehm eher als Countertenor denn als Tenor erklingt. Mit seinem „Aufschrei“ bei Swing low, sweet chariot zeigt Robert Pohlers, dass seine Bandbreite in der Stimme nicht in den Höhen endet. In seinem Solo bei Deep River beweist Holger Krause hervorragend, dass er erheblich mehr drauf hat, als den Hintergrundsänger zu spielen oder Instrumente zu imitieren. Sein Bass ist wirklich bewundernswert. Frank Ozimek offenbart besonders in Fly me to the moon und Lullaby of Birdland – und damit sind wir schon bei Frank Sinatra und Nat King Cole angekommen – die Feinheiten seines Baritons. Bass Daniel Knauft beweist in einer Zulage, von denen es, so viel sei schon verraten, gleich drei gibt, nicht nur seine Klangqualität, sondern auch eine Menge Humor. Der Höhepunkt ist aber sicher mit Hit the road, Jack von Ray Charles erreicht.
Das Publikum applaudiert frenetisch, vor allem, weil die Musiker auch einem Stromausfall mit größtmöglicher Souveränität begegnen. Das Niederrhein-Musikfestival geht weiter. Einen Höhepunkt hat es mit dem Auftritt von Amarcord aber sicher erreicht.
Michael S. Zerban