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Das britische Kunstschaffen folgt Tendenzen, die sich von den kontinentaleuropäischen oft grundlegend unterscheiden. So behalten die Bildenden Künste immer ein gegenständliches Moment bei. Die Dramatik baut auch weiterhin auf das well-made play. Regisseure erzählen Geschichten. Nicht anders Keith Warner.
Beklemmend, wie unerbittlich Warner für die Fischer an der englischen Ostküste die heimatliche Kleinstadt Welt sein lässt. In keinem Bewohner dieses geschlossenen Kosmos‘ keimt der ernstliche Wunsch auf, die engen Schranken zu durchbrechen. Selbst für den Außenseiter Peter Grimes soll sich die Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit in gewohnter Umgebung erfüllen. Schreckt daher Ellen Orford, auf die sich der Heiratswunsch des schroffen Sonderlings richtet, vor der Bindung an Grimes zurück, weil sie den rohen Umgang des Fischers mit seinen Lehrjungen nicht erträgt, dann schaudert ihr vor einer Brutalität, die nur die Kehrseite der latenten, immerfort nach Gelegenheit zum Ausbruch suchenden Gewaltbereitschaft im Kaff ist. Denn das die Gemeinschaft seiner Bewohner konstituierende Element ist die Überzeugung von der Notwendigkeit eines Sündenbocks, der zur Strecke gebracht werden muss.
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Milieu und Figuren zeichnet Warner stilisiert, durch beinahe choreografisch abgezirkelte Bewegungsmuster im Verein mit packender emotionaler Verdichtung, die gleichermaßen tief anrührende Innigkeit und die große Geste riskiert. So gewinnt die Zurichtung der Ware für den Verkauf auf dem Fischmarkt Vorzeigecharakter, worin sich die kleinstädtische Welt selbst darzustellen und zu beglaubigen trachtet. Spannt Warner zwischen Grimes und der Frau, die er als seine Braut heimführen möchte, ein Fischernetz auf, so stehen die zwei einander gegenüber wie auf den beiden Seiten eines Zauns, der benachbarte Gefangenenlager trennt. Auf hoher See breitet Grimes in seinem Kahn die Arme aus wie der Gekreuzigte. Sein Boot wird zum Sarg.

Stilisierung und konkretes Milieu verknüpft auch das Bühnenbild von Ashley Martin-Davis. Fahlheit liegt über der Szene. Die steil abgeschrägte Oberkante einer Wand so tief wie die Hauptbühne dient zugleich als Kaimauer und kleinstädtische Häuserzeile, in die sich Auntie‘s Spelunke nahtlos einfügt. Während des Fischmarktes hängt über den Ständen ein riesiges, mit einem kapitalen Fang gefülltes Schleppnetz, aus dem die Männer Fische schaufeln. Auf den Hintergrundprospekten drohen in düsteren Farben abstrahierend expressionistisch Sturm und Wogenschlag. Zwar werden die Fischerboote sichtbar auf Rollen manövriert, zu Seiten der verschiebbaren Riesenwand und vor den dräuenden Meeresansichten formieren sie sich dennoch zu emotional aufgeladenen Bildern.
Realistisch, zugleich gespensterhaft stiften die von Jon Morrell eingekleideten bigotten und menschenhatzeifrigen Kleinstädter Unheil in hochgeschlossener dunkler Kleidung des 19. Jahrhunderts. Wer – wie der Apotheker – die örtlichen Honoratioren mit Drogen beliefert oder allerlei zweifelhafte Dienste offeriert, so der Fuhrmann, darf sich gewisse Lockerheiten erlauben. Ellen Orfords heller Rock und weiße Bluse tendieren zur Reformmode an der Wende zum 20. Jahrhundert. Grimes steckt im zeitlosen Fischeroverall.
Chor und Extrachor der Oper Frankfurt sind – einstudiert von Tilman Michael – noch im Fortissimo vollkommen durchhörbar. Weil die Regie an jedem Mitglied Besonderheiten herausarbeitet, ist die Spielfreude groß.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Sebastian Weigle besticht durch rhythmische Verve, feinste dynamische Valeurs und eine atemberaubende Pianokultur. Die hohen Streicher schweben in gefährliche Sphären. Die Blechbläser schneiden in die Vorgänge auf der Bühne wie ein Tranchiermesser. Die Sea Interludes unterbrechen die Handlung nicht, sondern führen sie orchestral fort. Der Orchesterklang taucht die Szene in magischen Realismus.
Vincent Wolfsteiner verkörpert die Titelfigur unter schauspielerischem und stimmlichem Totaleinsatz. Die intensive Auseinandersetzung mit Peter Pears und Jon Vickers, diesen unerreichten Rollenvertretern, ist ihm anzuhören. Doch findet Wolfsteiner seinen eigenen Weg, die Partie anzugehen, indem er sie heldentenoral fundiert, um in exaltierten Situationen Kopfstimme und Brustregister zu mischen. Wer wird ihm verübeln, dass Letzteres in der Premiere noch nicht in jeder Phrase restlos überzeugend gelingt? Im Verlauf der Aufführungsserie wird Wolfsteiner seine Technik perfektionieren. Die Zeichen, um sich zu einem führenden Vertreter der Partie empor zu arbeiten, stehen günstig. Sara Jakubiak verleiht Ellen Orford inwendiges Leuchten und warm dahinströmende, menschliche Teilnahme. Der Captain Balstrode von James Rutherford lässt durch seine balsamischen Reden hindurch jene Brutalität merken, die Grimes zur Selbsttötung rät. Die unverwüstliche Jane Henschel gibt endlich ihr Debüt an der Frankfurter Oper. Henschels Auntie bewährt Bühnen- und vokale Präsenz. Peter Marsh, der die Titelpartie in Dortmund erfolgreich gesungen hat, stattet den religiösen Eiferer Horace Adams mit enormer Durchschlagskraft aus. Auch alle weiteren Partien sind ausgezeichnet besetzt.
Das Publikum empfindet sich ans Herz und in die Seele gefasst. Die Pause durchziehen ganz erstaunliche Worte von Liebe, Nachsicht und Umarmen, durch die Grimes aufzuhelfen sei. Zahlreiche Theaterbesucher fühlen echtes Mitleid für den gequälten Fischer.
Solisten, Leitungsteam und Kollektive werden gefeiert. Jubel für Vincent Wolfsteiner.
Michael Kaminski