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L’INCORONAZIONE DI POPPEA
(Claudio Monteverdi)
Besuch am
5. Oktober 2017
(Premiere am 24. September 2017)
Nach drei Händel-Opern blickt das Aachener Theater noch ein Jahrhundert weiter zurück und stellt sich mit Claudio Monteverdis Oper L’Incoronazione di Poppea – Die Krönung der Poppea – besonders heiklen musikalischen Anforderungen, die erfreulich gut gelöst werden. Und mit dem Regisseur Jarg Pataki hat man bereits die drei Händel-Opern so überzeugend auf die Bühne stellen können, dass man sich zum 450. Geburtstag Monteverdis auch szenisch an dieses Spätwerk des Renaissance-Meisters wagen konnte.
Auch wenn das 1642 in Venedig uraufgeführte Werk für die Karnevalssaison komponiert wurde, ist es weit entfernt von oberflächlichem Amüsement. Und selbst technisch aufwändiger und effektvoller Bühnenzauber spielt keine große Rolle. Schließlich ist es dem ersten öffentlichen und damit kommerziellen Opernhaus der Musikgeschichte zugedacht, das sich finanziell selbst tragen und entsprechend kostengünstig agieren musste. Sogar auf einen Chor und einen Bläserapparat wird verzichtet.
| Musik | ![]() |
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Mitten im venezianischen Karnevalsgetümmel wirkt das Werk wie der Spiegel einer moralisch zerrütteten Epoche. Den allegorischen Streit zwischen der selbstbewussten Fortuna und der quasi aus dem letzten Loch pfeifenden Tugend entscheidet als lachender Dritter Amor, der die Fäden der Handlung fest in Händen hält. Die ganze Handlung um Nero, der seine Gattin Ottavia der attraktiven Poppea zuliebe verstößt, entpuppt sich als ein Spiel um Macht und Liebe. Auch wenn es am Ende zu der ersehnten Heirat kommt und sogar ein weiteres, zuvor heftig leidendes Paar, Drusilla und Ottone, zueinanderfinden, lassen die Ränkespiele viele Opfer oder zumindest Narben zurück.
Es spricht für Monteverdi und seinen Librettisten Giovanni Francesco Busenello, dass sie ihre moralischen Zeigefinger zurückhalten und die Figuren psychologisch fast so komplex und differenziert charakterisieren wie 150 Jahre später Mozart in seinen besten Opern. Nero zeigt sowohl Gefühlskälte gegenüber Ottavia, zwingt sogar Seneca, den letzten aufrichtigen Verteidiger einer offenbar überholten Moral, in den Tod, erweist sich aber als sensibler Liebhaber Poppeas und verzeiht Drusilla einen Mordanschlag. Nicht minder schillernd angelegt sind die anderen Figuren wie Poppea, die sich von der Macht Neros erotisch anziehen lässt, oder Ottone, der zeitweise selbstversunken nur seinem eigenen Schmerz nachjammert.
Regisseur Jarg Pataki konzentriert sich auf eine feine Personenführung und verzichtet auf äußerlichen und exponiert theatralischen Pomp. Die psychischen Verwicklungen kommen deutlich zum Ausdruck, wobei er folgerichtig auch das Happy End mit der Hochzeit eher verhalten inszeniert. Die Figuren bewegen sich stets etwas statisch puppenhaft und bilden einen künstlichen Kontrast zum Ambiente, das Assoziationen an den venezianischen Karneval auslöst. Auch wenn Monteverdi auf einen Chor verzichtet, spart Pataki nicht an einer dezent maskierten Statisterie. Die tänzelt mehr inmitten der weiß betonten Ausstattung von Pia Greven, als dass sie geht.

Das Bühnenbild beherrscht ein kokonartiges, ovales Gehäuse wie aus einem Bild von Hieronymus Bosch, das Neros Palast in glänzendem Weiß erscheinen lässt, doch letztlich wie ein Wespennest anmutet. Flankiert wird der Kokon von zwei Türmen, auf denen sich die Figuren, wie Seneca bei seinem Freitod, zurückziehen, aber auch, wie Poppea, ihre vermeintliche Überlegenheit über das menschliche Gewürm am Boden ausspielen können. Auch die Kostüme von Sandra Münchow beherrscht das trügerische Weiß der Reinheit, das lediglich von den roten, üppig drapierten Gewändern der Poppea einen farbigen Akzent erhält.
Das Sinfonierochester Aachen unter Leitung des kommissarischen Generalmusikdirektors Justus Thorau hat sich der für ein städtisches Kulturorchester ungewohnten und besonders schwierigen Aufgabe mit großer Sorgfalt gewidmet und mit dem erfahrenen Spezialisten Gerd Amelung eigens einen Coach in Sachen historischer Aufführungspraxis engagiert. Mit Erfolg. Auch wenn das Orchester auf Bläser verzichtet und sich mit Streichern und Lauteninstrumenten begnügt, erzielt Thorau einen farbigen Klang und vor allem ein lebendiges, dramatisch durchblutetes Spiel.
Eine gute Vorlage für das vorzügliche Ensemble, das natürlich nicht ganz ohne Gäste auskommen kann. Unfreiwillig aufgrund der Erkrankung des hoch begabten Ensemblemitglieds Suzanne Jerosme als Poppea, die in der zweiten Vorstellung durch die ebenbürtige und bereits rollenerfahrene Sopranistin Josefine Göhmann vom Studio der Opéra National Lyon ersetzt wird. In Lyon sang sie in den letzten Monaten im Wechsel sowohl die Poppea als auch die Drusilla in der legendären Inszenierung von Klaus Michael Grüber. Gesanglich lässt die junge Sängerin nicht den geringsten Wunsch offen und gestalterisch passt sie sich nahtlos in die Inszenierung ein. Für die Rollen des Nero und des Ottone verpflichtete man mit Riccardo Angelo Strano und Owen Willetts zwei exzellente Countertenöre, und aus den Reihen des Ensembles glänzen sowohl Katharina Hagopian als Ottavia, Jelena Rakić als Drusilla als auch Woong-jo Choi als Seneca mit seiner gewaltigen Bassstimme.
Großer Beifall für eine exzellente Monteverdi-Produktion.
Pedro Obiera