O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Sentiment ohne Kitsch

MANON
(Jules Massenet)

Besuch am
28. Oktober 2017
(Premiere)

 

Hessi­sches Staats­theater Wiesbaden

Beim Betreten des Zuschau­er­raumes empfängt die Premie­ren­be­sucher der Blick auf die fast leerge­räumte Haupt­bühne. Vom Schnür­boden herab hängen in einer Diagonale aus der Bühnen­tiefe bis unter die Decke des Prosze­niums stern­förmige Schein­werfer. Im Hinter­grund deuten – kenntlich an ihrer Berufs­kleidung – zwei junge Frauen einen Straßen­strich an. In der Bühnen­mitte liegt die Leiche einer Berufs­kol­legin, Manon. Kein Zweifel, es handelt sich um die Tristesse der Ausfall­straße, an deren Rand sie starb.

Kaum ist das Licht im Auditorium erloschen, betritt Hausherr Uwe Eric Laufenberg die Bühne. Regisseur Bernd Mottl und Cristina Pasaroiu, die Protago­nistin des Abends, lassen ansagen, wenn Letztere das Bein nachziehe, hänge das nicht mit der Insze­nierung zusammen. Rasch ersetzt Hochachtung die im Publikum der ausver­kauften Vorstellung zunächst aufkom­mende Heiterkeit, als es erfährt, die Sopra­nistin habe sich zu Proben­beginn den Fuß gebrochen. Der Bruch sei von Wiesba­dener Spezia­listen genagelt worden. Der herzliche Applaus gilt gleicher­maßen der coura­gierten Sänger­dar­stel­lerin wie den anwesenden Ärzten.

Kräftig karikierend streicht Mottl in den Genre­szenen das Milieu der Pariser Halbwelt heraus. Lebemänner, Ganoven und Kokotten bedenkt der Regisseur mit geradezu revue­mäßig pointierten Auftritten. Für Manon bedeutet die Kloster­zelle keine Option. Luxus, Amüsement und Liber­tinage sollen den Lebens­hunger stillen. So aufrichtig sie den jungen Des Grieux liebt, Manon reali­siert rasch die Chancen­lo­sigkeit der Beziehung. Als sie sich dennoch darauf einlässt, hat sie ausge­spielt. Mottl verlangt der Titel­figur vollen und musika­lisch bis ins letzte Detail nuancierten Körper­einsatz ab. Der reicht vom Augen­auf­schlag, mit dem sie Des Grieux bedenkt, über verliebte Balge­reien, den Auftritt als Maitresse von Format, bis zu der Art, wie sie die Hasar­deure in der Spiel­hölle im Vorbei­gehen sinnlich streift und in die Verlo­renheit des Sterben­müssens. Manons Unglück heißt Des Grieux, der ein zwar sympa­thi­scher, aber arg schwacher Charakter ist. Eben in erster Linie von Beruf Sohn. Mottl nimmt ihn nicht ernst. Unreif wie ein Schul­junge eilt Des Grieux im ersten Akt zum Bus, später versteckt sich der attraktive Pries­ter­amts­kan­didat vor den zudring­lichen Frömm­le­rinnen im Spind der Sakristei. Wiederholt rettet ihn der von Mottl mit archai­scher Wucht gezeichnete Vater aus der Bredouille. Auf Kosten Manons.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das Schlussbild zeigt die Titel­figur als geschändete Frau. Wie die anderen Delin­quen­tinnen bieten die Gefäng­nis­wärter sie zahlungs­wil­ligen Kunden zur Verge­wal­tigung an. Später werden die Zwangs­pro­sti­tu­ierten als Exportware in einen Container verladen. Final verliert hier Mottl Massenet aus den Augen, um viel eher Puccinis Manon Lescaut in Szene zu setzen.

Bühne und Kostüme verant­wortet Friedrich Eggert. Die verlassen dalie­gende Ausfall­straße verwandelt sich durch optisch reizvoll fokus­sierte Raumseg­mente in einen Busbahnhof, dessen Beton­träger und Neonröhren die archi­tek­to­nische Tristesse der 70-er Jahre des letzten Jahrhun­derts ästhe­ti­sieren, eine Mansarde für Des Grieux‘ Behausung, zu der für La Bohème allein die Atelier­fenster fehlen, eine Sakristei aus dem Bilderbuch, ein illegales Casino, in dem trotz Venti­la­toren die Luft zu stehen scheint.  Der Schlussakt überzeugt durch raumgrei­fende Leere unter den Hänge­la­ternen. Im Hinter­grund wartet der Container für die Zwangsprostituierten.

Foto © Karl und Monika Forster

Durch farben­frohe Stangen­gar­derobe versucht bei Eggert selbst das Klein­bür­gertum aus den ersten Jahrzehnten nach dem letzten Weltkrieg an der Spaßge­sell­schaft teilzu­haben, während die Halbwelt – unfrei­willig – jeden besseren Geschmack parodiert. Kostümlich vollzieht Eggert die Stationen von Manons Leben präzise nach. Anfangs ins züchtig graue Kleid gehüllt, fällt doch bereits das Rosa von Haarband und Schnür­senkeln auf. Fortschreitend dominieren Pink- und Rottöne. Bis am Ende ein knall­gelbes Oberteil hinzu kommt.  Taillierung und Kürze der Kleider und Röcke dokumen­tieren zudem Manons jeweilige Lebensumstände.

Den von Albert Horne einstu­dierten Chor des Hessi­schen Staats­theaters zeichnen Anmut und Trans­parenz aus.

Jochen Rieder gestaltet mit dem Hessi­schen Staats­or­chester ein Klangbild, dessen empfindsame Grundierung nie ins Schmalzige abgleitet. Wie avanciert Massenet die Spiel­hölle orches­triert hat, dräut aus dem Graben. Fast vermutet der Hörer sich vor Neidhöhle. Die Ensem­ble­szenen sind bestens tariert.

Cristina Pasaroiu ist Manon. Das Pensio­nats­gänschen, bald darauf den verliebten Backfisch, später das sich prosti­tu­ie­rende Luxus­ge­schöpf, schließlich die Todbe­reite beglaubigt Pasaroiu stimmlich wie darstel­le­risch jeweils passgenau fokus­siert. Stilsicher spannt sie Bögen, die von berückenden Piani bis zu emotional packenden Ausbrüchen reichen. Die virtuos, doch ohne jede Gefall­sucht vorge­tra­genen Kolora­turen fügen sich wie selbst­ver­ständlich ins Rollen­porträt. Ioan Hotea als Des Grieux bewegt sich elegant und zugleich leiden­schaftlich durch die hohen Lagen seiner Partie. Um sich dorthin aufzu­schwingen, vernach­lässigt er die Legato­kultur. Der Lescaut von Chris­topher Bolduc ist ein wenig eng geführt. Florian Kontschak weiß Des Grieux‘ Vater mit autori­tärem Bass Geltung zu verschaffen.  Erik Biegel als Guillot-Morfon­taine formiert mit Shira Patchornik als Poussette, Stella An als Javotte und Silvia Hauer als Rosette eine stets aufge­kratzte Spaßtruppe.

Das Publikum feiert die Produktion samt ihrer tapferen Protago­nistin mit zahlreichen bravi. Erst als Cristina Pasaroiu die Ovationen entge­gen­nimmt, gestattet sie sich, ihre Beein­träch­tigung beim Gehen nicht länger zu überspielen.

Michael Kaminski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: