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Foto © Manuel Vason

Tanz auf dem Seil

EL CRUCE SOBRE EL NIÁGARA
(Acosta Danza)

Besuch am
3. Oktober 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Inter­na­tionale Tanzwochen Neuss, Stadt­halle Neuss

Jetzt beginnen sie wieder: die Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss. Monat für Monat bringt der Künst­le­rische Leiter Rainer Wiertz insgesamt sechs inter­na­tional hochrangige Compa­gnien in die Stadt­halle Neuss. Eines wissen die Tanzgruppen schon ganz sicher, ehe sie anreisen: Dass sie vor ausver­kauftem Haus auftreten werden. Das ist seit vielen Jahren so, und eindrucksvoll ist nicht nur die Zahl der verkauften Abonne­ments – mehr als die Hälfte der Plätze sind so schon im Vorfeld vergeben – sondern vor allem der Umstand, dass die wenigsten von Erstkäufern erworben werden.

Wiertz ist bekannt und beliebt dafür, dass er ein mehr als glück­liches Händchen beim Einkauf der Compa­gnien hat. Dementspre­chend hoch sind die Erwar­tungen zur Auftakt­ver­an­staltung. Dem Kultur­re­fe­renten der Stadt Neuss kann das so was von egal sein. Denn er hat Acosta Danza aus Kuba einge­laden. Von Carlos Acosta ist die hübsche Geschichte überliefert, dass er im September vor zwei Jahren ankün­digte, er wolle am Royal Ballet London die Haupt­rolle in einer neuen, von ihm selbst insze­nierten Carmen tanzen und nach Saisonende 2016 nur noch in zeitge­nös­si­schen Stücken auftreten. Parallel gründete der inter­na­tional anerkannte Ballett­tänzer in Havanna eine eigene Compagnie. Der Kubaner, der vom eigenen Vater zur Ballett­aus­bildung gezwungen wurde, sieht diese Gründung als politi­schen Akt. Er will den gesell­schaft­lichen Umbruch, der in Kuba einge­leitet ist, im Tanz wider­spiegeln. Wie auch immer der letztlich aussehen mag.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Den Neussern kann die gesell­schaft­liche Entwicklung in Kuba zunächst einmal vergleichs­weise egal sein. Wenn daraus nicht ein mehr als abend­fül­lendes, ja, nahezu atembe­rau­bendes Programm resul­tierte. Und es in Acostas Zielsetzung passte, nach verges­senen, aber bedeu­tenden kubani­schen Stücken zu suchen. So stieß er auf El Cruce Sobre El Niágara – Die Überquerung der Niagara-Fälle. Die Geschichte des franzö­si­schen Artisten Charles Blondin ist weithin bekannt. Am 30. Juni 1859 überquerte er erstmals die Niagara-Fälle auf einem Hochseil. Danach wieder­holte er das Kunst­stück in zunehmend schwie­ri­geren Versionen, bis er schließlich einen Mann auf seinem Rücken über den Abgrund trug. Marianela Boan hat daraus eine Choreo­grafie geschaffen, die in Neuss zwei Muskel­pakete in String-Tangas im Schat­ten­spiel von Weißlicht zeigt. Zwei kreis­runde Spots markieren Anfangs- und Endpunkt des Hochseils. Dazwi­schen ertasten Carlos Luis Blanco und Alejandro Silva 23 Minuten lang die Emotio­na­lität und Bewegung dieses Draht­seilakts. Zum Quartett für das Ende der Zeit von Olivier Messiaen gelingt eine intensive, zeitge­nös­sische Tanzper­for­mance, bei der man im Saal eine Steck­nadel hätte fallen hören können – und das Gebell eines Emphy­se­ma­tikers in Reihe 7.

In nahezu verharm­lo­sendem, aber gewolltem Kontrast folgen die Belles Lettres von Justin Peck mit Spitzentanz und allem, was das klassische Ballett hergibt, inklusive eines inten­siven Solos von Mario Sergio Elías. Tänze­risch großartig gemacht, kommt die Choreo­grafie in 18 Minuten nicht an die Ausstrah­lungs­kraft des Vorgängers heran. Begleitet wird das Stück vom Solo de piano avec accom­pa­gnement de quintette à cordes von César Franck. Wunderbare Musik, da kann man auch einfach mal die Augen schließen, obwohl auch in der Blümchen-Choreo­grafie das Handwerk­liche überragend gut gelingt.

Foto © Manuel Vason

Silvio Rodriguez gilt als einer der besten Folk-Sänger Kubas und einer „der wichtigsten Sänger und Songschreiber Latein­ame­rikas“. Acosta bat ihn, für das Werk Impon­derable – unwägbar – von Goya Montero eine spezielle Fassung seiner Titel Con diez años de menos, Fabulas de los 3 Hermanos, Te Amaré und Ojalá zu arran­gieren. Auf dieser Grundlage schafft Montero eine Choreo­grafie, die ihn in den Olymp der Choreo­grafen torpe­dieren wird. Einzig­artig, einfalls­reich, ja, genial stellt er das Corps in den Mittel­punkt, lässt es in taktgenau wechselndem Weißlicht mit einem wahnwit­zigen Ideen­reichtum in ungeahnten Forma­tionen antreten. Schließlich geht das Licht aus und die Tänzer sorgen mit LED-Taschen­lampen für nie gesehene Licht­ef­fekte. 25 Minuten währt die Raserei, die Orgie aus weißem Licht, Theater­nebel und schwarz­ge­klei­deten Tänzern. Und eigentlich hätte das schon gereicht für einen großar­tigen Abend.

Aber Acosta setzt noch mehr drauf. Er selbst tritt in einem Duett mit Marta Ortega auf. Sidi Larbi Cherkaoui hat Mermaid – Meerjungfrau – zur Gymno­pedie von Erik Satie choreo­gra­fiert. Mit heute 44 Jahren tanzt Acosta gern weiter, nur mit klassi­schen Rollen will er nichts mehr zu tun haben. Und Mermaid ist alles andere als klassi­sches Ballett. Sondern Mermaid bedeutet viel Spaß. Ortega mimt in blutroter Abendrobe eine betrunkene Frau, die das leere Glas noch in der Hand hält. Eine wirklich köstliche, zwölf­mi­nütige Choreo­grafie, die ihr Potenzial nicht voll ausschöpft.

Dem Publikum ist das gleich­gültig. Es neigt inzwi­schen längst zur Raserei. Johlen, Jubilieren, Klatschen können die Freude über das Gesehene nicht ausrei­chend belohnen. Und dabei haben die Besucher das letzte Stück noch nicht gesehen. Hier ist es nicht mehr zu bremsen. Der Zwischen­ap­plaus nimmt überhand.

Und das liegt daran, dass Acosta einen Workshop für seine Tänzer von Jorge Crecis in eine Choreo­grafie übertragen ließ. Zur Musik von Vincenzo Lamagna lassen die Tänzer die Flaschen fliegen. „Es ist sehr extra­vagant, stellt den Tanz auf den Kopf und bricht mit jeder Schablone – genau das, womit ich mich besonders gern befasse“, beschreibt Acosta das Stück. 20 Minuten lang bewerfen sich in Twelve die Sänger mit Flaschen, gern auch in perfekter Synchro­ni­sation. Jonglage ist gequirlte Lange­weile gegen das, was in der Stadt­halle stattfindet.

Sicher, man hätte das alles um etliche Minuten kürzen können, ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren. Die Musik kommt – wenn auch in einwand­freier Qualität – vom Band. Dennoch kann man festhalten: Die Inter­na­tio­nalen Tanzwochen Neuss sind auch in diesem Jahr wieder mit einem Pauken­schlag eröffnet worden.

In den kommenden Monaten werden Compa­gnien aus Frank­reich, England, Amerika und China erwartet.

Michael S. Zerban

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