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„THEATRALISCHES“ KONZERT – LUTHER UND DIE CHORI MUSICI
(Diverse Komponisten)
Besuch am
23. September 2017
(Einmalige Aufführung)
Vom hohen musikalischen Standard der Interpretationen abgesehen, beeindruckt und überrascht Hermann Max immer wieder mit seiner offensichtlich unstillbaren und erstaunlich erfolgreichen Neugier auf verborgene Nischen des Repertoires. Dass der mittlerweile 76-jährige Chorleiter dabei überwiegend kleine Schätzchen und keine Museumsleichen entdeckt, davon kann man sich seit 25 Jahren auf seinem kleinen, aber hyperfeinen Festival Alte Musik Knechtsteden überzeugen.
Allein das Abschlusskonzert mit den von ihm auf Spitzenniveau gehaltenen Hauptensembles, der Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert, entpuppte sich als Schatzkästlein voller Überraschungen. Ein Abend mit dem Titel Luther und die Chori Musici kommt natürlich nicht an Johann Sebastian Bach vorbei. Und dass von diesem Giganten wenigstens eine Motette auf dem Programm steht, ist Ehrensache. Bemerkenswerter noch als die perfekt interpretierte Motette Der Geist hilft unser Schwachheit auf, mit dem der Abend und das Festival glanzvoll schließt, fällt der Blick auf Vertreter der Bach-Dynastie aus, die bisher kaum zur Kenntnis genommen wurden. Das Interesse an zumindest einigen Söhnen Bachs ist erfreulicherweise in den letzten Jahren gestiegen. Die zurückliegenden Generationen mit den Großvätern, Vätern, Onkeln und Vettern, die das ostdeutsche Musikleben lange vor der Geburt des Großmeisters belebten und bestimmten, blieben bisher nahezu unberücksichtigt.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Gewiss ist die Quellenlage nicht so reichlich bestückt wie bei Johann Sebastian und seinen Söhnen. Aber Max hat wieder einmal bewiesen, dass man fündig wird, wenn man nur danach sucht. Wobei nicht nur die kompositorische Qualität der Vorfahren beeindruckt, sondern auch der Bezug zum Zeitgeschehen und zum alltäglichen Leben, der teilweise andere Aspekte beleuchtet als das Werk Johann Sebastian Bachs, der seine Kindheit in relativ friedlichen Zeiten verbringen konnte. Ganz anders dessen Großonkel Johann Bach, der die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges durchleiden musste und in der ergreifenden achtstimmigen, zweichörig angelegten Motette Unser Leben ist ein Schatten zum Ausdruck bringt.
Ich habe dich ein klein Augenblick verlassen ist das „Concert für acht Stimmen und Basso continuo“ aus der Feder von Johann Sebastians Vetter Johann Ludwig Bach überschrieben, eines der wenigen Zeugnisse, die den damals alltäglichen Kindstod thematisieren. Angelegt ist das Werk als Dialog zwischen der Trauerklage der Eltern und den trostspendenden Botschaften des verstorbenen Kindes, das die Eltern mit der Gewissheit trösten möchte, dass es ihm in „Reich der Freuden“ gut gehe. Grandios komponiert, zeigt das Werk, dass der Tod eines Kindes den damaligen Eltern nicht weniger schmerzhaft ans Herz gegangen ist als uns heute und welche Kraft die Religion ausübte, um den trauernden Menschen eine Chance zu geben, die schrecklichen Ereignisse zu ertragen.

Einen zweiten Schwerpunkt setzt Max mit der Gegenüberstellung protestantischer und gegenreformatorischer Musik, die allesamt von pädagogischen Aspekten mitbestimmt wurden. Man sollte nicht vergessen, dass erst Luthers Impulse für eine hochwertige Schulbildung für Jungen und Mädchen, bei der das Musizieren und vor allem das Singen eine wesentlich größere Rolle spielten als im heutigen Schulwesen, die Jesuiten zur gegenreformatorischen Maßnahme anregten, ein eigenes, bis heute zu Recht hoch geschätztes Schulsystem zu etablieren.
Musikalisch von Interesse ist dabei der Vergleich dreier Motetten von Johann Hermann Schein, als Thomaskantor ein Vorgänger von Johann Sebastian Bach, mit Ausschnitten aus Giacomo Carissimis geistlichem Oratorium Jephtah aus dem Jahre 1650. Carissimi gehört zu den bedeutendsten Komponisten der Gegenreformation, und der Dialog zwischen Jephtah und seiner Tochter, die der Vater aufgrund eines furchtbaren Gelübdes opfern muss, ist stark vom monodischen, affektbetonten Stil der frühen Oper Monteverdis geprägt. Scheins Motetten sind noch dem älteren Chorstil verhaftet, orientieren sich jedoch gleichfalls an italienischen Stilen. Ein schönes Beispiel, wie stilistisch flexibel und aufgeschlossen die frühen Lutheraner musikalisch agierten. Durchaus im Sinne Luthers, der sich vehement gegen alle kirchenmusikalischen Einschränkungen, wie sie Pietisten und Calvinisten forderten, wehrte. Eine ästhetische Toleranz, von der letztlich auch Johann Sebastian Bach profitierte.
Am Niveau der Ausführung durch acht Sängerinnen und Sänger der Rheinischen Kantorei sowie der mit Chitarrone, Harfe, Violone und Orgel besetzten Basso-continuo-Gruppe des Kleinen Konzerts unter der souveränen Leitung von Hermann Max gibt es nicht das Geringste auszusetzen, auch wenn das Instrumentalquartett bisweilen klanglich stark im Hintergrund bleibt. Dabei belässt es Max freilich nicht. Er engagierte Gala Winter vom Schauspielhaus Hamburg, um den Abend zu einem „Theatralischen Konzert“ zu erweitern. Eine schwierige Aufgabe, die die junge Schauspielerin fantasievoll löst, indem sie nach Carissimis Jephtah mit Körper und Stimme den Schmerz Jephtahs über sein unseliges Gelübde intensiv und lautstark zum Ausdruck bringt. Nach der Pause stimmt sie das Publikum mit einer kurzen Pantomime ein, indem sie, still auf einem Stuhl sitzend, in krasse Unruhe verfällt und ihren ganzen Körper zum Schütteln bringt. Momente der inneren Erregung, die durchaus zu den gewählten Musikstücken passten, auch wenn mancher Besucher etwas verwundert reagiert.
Insgesamt ein großartiger Abend. Entsprechend begeistert fällt der Beifall des aufmerksam zuhörenden Publikums zum glanzvollen Abschluss des Festivals aus.
Pedro Obiera