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Im Fegefeuer

THE VASE
(Gala Moody, Michael Carter)

Besuch am
22. Oktober 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Move!, Krefeld, Fabrik Heeder

Prinzi­piell eine tolle Geschichte, diese Krefelder Tage für modernen Tanz, die sich sehr originell den Titel MOVE! gegeben haben. Gehen wir davon aus, dass mehr als die Hälfte der Krefelder Bevöl­kerung Englisch als Mutter­sprache verwendet, weiß natürlich sofort jeder, um was es geht. Das Stadt­theater in Krefeld wird mit seinem ausschließ­lichen Ballett-Angebot sinnvoll ergänzt und zusätzlich können Förder­mittel für die Fabrik Heeder einge­worben werden. Das funktio­niert bereits zum 16. Mal. Mehr oder minder.

Bei aller Freude an kultu­reller Vielfalt muss man doch festhalten, dass die meisten Namen auf dem Spielplan des Festivals, das vom 14. Oktober bis zum 25. November dauert, bereits aus dem Tanzhaus NRW in Düsseldorf bekannt sind. Ob jemand aus Krefeld zur Fabrik Heeder oder zum Tanzhaus NRW fährt, dürfte zeitlich ziemlich egal sein. Hier wären ja ganz andere Synergie-Modelle denkbar.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Statt­dessen gibt es eine denkbar lieblose Gestaltung, die sich beispiels­weise an einem Abend­zettel festmacht, für den vermutlich eine Backoffice-Managerin zuständig ist, die nicht in der Lage ist, einen engli­schen Text ins Deutsche zu übersetzen, sondern den statt­dessen in eine deutsche Vorlage einsetzt. Und mehr Infor­mation ist dann auch nicht vorge­sehen. Das Publi­kums­in­teresse ist dementspre­chend bescheiden. Aber wen inter­es­siert das Publikum, wenn die Förder­gelder gesichert sind?

Dabei ist das Programm durchaus hochka­rätig. Wie beispiels­weise an einem Sonntag­abend, wenn die Compagnie Ofen mit ihrem aktuellen Stück The Vase auftritt. Zu Deutsch ist es ganz profan die Vase, ein Titel, der vollständig in die Irre führt. Zugrunde liegt ihm ein künst­le­ri­sches Ereignis aus dem Jahr 2005, als Kris Martin eine über zwei Meter hohe, blauweiße, chine­sische Porzel­lanvase zerstörte, rekon­stru­ierte und sie anschließend ausstellte. Den Vorgang wieder­holte er immer und immer wieder. Das inspi­rierte Gala Moody und Michael Carter nicht nur, sich mit der Metaphorik des Gegen­standes ausein­an­der­zu­setzen, sondern sie darüber hinaus auf eine komplett andere Situation anzuwenden. Dazu griffen sie auf das Theater­stück Purga­torio – Fegefeuer – von Ariel Dorfman zurück, das sich wiederum mit der Geschichte der Medea von Euripides auseinandersetzt.

Foto © Frances d’Ath

Die Stimmung ist denkbar kühl auf der Studio­bühne in der Fabrik Heeder. Eine lehmver­schmierte, schwarze Folie auf dem Boden, ein paar Stühle, ein Tisch mit Technik, mehr ist auf der Bühne nicht notwendig, um die denkbar schlimmste Situation von allen darzu­stellen. Iason hat Medea zutiefst verletzt, indem er ihre Liebe in den Schmutz getreten hat, Medea hat sich mit dem Tod seiner Liebsten gerächt. So weit, so schlecht. Man geht ausein­ander, hasst sich, vielleicht wird der eine noch den anderen irgendwann töten und das Leben geht weiter. Was aber, wenn es jetzt zu einer erneuten Annäherung kommt, die Vase also wieder gekittet werden muss? Schier undenkbar, was die Compagnie Ofen da vertanzen will. Das ist mit theatraler Illusion kaum mehr zu bewäl­tigen, sagt Carter, der Mitglied des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch ist. Um sich nicht vollkommen in der Emotio­na­lität zu verlieren, muss es Anker­punkte geben. Also bedienen die beiden die Bühnen­technik von der Bühne aus. Das schafft Distanz und Brüche, auch Längen.

Anfangs gibt es einen unver­ständ­lichen gespro­chenen Text von Moody, der in den Worten „Have you said any words of love today? There are no words of love today“ mündet. Es geht nicht um die Bedeutung des Textes, sondern um seine Wirkung. Die Kälte hält Einzug ins Geschehen. In der folgenden Stunde werden der Mann und die Frau, wie sie bei Dorfman heißen, um ihr Seelenheil kämpfen. Perma­nente Annähe­rungs­ver­suche scheitern immer wieder, zu groß ist das Entsetzen über das Geschehene. Die seelische Entblößung äußert sich in der Entkleidung, die dann doch nicht bis zur letzten Konse­quenz reicht. Subtil die Bewegungs­sprache, die den Tanz zu vermeiden scheint, um dann doch wieder auszu­brechen. Hämmernde Beats, von Sascha Budsch­inski geschaffen, unter­mauern den unlös­baren Konflikt. Auch hyste­ri­sches Gelächter, das sich zwischen­zeitlich immer wieder mal entlädt, sorgt nicht für Entspannung.

Es gibt keine Erlösung durch Verzeihen. Aber es gibt auch keine andere Lösung. Der Konflikt bleibt, wenn Medea oder Sie entschwindet. Am Ende bleibt keine Sympathie für die Tänzer. Allzu eindrücklich haben sie vermittelt, was ihr Anliegen war. Viele Zuschauer gehen frustriert aus der Aufführung, nachdem sie freundlich applau­diert haben. Schade, weil sie hier gerade ein ganz starkes Stück Tanz erlebt haben, ohne es erkennen zu können.

Das Kulturbüro der Stadt Krefeld bekle­ckert sich als Veran­stalter wahrlich nicht mit Ruhm. Von allen in diesem Jahr besuchten Festivals ist MOVE! das uninspi­rier­teste und lieblo­seste. Und da hilft auch kein engli­scher Name und kein Ausrufungszeichen.

Michael S. Zerban

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