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Foto © Lutz Edelhoff

Was Stadttheater alles kann

DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
15. Oktober 2017
(Premiere am 30. September 2017)

 

Theater Erfurt

Sie hat, so ist ihrer offizi­ellen Biografie zu entnehmen, Opern­regie bei Rut Berghaus und Peter Konwit­schny studiert, hat mit Hans Neuenfels und George Tabori gearbeitet und längst eigene, viel beachtete Arbeiten vorgelegt. Sandra Leupold hat die schwierige Aufnahme angenommen, am Theater Erfurt die Zauber­flöte zu inszenieren.

Was kann ein Theater in der thürin­gi­schen Provinz dem Mozart-Singspiel an neuen Erkennt­nissen abringen, die das Publikum noch fesseln können? Wenn man sich die Insze­nierung von Barrie Kosky anguckt, mit der sich die Deutsche Oper am Rhein immer noch schmückt, dann kann man ihr immerhin zugute­halten, das sie noch einmal eine komplett neue Sicht­weise auf das Stück bot – dabei soll hier nicht über die Qualität geurteilt werden.

Aber Leupold hat diese Frage offenbar auch bewegt, denn auf immerhin neun von 19 Seiten des Programm­hefts hat sie sich damit ausein­an­der­ge­setzt. Es wird hier viel alter Wein in neuen Schläuchen verkauft, aber immerhin ist das nett geschrieben. Und wenn man ein junges Publikum ansprechen will, sind ja auch Wieder­ho­lungen nicht verkehrt. Und diese Zauber­flöte, so viel sei schon verraten, ist bei allem Durch­schnitt wunderbar geeignet, sämtliche Schul­klassen bis Weihnachten durch­zu­schleusen. Das spült Geld in die Kassen und schafft Bildung in den Schulen.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Leupold hätte aller­dings besser daran getan, sich auf die ursprüng­liche Aufga­ben­ver­teilung im Theater zu konzen­trieren, und sich um eine gelungene Aufführung gekümmert. Die Zeit für den Text im Programmheft hätte sie sparen können. Dafür wird auch in Erfurt ein Dramaturg beschäftigt. Und mit Arne Langer ja durchaus ein Profi.

Vielleicht wäre dann am Sonntag­nach­mittag ein bisschen mehr heraus­ge­kommen, als eine Stadt­theater-Aufführung, in der es anscheinend in erster Linie darum geht, die Möglich­keiten einer Stadt­theater-Bühne zu demonstrieren.

Es ist ein großar­tiger Sonntag­nach­mittag. Niemand hat damit wirklich noch gerechnet. Seit Tagen bessert sich das Wetter. Jetzt geht das Thermo­meter tatsächlich noch mal gegen 23 Grad. Das Theater liegt im wärmenden Sonnen­schein – da gibt es doch wirklich anderes, als sich im Theater die Zauber­flöte anzuschauen. Aber da lernt man das Erfurter Publikum kennen. Gewiss, es gibt noch Einzel­plätze, aber das war es auch schon. Und der Traum eines jeden Inten­danten wird hier wahr. Die Großeltern haben ihre Kinder und Enkel einge­packt und in das Theater geschleppt. Drei – bis vier – Genera­tionen füllen den Saal. Links unten hat sich eine Kinder­gruppe in den Reihen zwei und drei verschanzt, großartig diszi­pli­niert, Kompliment. Auch der vielleicht zehnjährige Junge, der mit seinen Eltern in Reihe dreizehn Platz genommen hat, beein­druckt. Von der schweren Bronchitis hörst du gerade mal in den passenden Pausen etwas und möchtest ihm zurufen: Jetzt mal kräftig abhusten – aber da ist er schon wieder ruhig. Großartig. An anderen Stellen im Saal sitzen jüngere Mütter, die andere Priori­täten setzen. Weil sie keine Zeit hatten, ihren Kindern die Oper im Vorfeld zu erklären, holen sie das jetzt ungehemmt im Theater nach. Ist ja nur die Zauber­flöte.

Und genau auf dem Niveau erleben wir auch die Insze­nierung von Leupold. Während sie im Schreib­ka­binett saß, haben sich die Fehler einge­schlichen. Bühnen- und Kostüm­bild­nerin Jessica Rockstroh und Leupold sind ja ein einge­spieltes Team. Da braucht man sich vielleicht nicht so um die Kleinig­keiten zu kümmern. Schön, dass das Stück mit einem Theater der alten Zeit eröffnet, aber was bringt’s? Erklä­rungs­bedarf und pädago­gi­scher Ansatz für die Lehrer? Dann ist es gut. Hier sieht man schon, wie Prospekte funktio­nieren – das echte Licht hätte aller­dings auch dazugehört, aber da wird Torsten Bante doch eher künst­le­risch. Mit den Kostümen versucht Rockstroh, möglichst nah an der „Wirklichkeit“ zu bleiben. Wir kürzen das hier ab und bleiben bei dem, was ist: Eine schöne Aufführung für die Schüle­rinnen und Schüler der Umgegend. Was soll man sich jetzt aufregen über schwe­bende Knaben, die im völlig falschen Timing über der Bühne herge­zogen werden. Deren Text nach der Hälfte der Überquerung beendet ist, und die dann schweigend weiter treiben. Über eine „Himmels­leiter“, die für eine Szene benötigt wird und dann mindestens drei Szenen lang stehen­bleibt, ehe der arme Sarastro endlich wieder runter­kommt. Viele falsche Einsätze trüben den Gesamteindruck.

Foto © Lutz Edelhoff

Dann müssen es doch die Gesangs­dar­steller richten. Und da muss man den Schülern leider sagen: Wenn Ihr mal groß seid, geht doch bitte noch mal in eine „richtige“ Zauber­flöte. Das Singspiel bietet ja nicht nur die Heraus­for­de­rungen, die Leopold theore­tisch heraus­ge­ar­beitet hat, sondern sie ist in erster Linie sänge­risch anspruchsvoll. Die heraus­ra­gendste Rolle hat bei aller Inter­pre­tation immer die Königin der Nacht. Direkt danach kommt das berühmte Duett von Papageno und Papagena. Über alles andere kann man disku­tieren. Die Königin der Nacht ist extrem schwierig, weil sie einer­seits eine großartige, jugend­liche Stimme erfordert, und anderer­seits von so viel Lebens­er­fahrung geprägt sein muss, wie sie Christina Rümann vielleicht in 20 Jahren aufbringen wird. Hier wird die Rache-Arie zum Kunstlied. Abgehackt wird sie einge­setzt, künst­le­risch sauber gesungen, aber die Seele fehlt. Und weil wir gerade bei der Seele sind: Wo ist Julian Freibott? Ja, ja, der hat einen freien Nachmittag. Ein Won Whi Choi als Tamino ist blass, schade, ihn erwähnen zu müssen. Er ist nicht da. Die Stimme ja, aber das war’s. Und wenn Margrethe Fredheim die Pamina spricht, was in der Aufführung nicht ausge­blendet wird: Warum hat sie einen auslän­di­schen Akzent? Die sänge­rische und darstel­le­rische Leistung ist in manchem Opern­studio besser zu erleben, aller­dings kann das auch an der Regis­seurin liegen. Bart Driessen ist ein so trauriger Sarastro, sein Bass grenz­wertig, aber angenehm, sein Untergang nicht schlimm.  Spaß macht endlich Nicole Enßle als Papagena – und damit wenden wir uns dem positiven Teil der Aufführung zu. Denn Máté Sólyom-Nagy bringt einen unglaublich guten, überzeu­genden, spaßigen und sänge­risch einwand­freien Papageno auf die Bühne, dass die bereits mehrfach erwähnten Schul­klassen mit Recht später erzählen dürfen: Den habe ich auf der Bühne erlebt! Die übrigen Rollen funktio­nieren sänge­risch einwandfrei. Und mit einem ordent­lichen Buden­zauber geht das Spektakel auf der Bühne nach drei Stunden zu Ende. Dann hat auch der Chor in der Einstu­dierung von Andreas Ketelhut ganze Arbeit geleistet, von den Mitgliedern des Philhar­mo­ni­schen Orchesters ganz zu schweigen.

General­mu­sik­di­rek­torin Joana Mallwitz hat die Musiker mit maliziösen Armbe­we­gungen und einem beinah ständig vibrie­renden Taktstock konzen­triert unter Kontrolle, um ihnen den Klang zu entlocken, den die Menschen an Mozart lieben. Das gelingt ihr auch ganz wunderbar.

Der Beifall ist laut und einver­nehmlich, insbe­sondere Papageno und Papagena dürfen sich ihrer Leistung erfreuen. Und wirklich: Leupolds Plan geht auf. Die Schüler, egal, welchen Geschlechts, sind von den bühnen­tech­ni­schen Möglich­keiten ihres Theaters begeistert. Dann ist doch alles bester Ordnung, oder?

Michael S. Zerban

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