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LUTHER SEI DANK
(Martin Luther, Heinrich Ignaz Franz Biber)
Besuch am
15. Oktober 2017
(Einmalige Aufführung)
Fast alle evangelischen und zahlreiche katholische Kirchengemeinden feiern in diesem Jahr das 500-jährige Jubiläum der Reformation, der Erneuerung und Veränderung der Kirche durch Martin Luther. Auch die St.-Quirin-Gemeinde in Neuss erinnert mit einem Münsterkonzert an den Lutherschen Thesenanschlag im Jahr 1517. In einer gelungenen Kombination von Lutherschen Liedern und Chorälen mit einer großen Missa Alleluja aus dem barocken Musikwerk des Österreichers Heinrich Ignaz Franz Biber lädt sie zu einem bewegenden Konzert ein. Unter der versierten Leitung des rührigen Münsterkantors Joachim Neugart präsentieren der Kammerchor Capella Quirina Neuss, der Münsterchor Neuss und das Barockensemble Sonare, ebenfalls Neuss, ein anspruchsvolles kirchenmusikalisches Programm. Neugart hat nicht nur zahlreiche bekannte Choräle und Lieder einstudiert, er verlangt vom Orchester, den Chören und den Zuhörern musikalische Konzentration, wenn er ihnen mit Bachschen Bearbeitungen der bekannten Luther-Lieder komplexe Musik vorsetzt. Um seine eigenen Ansprüche und Bachs Anforderungen zu verwirklichen, hat der Kantor das Barockensemble um sechs Trompeten, zwei Cornettini, drei Posaunen und eine gut hörbare Pauke erweitert.
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In dem riesig-wuchtigen, dreischiffigen Quirinusmünster im Zentrum von Neuss wird der Mensch, der Besucher seiner wahren Größe bewusst, er fühlt sich bald klein. Und selbst ein 36-stimmiger Chor und ein Orchester mit mehr als 20 Musikern füllen nicht einmal den Altarraum. Doch wenn Dirigent Joachim Neugart den Einsatz gibt und Chor und Orchester Luthers Adventslied Nun komm, der Heiden Heiland anstimmen, ist die Kirche fast nicht groß genug, diesen voluminösen Klang zu fassen. In flottem Tempo beginnen Streicher und Bläser die Bach-Bearbeitung dieses fröhlichen Adventsliedes, dem Bach lange Zwischenspiele widmet, bevor er mit einem undramatischen Schluss endet. Es folgen die Bearbeitung der Kantate Nun komm, der Heiden Heiland und das fromm-emotionale Luther-Lied Verleih uns Frieden. Besinnlich und sanft, durchaus bewegend, nimmt Luther hierin Elemente aus einem gregorianischen Wechselgesang auf. In schöner Harmonie treten die Frauenstimmen in einen musikalischen Dialog. Luther vergisst nicht, die Obrigkeit in sein musikalisches Gebet mit einzuschließen: Gib unserm Fürsten und aller Oberkeit fried und gut Regiment.
Neugart hat den Musikabend um die Missa Alleluja des österreichischen Barockkomponisten Heinrich Ignaz Franz Biber arrangiert und nutzt die „mehrchörige Prunkkomposition“ als Leitfaden. Er folgt dem Brauch, die unterschiedlichen „Chöre“ dieser Komposition im Kirchenschiff wechselnd zu positionieren, was einen lebendigen Effekt erzielt. In vielstimmiger Besetzung führt Neugart mit dem Kyrie und dem Gloria in die Missa ein, die Chorstimmen, gut besetzten Trompeten und Posaunen und die immer wieder präsente Pauke wachsen zu einem mächtigen Tongebäude zusammen, das die Zuhörer mit einem Fortissimo-Amen beeindruckt.

Die Bach-Bearbeitungen der Luther-Lieder Nun bitten wir den Heiligen Geist und Komm Heiliger Geist Herre Gott präsentieren Neugart und der Chor von verschiedenen Orten im Münstergewölbe und schaffen damit eine sehr dichte, gefühlvolle Stimmung. Auch das Luther-Lied Wir glauben all an einen Gott setzt eine besinnliche, fast melancholische Stimmung fort, bevor Chor und Orchester beim Credo der Missa wieder mehr Bewegung in die Musik bringen und kraftvolle Herrenstimmen erneut die Stimmung wechseln. Bachs Bearbeitung des Luther-Liedes Gott sei gelobet beeindruckt durch den Wechsel von jubilierenden und langsam-meditativen Passagen mit rezitativem Charakter.
Wieder fügt Neugart zwei Sätze der Missa, diesmal das Sanctus und das Benedictus ein, bevor die Bach-Bearbeitung des Liedes Vater unser im Himmelreich Chor und Zuhörer gefangen nimmt und eine rührend-innige Stimmung verbreitet. Luthers Übersetzung der Antiphon Media Vita bildet den Ausgangspunkt des eher verhalten religiösen deutschen Liedes Mitten wir im Leben sind. Im abschließenden Agnus Dei der Missa erhalten die Chorstimmen noch einmal Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Sie beenden einen klangreichen, oft gefühls- und stimmungsreichen Abend mit einem großen Finale, das sich zigfach im Kirchenraum bricht.
Die Zuhörer, ein eher graues Publikum, erleben einen Luther-bezogenen Musikabend, in dem durch die geschickte Kombination einer „hochbarocken Messekomposition“ mit einfachen, aber berührenden und theologisch bedeutenden Lutherliedern die religiöse Seite und Botschaft der Lutherschen Reformation vielfältige Klangformen annimmt. Bibers großartige Messe spiegelt den Anspruch und die Pracht der etablierten Kirche wider, während Luthers einfache und eingängige Liedkompositionen den religiös-theologischen Kern „seiner“ Reformation betonen, mit denen „das Volk aus aller Welt Zungen“ zu Gottes Lobgesang ruft. Das konzerterfahrene, angenehm konzentrierte Publikum hält sich mit Zwischenapplaus erfreulich zurück, um sich nach der Aufführung begeistert und angerührt mit lang anhaltendem Beifall für diese musikalisch-reformatorische Botschaft zu bedanken.
Horst Dichanz