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Foto © Lucie Jansch

Gescheiterte Muschis

ELLBOGEN
(Fatma Aydemir)

Besuch am
5. Oktober 2017
(Premiere am 15. September 2017)

 

Düssel­dorfer Schau­spielhaus, Central, Kleine Bühne

Fatma Aydemir erregte mit ihrem in diesem Jahr erschie­nenen Debüt­roman viel Aufsehen. Ellbogen erzählt die Geschichte von Hazal Akgündüz. Schulisch gescheitert, sitzt sie ihre Zeit in einer Bildungs­maß­nahme ab, wo sie das Schreiben von Bewer­bungen lernen soll, und arbeitet schwarz bei ihrem Onkel in der Bäckerei. Ihr Zuhause im Berliner Wedding ist von türki­schen Konven­tionen geprägt, ihr Umfeld von Klein­kri­mi­na­lität. Mit Memeth, der im Sehnsuchtsort Istanbul lebt, verbindet sie eine Skype-Beziehung. Ihren 18. Geburtstag will sie mit Freun­dinnen in einer Diskothek feiern. Dort werden sie am Eingang abgewiesen. Betrunken und enttäuscht machen sie sich auf den Heimweg. Im U‑Bahnhof treffen sie auf einen deutschen Studenten, der sie aus ihrer Sicht provo­ziert. Ihre ganze Wut auf das Leben bricht aus den Mädchen heraus, und sie treten den jungen Mann halbtot, ehe Hazal ihn auf die Gleise stößt, wo er stirbt. Die junge Frau flieht nach Istanbul zu Mehmet, der sich als Junkie entpuppt. Die Zukunft ist ungewisser denn je, aber der Lebensmut wächst.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Es gibt in dieser fiktiven Geschichte keine Gewinner. Und zu den Verlierern zählen auch die Leser, die sich durch eine „milieu­ge­treue“ Sprache quälen müssen, die sich zwischen Opfer, Alter, Muschi und Fotze in Belang­lo­sig­keiten erschöpft. Regisseur Jan Gehler hat sich davon nicht abschrecken lassen und das Werk in der Theater­fassung von Robert Koall auf die Kleine Bühne des Central, der Ausweich­spiel­stätte des Düssel­dorfer Schau­spiel­hauses am Haupt­bahnhof, gebracht. Sabrina Rox hat dazu eine sparta­nische Bühne entworfen. Eine Doppel­reihe von überdi­men­sio­nalen Lautspre­cher­boxen, die mögli­cher­weise für trostlose Wohnblocks stehen, muss ausreichen, um sich darauf und davor zu tummeln. Später wird diese Reihe in den Hinter­grund unter ein Netz von Leucht­körpern zurück­ge­fahren. Konstantin Sonneson unter­stützt die Dramatik mit zurück­hal­tenden, aber effekt­vollen Licht­ein­sätzen. In dieser Umgebung tummeln sich die vier Schau­spie­le­rinnen in „milieu­ty­pi­schen“ Kostümen. Oder solchen, die Claudia Irro dafür hält. Trainings­hosen, T‑Shirts und Glitzer­jacken, zwischen­zeitlich ein paar High heels, schmücken die Damen nicht, unter­streichen aber die ganz eigene Kleider­kultur jener Kreise, die hier darge­stellt werden. Komponist Vredeber Albrecht untermalt die Gescheh­nisse mit einer pulsie­renden, nur selten in den Vorder­grund tretenden Geräuschkulisse.

Foto © Lucie Jansch

Gehler schickt die Jungschau­spie­le­rinnen in einen zweistün­digen Sprech­ma­rathon, statt Handlung zu zeigen. Wechseln im ersten Teil lautstarke Dialoge noch mit chori­schen Ausfüh­rungen, setzt mit der Flucht Hazals nach Istanbul ein nahezu halbstün­diger Monolog ein. Das bringt selbst langjährig erfahrene Schau­spieler an ihre Grenzen der Leistungs­fä­higkeit und so sind bei einer ungeheuren Textflut Hänger vorpro­gram­miert. Trotzdem leisten die Darstel­le­rinnen, die übrigens allesamt ihr Abitur und ein abgeschlos­senes Studium vorweisen können, schier Unmögliches.

Cennet Rüya Voß hat als Hazal den Löwen­anteil am Stück. Mit unglaub­licher Energie kämpft sie sich durch die zwei Stunden, und das allein hat Lob verdient. Lou Strenger als Elma und Florenze Schüssler als Gül bleiben in Berlin an ihrer Seite und unter­streichen gekonnt das Milieu­hafte. Als Tante Semra, die später noch in Istanbul auftaucht und den Mammut-Monolog von Hazal kurz unter­bricht, nimmt Tabea Bettin eine zusätz­liche Sonder­rolle ein, die sie ebenso bravourös löst wie die Rolle der Ebru.

Am Ende steht fest, dass Koall es sich mit dieser Fassung ein wenig zu einfach gemacht hat, auch wenn Gehler sich alle Mühe gibt, den Spannungs­bogen aufrecht­zu­er­halten. Die Freude darüber, dass vor allem Voß von einer nahezu unmensch­lichen Aufgabe erlöst ist, überwiegt beim Publikum, das begeis­terten Applaus ob der schau­spie­le­ri­schen Aufgabe spendiert.

Michael S. Zerban

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