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LE GRAND MACABRE
(György Ligeti)
Besuch am
29. September 2017
(Premiere am 8. September 2017 am Theater Luzern)
Die erste Halbzeit will ich durchhalten; dann gehen wir!“ begrüßt im Meininger Staatstheater ein Senior mit gepflegtem Weißhaar jovial über mehrere Parkettreihen hinweg einen Bekannten. Seine Frau im Schlepptau nickt das Selbstverständnis, ich ist gleich wir, im vorauseilenden Gehorsam zustimmend ab. Nach der Pause von Le Grand Macabre bleiben ihre Plätze tatsächlich leer.
Ihre ignorante Hoffärtigkeit wäre ihnen möglicherweise vor die Füße gefallen, hätten sie sich wie die allermeisten Opernbesucher von Herbert Fritschs bildmächtiger, opulent inszenierter Aufführung von György Ligetis Oper ins prall bunte Leben zurückreißen lassen. Denn der Tod kommt mit Sicherheit. Wenn er kommt, kommt er immer zu früh. Deshalb hat er auch noch Zeit. „Leb‘ wohl solang in Heiterkeit“ – bis es so weit ist – bejaht Le Grand Macabre das Leben und resigniert nicht. Am Ende sind es gefühlt mehr als 20 Vorhänge, die das enthusiastisch applaudierende Meininger Publikum wie eine eigene Lebensversicherung einfordert.
Ligeti spielt mit Le Grand Macabre nach einem Libretto von Michael Meschke und ihm selbst, frei nach Michel de Ghelderodes Schauspiel La Balade du Grand Macabre das infernalische Szenario eines angekündigten Weltuntergangs durch.
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Fritschs Inszenierung in der revidierten Version von 1996 am Luzerner Theater, die für zwei Vorstellungen nach Meiningen gekommen ist, gründet auf einen assoziationsreichen Bilderbogen. Die Bühne, von ihm selbst entworfen, verdoppelt und überhöht durch einen spiegelnden Boden Ligetis groteske Anti-Oper in ein Irgendwo und Irgendwann. „Im Fürstentum Breughelland im soundsovielten Jahrhundert“ vereinigen sich Mysterienspiel, Farce sowie Moritat zu einem surrealistischen Spiel.
Nekrotzar, Le Grand Macabre, ein imaginärer Willkürherrscher, verkündet in Allmachtspose den Weltuntergang. Die Konstellationen der Kometen zeigen Rot. Rot gleich Blut gleich Tod fungiert in Fritschs Inszenierung als Signalfarbe. Das Grab, ein rot ausgeleuchtetes Rechteck im Boden, rot Nekrotzars Kostüm, mit großen roten Punkten die unter Mescalinas Kleid baumelnden Brüste markiert. „Blut schmeckt gut.“
Eingerahmt von einfarbigen Särgen, hat Fritsch an der offenen Bühnenrückwand verschiedene Schlagwerke, inklusive diverser Autohupen und an Sirenen erinnernde Tongeber, Klavier, Harfe, Xylophon sowie E‑Piano, Celesta und Orgel platziert. Im Wechselspiel mit dem Orchester im Graben sowie im letzten Akt mit Trompeten und Posaunen in der Loge im ersten Rang gelingt Philippe Bach, Generalmusikdirektor des Meininger Staatstheaters am Pult der Meininger Hofkapelle ein dialogisch durchmischter Klang.
Zusammen mit ausdrucksstark singenden und spielenden Solisten, die mehrheitlich fest engagierte Mitglieder des Luzerner Theaters sind, sowie mit seinem Chor in Mark Davers Einstudierung und seiner Statisterie entwirft Bach einen opulenten, farbig schillernden Ligeti-Kosmos. Schon frühzeitig in die Inszenierung in Luzern eingebunden, zeigt Bach, was die Meininger Hofkapelle an orchestraler Dynamik zu leisten imstande ist. Die wie von Sirenentönen eingeleitete Sequenz „Der Tod kommt“, kraftvoll akzentuiert von einer Bass-Trompete, lotet die Hofkapelle mit sinfonischer Bravour in klangmalerischer Differenz aus.
Die ambitionierte Ausleuchtung von David Hedinger-Wohnlich und die in satter Farbigkeit glänzenden Kostüme von Bettina Helmi synästhetisieren Fritschs Bildwelt, als würden Ton und Farbe sui generis in jedem Augenblick neu entstehen. Wechselnd im Widerstreit von Eros und Thanatos.
Der Theatermagier Fritsch erliegt nicht der Versuchung, Ligetis schrill absurdes Musiktheater tagespolitisch zu instrumentalisieren. Die Lust am Spiel, wo Bilder ihre eigenen Abziehbilder kolportieren, wo Texte fragmentarische Versatzstücke bleiben und wo Autohupen musikalischen Esprit behaupten dürfen, sind sie Referenz- und Reflektionsangebote freigesetzter Fantasiekraft, die das Publikum selbst ausdeuten kann. Oder vielleicht sogar noch mehr: Allein sinnlich und lustvoll in Klang, Licht und Spiel zu schwelgen.

Dass Fritsch auf eine vollständige Übertitelung des Librettos verzichtet und nur auszugsweise handlungsorientierte Kurztexte einblendet, unterläuft bewusst ein unbedingtes Verstehenwollen zugunsten einer dadaistisch präferierten Offenheit.
Mit dem Countertenor Hubert Wild glänzt in der Rolle des Fürsten Go-Go ein kompletter Sänger-Schauspieler. Wild, den Fritsch in vielen seiner Inszenierungen in den letzten Jahren an der Volksbühne Berlin eingesetzt hat – 2016 auch in Purcells King Arthur an der Oper Zürich – schafft eine faszinierende Spieldichte. Seine komödiantische Präsenz sowie seine sängerische Noblesse überzeugen an diesem Abend außerordentlich.
Der Tenor Robert Maszl garantiert als Piet vom Fass im Blick auf das aberwitzige Libretto eine musikalische und narrative Kontinuität vor allem für Claudio Otellis sängerische und spielerische Omnipräsenz als Nekrotzar. Otelli sprüht vor stupender Spielfreude, die von seinem temperierten Tenor durchgängig bis zum Schluss ohne Anzeichen erlahmender Energie getragen wird.
Belcanteske Koloraturen von Diana Schnürpel als Venus und Geheimdienstchef Gepopo dramatisieren – einerseits lyrisch verhalten, andererseits verschlagen distinguiert – szenische Dispositionen wie Sarah Alexandra Hudarews verführerisch gurrender Mezzosopran eine an der Impotenz des Hofastrologen Astradamors verzweifelte Mescalina mit einer dramaturgisch klug dosierten lasziven Erotik spielt. Nicht vordergründig vulgär, die in den Praktiken des Regietheaters mehr Denunziation des weiblichen Körpers als Provokation häufig ins Leere läuft, schließt Hudarews Spiel erotische Fantasien nicht aus, sondern schließt sie vielmehr als Teil einer bejahenden Lebenslust ein.
Vuyani Mlindes Bass pumpt Astradamus‘ Selbstbewusstsein auf, treibt ihn zum nur zeitlich begrenzt wirksamen Mord an Mescalina. Nach dem Rohrkrepierer-Weltuntergang, den das lesbische Liebespaar Amanda und Amando in Liebe verschlafen haben, finden sich alle auf dem Friedhof wieder. Im Breughelland, im Himmel?
Amanda und Amando, von Magdalena Risberg und Karin Torbjörnsdóttir stimmlich mit Sopran und Mezzosopran harmonisch abgestimmt, von Bettina Helmi mit einem Mantelüberwurf kostümiert, der erst mit seinen beiden Hälften ein Ganzes ergibt, ist es egal. Sie haben die Weltuntergangsvisionen liebend verpasst.
Am Ende versichern sich alle Weltuntergangsüberwinder eines Lebens für eine unbestimmte, geborgte Zeit. Zur Sicherheit, dass das Ende nicht verpasst wird, legen sie sich in die farbigen, hell ausgeleuchteten Särge und schlafen.
Wer sich von Fritschs kraftvollem, lebendigem Musiktheater überzeugen will, sollte Le Grand Macabre nicht versäumen. Im Luzerner Theater gibt dazu bis Mitte Oktober noch drei Mal Gelegenheit.
Peter E. Rytz