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Der Doyen der deutschen Komponisten, Aribert Reimann, hat schon oft die Werke von literarischen Riesen als Vorlage für seine Opern verwendet – Lear von Shakespeare, Das Haus der Bernarda Alba von Federico Garcia Lorca, um nur zwei Beispiele zu nennen. Nun hat Reimann drei kurze Geschichten von Maurice Maeterlinck – ursprünglich für Marionettentheater geschrieben – als literarische Vorlage für das Libretto seiner neunten Oper genommen: L’Intruse – der Eindringling, Intérieur und La Mort de Tintagiles werden als L’Invisible – der Unsichtbare – in einer 90-minütigen, zusammenhängenden Mini-Trilogie präsentiert. Die Werke des Symbolisten Maeterlinck sind bekannt für Figuren, die scheinbar aus einer anderen Welt stammen – etwa die Mélisande, die alle in Pelléas et Mélisande verzaubert.
In der gut bürgerlichen Gesellschaft von L’Invisible hat alles – oberflächlich – seine Ordnung. In der ersten Geschichte sitzt die Familie um einen Tisch und wartet, dass es der jungen Frau, die ein Kind geboren hat, aber jetzt im Fieber liegt, bessergeht – oder nicht. Da erahnt der blinde Großvater einen unsichtbaren Eindringling. Reimann komponiert in diesem ersten Teil ausschließlich für Streicher. Clusterartige Akkorde steigern die Spannung, bis hin zum ersten Schrei des Kindes, der zugleich den Tod der Mutter ankündigt und von den erst jetzt einsetzenden Holzbläsern regelrecht herausgepresst wird.
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In der zweiten Geschichte ist gerade Weihnachten, und die Familie packt Geschenke aus. Zwei alte Männer haben die Leiche einer der Töchter der Familie im Fluss gefunden. Nun sinnieren sie, ob sie es der Familie jetzt oder später sagen sollen. Passend zu diesem kammermusikalischen Intérieur spielen nur Holzbläser, inklusive Bassflöte, Heckelphon und Kontrabassklarinette.
In der dritten Geschichte geht es um einen jungen Thronfolger, der in das Schloss seiner Großmutter geholt wird. Sie ist eine machtgierige Königin. Seine zwei Schwestern probieren, ihn vor den mordenden Dienerinnen der Großmutter zu schützen. Letztendlich gelingt es ihnen nicht. Jetzt erklingt das volle Orchester, inklusive Blechbläsern, Schlagwerk und zwei Harfen.
Die Regie von Vasily Barkhtov deutet auf eine fast Chekov- oder Chabrol-artige, oberflächliche Normalität. Unterstützt von den bürgerlichen Bauten des Einheitsbühnenbildes mit zurückweichenden Fronten von Zinovy Margolin, sieht es vorab aus wie eine schöne, heile Welt. Auch die braven Kostüme von Olga Shaishmelashvili lassen nichts Schlimmes erahnen und passen sich der monochromen, grauen Ästhetik an. Durch die schattenrissartigen Videoprojektionen von Robert Pflanz wird dann das Unsichtbare sichtbar – Wesen aus einer anderen Welt schweben über die Hausfassade, menschliche Gestalten erzählen die Parallelgeschichte der Dorfbewohner, die die Leiche aus dem Fluss heben, das Spiel um Leben und Tod nimmt sehr reale Formen an.

Wie kein anderer Komponist der Gegenwart schreibt Reimann für die Stimme – und Rachel Hamisch, die die Hauptpartien in allen drei Teilen verkörpert – würdigt das mit ihrem klaren, kultivierten Sopran. Besonders im dritten Teil drückt sie ihre Verzweiflung mit sicheren Koloraturen in einem großen Monolog aus. Auch Mezzosopranistin Annika Schlicht kann sich mit der Doppelrolle von Marthe und Bellangère behaupten, wie auch Bariton Seth Carico als Vater. Der souveräne Bass-Bariton von Stephen Bronk in der Dreifach-Partie von Großvater, Altem und Aglovale verankert die Handlungen besonders im zweiten Teil. Hier drückt er – mit dem blassen, aber durchschlagskräftigen Tenor von Thomas Blondelle als Fremder – die Zweifel aus, wie und wann man schlechte Nachrichten überbringen soll.
Drei Countertenöre begleiten und kommentieren die Geschehnisse, ähnlich einem griechischen Chor. Tim Severloh, Matthew Shaw und allen voran Martin Wölfel tauchen erst im dritten Teil auf der Bühne als Dienerinnen der bösen Königin auf. Hier sind sie als Krankenpfleger getarnt, die das Kind Tintagiles abholen, um es zu töten. Der Junge Salvador Macedo hat eine Sprechrolle, die in seiner Unschuld umso stärker wirkt.
Donald Runnicles führt das sehr engagierte Orchester der Deutschen Oper sicher über die kultivierten Dissonanzen und Mikropolyphonie der Partitur. Seit Aribert Reimann die drei Stücke an der Berliner Schaubühne vor Jahrzehnten gesehen hat, wollte er eine Oper hierzu komponieren. Nun hat ihm die Deutsche Oper Berlin mit diesem Auftragswerk die Gelegenheit dazu gegeben und sich selbst und dem Komponisten einen großen Erfolg gesichert.
Nur selten dürfte man ein so begeistertes Premierenpublikum am Haus erlebt haben wie bei dieser Uraufführung.
Zenaida des Aubris