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Foto © Karl Forster

Wozzecks Traum vom Sterben

WOZZECK
(Alban Berg)

Besuch am
21. Oktober 2017
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf

Wozzeck erlebte in letzter Zeit an einer ganzen Reihe von Häusern wie beispiels­weise am Theater an der Wien oder bei den Salzburger Festspielen vielbe­achtete Neupro­duk­tionen. Das Düssel­dorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg beginnt seine aktuelle Spielzeit mit einer neuen Inter­pre­tation von Stefan Herheim.

Szenisch sind wesent­liche Teile der Handlung in einer ameri­ka­ni­schen Hinrich­tungs­kammer angesiedelt. Die Geschichte von Wozzeck wird im Rückblick des zum Tode Verur­teilten gezeigt, der schon auf der Todes­pritsche liegt. Die Uhr im Gefängnis läuft nur ganz am Anfang und zum Ende des Geschehens. Dazwi­schen liegt Wozzecks fiebrige Erinnerung an sein Leben. Dem Tod kann er nicht mehr entgehen.

Im Hinter­grund sind die im Recht ameri­ka­ni­scher Bundes­staaten vorge­se­henen Zeugen der Exekution als Zuschauer zu sehen, die stumm und unbewegt die Handlung durch ein Fenster von einem separaten Beobach­tungsraum aus verfolgen. So wie früher zur Hinrichtung Wozzecks in Leipzig im Jahre 1824 zahlreiche Schau­lustige erschie­nenen waren, sind diese Zeugen ein Teil der Betrachter heute.

Bei Herheim wird aber auch das Publikum im Saal ein weiterer Bestandteil der dieses Schicksal gleich­gültig verfol­genden Menge. Immer wieder treten einzelne Personen der Handlung nach vorne an die Rampe und „kommu­ni­zieren“ bei dann wieder beleuch­tetem Zuschau­erraum mit dem Publikum oder besser mit seiner Passi­vität und Gleich­gül­tigkeit. Man kann noch einen Schritt weiter­gehen und sagen, dass die Zeitge­nossen Wozzecks, die ihn auf unter­schied­liche Weise quälen und zum Beispiel zu medizi­ni­schen Experi­menten missbrauchen, die Zuschauer durch ihre unwider­spro­chene Ansprache auf ihre Seite ziehen, zu Mittätern machen.

Das gelingt auch deshalb überzeugend, weil der für das Bühnenbild und die Kostüme zuständige Christof Hetzer mit der Licht­ge­staltung von Andreas Hofer eine Bühne auf der Bühne errichtet, auf der der Hinrich­tungsraum zu sehen ist und wesent­liche Teile der Handlung spielen. Die Ansprache und Einbe­ziehung des Publikums hingegen spielt jeweils davor.

Im Zentrum des Regie­kon­zeptes steht damit die Darstellung der völligen Unfähigkeit der Menschen zur Empathie sowie das Wegducken vor dem Unrecht und Schicksal, das andere erfahren.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das gilt auch für Wozzeck und Marie. In der Vorlage sind sie ein Paar und haben ein Kind. Aber dem Paar ist eine Begegnung, geschweige denn Verei­nigung, in der Herheim­schen Umsetzung versagt. Das Kind kann folge­richtig hier nur Imagi­nation sein. Es tritt auf der Bühne nicht auf, Marie trägt es nur in Gesten und wie im Traum mit sich herum.

In der zentralen Szene, in der Marie in der Bibel liest und ihre Schuld durch ihren Betrug an Wozzeck büßen und verar­beiten will, ist wiederum abwei­chend von der Vorlage das Kind nicht vorhanden, statt­dessen aber Wozzeck selbst. Marie versucht, sich ihm liebevoll anzunähern. Später, in ihrer Verzweiflung, zerrt und schüttelt sie ihn. Es ist herzzer­reißend zu sehen, wie sie scheitert und sich das Paar wiederum nicht begegnen kann. Und Gott hilft nicht.

Danach gilt auch für Marie, dass sie durch den Schmerz das Diesseits verlassen wird. Nach dieser Szene bedarf es eigentlich des Mordes durch Wozzeck nicht mehr. Hier ist der Tristan­ge­danke mit Isoldes Liebestod ganz nah mit der These, dass Verei­nigung in der realen Welt nicht möglich ist.

Erst am Ende, also schon im Übergang zum Tode, formen Marie und das Ensemble eine mensch­liche Gemein­schaft zur gesti­schen Darstellung der Natur, also des lebens­ge­fähr­lichen Moores, in dem Wozzeck versinkt und geben so Wozzeck die Chance zur physi­schen Begegnung – wie eine Erlösungs­szene. An dieser Stelle wird auch das einzige Mal und nur kurz der klinische Raum der Hinrich­tungs­kammer verlassen.

Das wird überzeugend durch die Video­kunst von Torge Moeller und Momme Hinrichs zur Darstellung gebracht, die wie in einem Fieber­traum eine düstere Moorland­schaft oder an anderen Stellen des psycho­lo­gi­schen Angst­traumes Blutspritzer und andere Elemente unmit­telbar sinn- und wirkungsvoll erfahrbar machen.

Das Erschüt­ternde an dem Konzept ist die komplette Bezie­hungs­un­fä­higkeit, Bezie­hungs­lo­sigkeit und, im gesell­schaft­lichen Raum, Gleich­gül­tigkeit, in der sich Menschen begegnen oder eben nicht begegnen. Diese Sicht­weise wird so bezwingend umgesetzt, dass man den Weg in den Tod von Wozzeck und Marie selbst erschrocken für einen Moment als einzig folge­richtige Entwicklung empfindet. Eine solche Einbe­ziehung des Betrachters gab es noch nicht zu erleben.

Camilla Nylund vermag die verin­ner­lichten Momente der Bibel­lesung genau so überzeugend gesanglich zu formen wie die großen Ausbrüche an anderen Stellen ihrer Partie. Ergreifend und schonungslos der Kampf um ihren Partner Wozzeck und das gestische Spiel um das gewünschte, aber nicht vorhandene Kind.

Foto © Karl Forster

Mit Bo Skovhus hat die Produktion einen der heute darstel­le­risch ausdrucks­stärksten Sänger an Bord. Sein als Wozzeck verzwei­feltes Spiel lässt den Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren. Eine gewisse Rauheit in der Stimme weiß der erfahrene Bühnenmann geschickt rollen­ad­äquat zu nutzen.

Hervor­ragend das weitere Ensemble, angefangen mit der luxuriösen stimm­lichen Besetzung von Matthias Klink als Hauptmann – einem facet­ten­reichen und sensiblen Künstler, der sich nicht zum Chargieren verleiten lässt, wie das andere Protago­nisten bei dieser Partie oft tun. Sein Spiel des verklemmten und Wozzeck missbrau­chenden Haupt­manns wirkt manchmal skurril, immer aber auch gefährlich.

Der Tambour­major von Corby Welch kann sich stimmlich und durch wilde Kopulation mit Marie wirkungsvoll austoben, der Doktor von Sami Luttinen und Andres von Cornel Frey geben exzel­lente Rollen­studien. Mehr als nur abgerundet wird das Ensemble durch die Margret der Katarzyna Kuncio und den Narren von Florian Simson.

Der Chor unter der Leitung von Gerhard Michalski und der Kinderchor der Akademie für Chor und Musik­theater unter der Leitung von Justine Wanat überzeugen vollkommen.

Die Düssel­dorfer Sympho­niker unter ihrem Chefdi­ri­genten Axel Kober spielen in einer durch­gehend eher hohen, sehr lichten musika­li­schen Struktur, die die bei Berg so wichtigen Holzbläser gewis­ser­maßen zum Zentrum Ihres Klang­bildes machen. Die solis­ti­schen Leistungen dieser Orches­ter­mu­siker sowie auch der Blech­bläser sind bemerkenswert.

Größter Beweis für die Anerkennung und Ergrif­fenheit des Publikums ist zunächst eine lange Phase der Stille am Ende. Erst langsam löst sich das Publikum und geht schließlich in tosenden Beifall für alle Betei­ligten über. Bravorufe für Nylund, Skovhus, viele weitere Sänger, vor allem aber auch das Regieteam und die Sympho­niker unter Kober.

Eine demütige, gewaltige Produktion mit vielen neuen und sehr verstö­renden Bildern sowie einer von allen Betei­ligten auf, vor und hinter der Bühne mit höchstem Engagement gelun­genen Umsetzung der großen und anspruchs­vollen Oper.

Achim Dombrowski

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