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Johanna Geißler als Jola - Foto © Candy Welz

Beziehungen unter Meeresspiegel

NULLZEIT
(Juli Zeh)

Besuch am
17. Oktober 2017
(Premiere am 16. Februar 2016)

 

Deutsches Natio­nal­theater Weimar, Studiobühne

Hätte beispiels­weise ein Bertolt Brecht heute noch die Chance, mit seinen Stücken erfolg­reich zu werden? Die Zeichen scheinen schlecht zu stehen. „Hier, ich habe den neuen Juli Zeh gelesen. Schau doch mal, ob wir da nicht was für die Bühne draus machen können“, ruft der Intendant und platziert mit geübtem Schwung das Buch vor der Drama­turgin auf dem Tisch des Montags­mee­tings. Die wehrt sich nicht, und schon geht die Vermark­tungs­ma­schi­nerie los. Ob es sich im Deutschen Natio­nal­theater Weimar so zugetragen hat, sei dahin­ge­stellt. Zu beobachten ist immerhin, dass immer häufiger Stücke produ­ziert werden, nachdem sie sich bereits als Roman erfolg­reich vermarkten ließen. Für das Publikum ist das scheinbar reizvoll und Orien­tie­rungs­hilfe. Tatsächlich stellt es nichts anderes als eine Verarmung der Theater-Landschaft dar. Romane und Theater­stücke sind unter­schied­liche Werke mit verschie­denen Aufgaben. Hier Deckungs­gleichheit herstellen zu wollen, geht allzu häufig auf Kosten beider Genres. Wer sich die Dialoge solcher Machwerke anschaut, stellt schnell fest, dass es für ein wirklich gutes Stück auf der Bühne doch mehr braucht, als die Übersetzung eines Drama­turgen, nämlich den erfah­renen Theater­au­toren. Und so landen wir auf der Bühne immer häufiger im Mittelmaß. Das wird sich auf Dauer rächen, auch wenn Nullzeit der Drama­turgin Beate Seidel nach dem gleich­na­migen Roman von Juli Zeh diese Zeilen derzeit noch Lügen straft.

Am 16. Februar dieses Jahres fand also das Stück seine Premiere auf der Studio­bühne des Deutschen Natio­nal­theaters Weimar und ist seither so gut wie ständig ausver­kauft. Da schaut man auf der Durch­reise in Weimar gern mal vorbei, hat das Stück doch offenbar alles, was Theater heute braucht. Nach dem Roman von …, Dauer 90 Minuten, dank Aufführung in der Studio­bühne kosten­günstig, perfekt. Na gut, was der Gast von außerhalb nicht weiß: Die Studio­bühne liegt im dritten Stock, Aufzug gibt es nicht. Ist halt was für junge Leute. Die pusten aller­dings auch ganz schön, als sie endlich oben angekommen sind.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Diese Studio­bühnen kann man gar nicht oft genug empfehlen. Hier finden einfach oft ganz großartige Dinge statt. Wenige Sitzplätze, dafür große Nähe zu den Künstlern, eine Bühne, die bei technisch engbe­grenztem Einsatz zur Fantasie verpflichtet. Darsteller, die authen­tisch sein müssen, wenn sie in diesem Raum die Menschen erreichen wollen. Die Souffleuse agiert nicht versteckt, fast jeder Hänger wird enttarnt. Näher dran geht nicht.

Und das ist auch einer der wesent­lichen Erfolgs­fak­toren bei Nullzeit. Kaum hat das Spiel begonnen, ist dem Publikum egal, ob 2012 Juli Zeh einen Roman geschrieben hat. Denn Regisseur Brian Bell sorgt dafür, dass gleich alle Sinne der Zuschauer beansprucht werden, wenn Sven Fliedner sein Jura-Examen unter absurden Bedin­gungen zum Abschluss bringt. Bahadir Hamdemir hat dazu eine Video- respektive Projek­ti­ons­technik einge­setzt, die nicht nur für fantas­tische Bilder, sondern auch für eine klare Struktur sorgt. Natürlich in enger Zusam­men­arbeit mit Licht­bildner Marcus Schale. Auf der Bühne lässt Teresa Rinn ihre Fantasie sprießen. Im Mittel­punkt gibt es ein zweistu­figes Podium, in dessen Mitte ein Aquarium Platz findet. Dahinter drei Monitore für Einspie­lungen oder auch Live-Übertra­gungen. Links und rechts schöne Acces­soires wie tropische Blumen, ein paar Sitzge­le­gen­heiten, die Atmosphäre einer tropi­schen Insel eben. Die Kostüme, ebenfalls von Rinn gestaltet, sind arg typisierend, bei der weiblichen Haupt­dar­stel­lerin wird das Kostüm so „erotisch“ gewählt, dass die ständig mit der Korrektur des Dekol­letés beschäftigt ist. Das trübt ein wenig den sonst immer wieder aufkom­menden Spaß.

Foto © Candy Welz

Und davon bieten die Darsteller jede Menge. Bastian Heiden­reich ist der Sven, der nach dem Jura-Studium aussteigt und als Tauch­lehrer auf eine exotische Insel verschwindet, begleitet von Antje, seiner Freundin, die von Simone Müller mit großer Natür­lichkeit gespielt wird. Über das folklo­ris­tische Kostüm kann man streiten, vor allem, wenn man sie später auch als Starre­gis­seurin erlebt. Johanna Geißler übernimmt die Rolle der Jolante von der Pahlen, die nicht nur als Tauch­schü­lerin auftaucht, sondern auch als Schau­spie­lerin noch einen letzten Weg zum Erfolg sucht. Über ein Mikrofon diktiert sie zwischen­zeitlich ihr Tagebuch. Geißler zeichnet das wunderbar menschlich, und man nimmt ihr die Rolle bis zu dem Moment voll ab, als das Kostüm offenbar nicht mehr mit dem eigenen Scham­gefühl überein­zu­bringen ist und ständig nachge­zupft wird. Ihr Freund Theo ist von Sebastian Nakajew herrlich gezeichnet, vor allem, was seine Diktion angeht. Auch Christoph Heckel, der gleich mit vier Neben­rollen aufwartet, gefällt außerordentlich.

Nach einein­viertel Stunden fällt das Stück außer­or­dentlich ausein­ander. Ein Blitz­licht­ge­witter allent­halben, dass den Psycho­thriller nachliefert, den Zeh noch eingebaut hat. Seidel wird da wohl eher Opfer ihrer eigenen Analy­se­fä­higkeit, die sie nicht ordentlich auf der Bühne umsetzen kann – oder liegt es am Regisseur? Kaum zu erkennen, aber nach der voran­ge­gan­genen Feinzeichnung passt das kaum zueinander.

Was zu der Frage zurück­führt, ob hier nicht falsch verstan­denes Marketing die Theater­kunst ersetzt – und ein Autor nicht letztlich doch der bessere Schrei­berling gewesen wäre. Dem überwiegend jugend­lichen Publikum ist es egal – es hat ein aus seiner Sicht tolles Stück erlebt. Und feiert das kurz und heftig. Na, dann.

Michael S. Zerban

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