O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DIE GROßE SÜNDERIN
(Eduard Künneke)
Besuch am
14. Oktober 2017
(Premiere)
Nach dem Erfolg von Nico Dostals Prinzessin Nofretete hat sich die Musikalische Komödie der Oper Leipzig mal wieder an eine Operettenrarität gewagt: Die Große Sünderin von Eduard Künneke. Die badische Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg, das historische Vorbild zur Titelfigur von Eduard Künnekes Operette, ist eine der schillerndsten Figuren des Barockzeitalters. In die Geschichte eingeschrieben hatte sich die selbstbewusste Aristokratin, die nach dem Ableben ihres Mannes die Geschäfte alleine weiterführte, einerseits durch ihre äußerst repräsentative Hofhaltung, andererseits trat sie auch durch ihre Festigkeit im Glauben in Erscheinung. Seit dem Tod ihres Mannes im Jahre 1707 soll sie bis zu ihrem Tod 1733 in der Öffentlichkeit ausschließlich in Schwarz aufgetreten sein, was die Gerüchteküche über ihr Privatleben natürlich umso mehr anheizte. Sie selbst soll zu ihren Lebzeiten angeordnet haben, auf ihrer Grabplatte folgende Inschrift anzubringen: „Betet für die arme Sünderin“. Die Historie bietet genügend Zündstoff für Spekulation. Und so ist es kein Wunder, dass Künneke durch die Geschichte der „armen Sünderin“ zu dieser Operette inspiriert wurde. Eduard Künneke, der heute in erster Linie für seine Operette Der Vetter aus Dingsda berühmt ist, gilt als einer der originellsten Operettenkomponisten seiner Zeit. Am Silvesterabend 1935 an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin mit großem Orchester aufgeführt, lässt Die Große Sünderin im Hinblick auf Ihre musikalische Opulenz wie auch den Anspruch an die Gesangspartien den Vergleich mit der Oper zu. In verschiedenen Musiklexika wird sie auch als „heitere Oper“ bezeichnet. Insbesondere Das Lied vom Leben des Schrenk stellt höchste stimmliche Anforderungen an den Tenor und hat fast wagnerhafte Dimensionen. Inhaltlich weist diese Operette durchaus Ähnlichkeiten zu Franz Lehárs Lustiger Witwe auf:
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Hofschranzen tratschen immer. Insbesondere über den lockeren Lebenswandel ihrer Herrin, der Herzogin Sybilla. Die junge Witwe führt ein pikantes Leben zwischen rauschenden Festen und strenger, selbstverordneter Buße. Von dem Glanz und der Pikanterie ihrer Feste spricht die ganze Welt. Extra für diese Feste lässt sie sich das Lustschloss Bonbonniere erbauen. Der Reiteroberst Johann Georg von Schrenk, ein entfernter Vetter, Abenteurer, Poet und Frauenheld kommt zu Besuch. Er erobert das Herz der schönen Sybilla im Sturm. Sein Geschenk an sie: Ein kostbares Seidentuch aus Indien. Trotz der alles beobachtenden Oberhofmeisterin Arabella, genannt die „Tugendwache“, schaffen es Sybille und Johann Georg, sich heimlich im Park zu treffen. Ausgerechnet jetzt trifft ein Eilkurier ihres Vaters, des Fürsten August, mit einer dringenden Botschaft ein. Leutnant Jürgen von Sommerfeld lässt sich nicht abweisen und verlangt, sofort zur Herzogin geführt zu werden. Doch an Ihrer Stelle empfängt ihn Freifrau Jakobe, die in Sybillas Kleidern im Schlafgemach wacht. Selbst die Tugendwache Arabella lässt sich täuschen. Leutnant von Sommerfeld, übergibt der vermeintlichen Herzogin einen Brief des Fürsten und verliebt sich dabei in Jakobe. Beim Abschied nimmt er als Andenken das indische Seidentuch mit, das die Herzogin im Gemach zurückließ. Jakobe eilt nun in den Park, um die Herzogin zu warnen. Sie findet sie im romantischen Spiel mit Reitoberst von Schrenk. Die Kleider werden getauscht, und Sybilla entkommt unerkannt. Jetzt überrascht die Tugendwache Arabella die nur spärlich bekleidete Jakobe mit Schrenk, und es gibt natürlich einen Skandal. Sybilla aber rettet ihre Freifrau durch ein launiges „Sündengericht“, bei dem zu guter Letzt auch die Tugendwache Arabella hereinfällt. Am nächsten Tag entdeckt Schrenk das Seidentuch bei von Sommerfeld. Er fordert ihn eifersüchtig zum Duell. Jakobe erklärt Sybilla die Vorkommnisse, und es kommt zum typischen Operetten-Happy-End: Aus Leutnant von Sommerfeld und Freifrau Jakobe wird ein Paar, und im Gegensatz zum Originalwerk dürfen sich in dieser Inszenierung auch die Herzogin Sybilla und Reitoberst von Schrenk auf Wunsch des Fürsten nun offiziell als Paar bezeichnen und aus der großen Sünderin wird die große Liebende.
Die Handlung mit großer Orchestrierung ist auch für das Ensemble der Musikalischen Komödie eine große Herausforderung. Denn Künnekes Operette ist nicht nur eine einfache Liebesgeschichte mit kleinen Verwechslungen und der Frage, wer am Ende wen erobert, vielmehr erlaubt dieses Stück einen frivolen Blick auf die Zeit des Barock. Regisseurin Alexandra Frankmann stellt mit dieser unkonventionellen Inszenierung die Kernfrage: Kann denn Liebe Sünde sein? Liebe, Erotik, Sex, nach außen hin Tabuthemen nicht nur im Barock, aber hinter den Kulissen lustvoll ausgelebt. Frivole Andeutungen, versteckt hinter einer ordentlichen Portion Klamauk, entführt uns dieses Werk in eine ambivalente und bigotte Welt, die der Zuschauer heute mit viel Amüsement betrachtet. So wirft sie einen frechen Blick auf die im wahrsten Sinne des Wortes aufgeblasene Welt des Barock.

Florian Parbs hat dazu das passende Bühnenbild geschaffen, das Lustschloss Bonbonniere mit Garten, eine überdimensionierte aufblasbare und schräg bunte Hüpfburg und gleichzeitig die symbolische Spielwiese, auf der die Herrschaften sich zu jener Zeit vergnügten. Dem entsprechen die Kostüme von Rebekka Zimlich. Die Hofschranzen in opulenten, schwarzen Gewändern, die Gesellschaft der Herzogin dagegen in hippiehaften, bunten Barockgewändern, und das Ballett dazu passend in Latex gekleidet. Und so spiegeln Bühnenbild und Kostüme die zwei Seiten des Barock wieder: Auf der einen Seite die Vergänglichkeit des Lebens, auf der anderen Seite das opulente und manchmal dekadente Leben mit all seinen Genüssen. An manchen Stellen haben die Bilder einen Hang zum zuckerhaften Kitsch, wirken sehr gekünstelt und aufgeblasen, aber es ist bunte Unterhaltung, gut für zweieinhalb Stunden.
Musikalisch ist das ganze weniger zuckersüß, sondern hochprofessionell und formidabel. Lilli Wünscher gestaltet die Partie der Herzogin Sybilla mit Charme und erotischer Ausstrahlung, und lässt auch gesanglich keinerlei Wünsche übrig. Ihr klarer, lyrischer Sopran hat die ideale Lage für diese Partie, mit strahlenden Höhen und einer warmen Mittellage. Adam Sanchez ist die Idealbesetzung des Reitoberst von Schrenk. Ein smarter Typ, in rotem Reitersakko und schwarzen Stiefeln, ein Teufelskerl, dem die Frauenherzen zufliegen, selbstbewusst und mit einer begnadeten Stimme ausgestattet. Er hat einerseits die Leichtigkeit, andererseits die tenorale Strahlkraft und dramatische Höhen, um das große Lied vom Leben des Schrenk sicher zu intonieren. Neben diesem großen Lied ist das bekannte Duett von Sybilla und Schrenk Immerzu singt dein Herz meinem Herzen zu sängerischer Glanzpunkt an diesem Abend.
Mirjam Neururer überzeugt als Freifrau Jakobe mit leichtem Sopran und kokettem Spiel, während Buffotenor Jeffery Krueger ganz schneidig den Leutnant von Sommerfeld verkörpert. Angela Mehling gibt die Tugendwache Arabella mit großer Überzeugungskraft und einem leichten Augenzwinkern, herrlich komisch unterstützt durch Patrick Rohbeck als Hofmarschall Dagobert. Für die meisten Lacher des Abends sorgt mal wieder Andreas Rainer in der Rolle des trotteligen Bewerbers Prinz Edolin von Bunzlau. Rainer, der Ur-Wiener, als nuschelnde sächsische Persiflage eines Hans Moser: einfach nur köstlich. Auch Hinrich Horn als genauso verblödeter Fürst Bodo von Bodenstein gestaltet diese undankbare Wurzen-Rolle mit viel Sympathie. Herrlich komisch auch Anna Evans als pubertierender Herzog Ludwig, der auf ein erstes amouröses Abenteuer aus ist.
Das Ballett der Musikalischen Komödie, choreografiert von Mirko Mahr, wechselt zwischen barocker Höfischkeit und heiterem Tanz, in jedem Fall ein Hingucker an diesem Abend. Auch der Chor der Musikalischen Komödie, einstudiert von Mathias Drechsler, läuft zur Hochform auf und überzeugt mit herrlich komischem Spiel und großem Chorgesang.
Stefan Klingele und das Orchester der Musikalischen Komödie zeigen ihr Fingerspitzengefühl für dieses Genre. Künnekes Musik beinhaltet, ähnlich wie bei Dostal, ganz unterschiedliche Stile, von der großen Oper-Orchestrierung bis hin zu Swing- und Jazz-Klängen. So klingt die Einleitung zum dritten Aufzug wie eine symphonische Dichtung, für die das Orchester großen Szenenapplaus erhält. Ansonsten begleitet Klingele die Sänger wie auf einem Teppich und beansprucht mit dem Orchester einen großen Anteil am Gesamterfolg des Abends. Das Publikum nimmt diese Inszenierung mit großer Begeisterung auf, lediglich der Beifall für das Regieteam ist nicht ganz so euphorisch, vielleicht ist es dem einen oder anderen Zuschauer doch etwas zu schräg bunt, zu aufgeblasen im wahrsten Sinne des Wortes.
Und eine kurze Schrecksekunde gibt es noch. Nach der Pause, als Torsten Rose, Betriebsdirektor der Musikalischen Komödie, die Bühne betritt, nicht, um das Ergebnis des Fußballspieles von RB Leipzig in Dortmund zu verkünden, das hatte kurz zuvor ein Zuschauer bereits lautstark unter donnerndem Applaus getan. Jeffery Krueger, der Leutnant von Sommerfeld, hat sich beim Hüpfen auf dem Trampolin im zweiten Akt das Knie verdreht, kann aber mit leichten Einschränkungen den Abend zu Ende bringen.
So ist es am Ende ein farbenfroher, klamaukhafter Abend an der Musikalischen Komödie mit großer Musik und dem ewigen Thema: Kann denn Liebe Sünde sein?
Andreas H. Hölscher