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Gandhi meditiert auf der Opernbühne

SATYAGRAHA
(Philip Glass)

Besuch am
27. Oktober 2017
(Premiere)

 

Komische Oper Berlin

Vor gerade erst zwei Wochen hat die Komische Oper Berlin ihre erste Saison­pre­miere heraus­ge­bracht, da folgt schon der nächste Streich. Nach Debussys Oper Pélleas et Mélisande in der Regie von Barrie Kosky steht ein weiteres gewich­tiges Werk des 20. Jahrhun­derts auf dem Spielplan: die 1980 in Rotterdam urauf­ge­führte Oper Satyagraha von Philip Glass, einem der bedeu­tendsten Vertreter der Minimal Music. Häufig ist das Werk bisher nicht insze­niert worden, aber es gab spekta­kuläre Reali­sa­tionen wie die von Achim Freyer 1981 in Stuttgart. Anlass für die Berliner Auffüh­rungs­serie ist der 80. Geburtstag des Kompo­nisten. Sie ist die zweite Station einer Dreilän­der­ko­pro­duktion, deren Premiere im April in Basel stattfand. Der dritte und letzte Halt wird die Vlaamse Opera Antwerpen sein, deren Ballett Sidi Larbi Cherkaoui leitet. Der Belgier mit marok­ka­ni­schen Wurzeln ist momentan einer der gefrag­testen Choreo­grafen und seine Verpflichtung als Regisseur der Oper ein echter Coup.

Satyagraha bildet das Mittel­stück einer Opern­tri­logie von Philip Glass, über drei heraus­ra­gende Persön­lich­keiten der Weltge­schichte: den Physiker Albert Einstein in Einstein on the Beach, den ägypti­schen Pharao Echnaton in Akhnaton und den indischen Friedens­stifter Mahatma Gandhi in Satyagraha. Der Begriff kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Macht der Wahrheit. Er steht für Gandhis Philo­sophie vom gewalt­losen Wider­stand, die er angesichts der Klassen- und Rassen­kämpfe in Südafrika entwi­ckelte. Von seinem Wirken während dieser Zeit handelt die Oper vorder­gründig. Doch die histo­ri­schen Fakten bilden nur Fixpunkte. Auch der Ursprungs­mythos, geistige Utopien von einer besseren Menschheit und spiri­tuelle Reflek­tionen finden sich im Libretto wieder, das sich statt aus konkreten Dialogen aus Lebens­weis­heiten zusammensetzt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Spiel­fläche von Henrik Ahr besteht aus einer an Metall­schnüren aufge­hängten, beweg­lichen Plattform, die je nach Szene hoch‑, herun­ter­ge­fahren oder in die Schräge gekippt wird. Cherkaoui zeigt in seiner Insze­nierung die überlie­ferten Gescheh­nisse – das Leben auf der Farm Tolstoi, die Gründung der Indian Opinion, das Verbrennen der Ausweise in Johan­nisburg – in schlichten, fast ritua­li­sierten Bildern. Dabei spannt er den Bogen bis in die Jetztzeit. Den Marsch auf Newcastle, den die indischen Minen­ar­beiter 1913 organi­sierten, stellt er als aktuelle Demons­tration von Minder­heiten gegen Ausgrenzung dar. Zusätzlich zu den Solisten und dem Chor, die zeitlos-praktische Gewänder des Modede­si­gners Jan-Jan Van Essche tragen, setzt Cherkaoui seine 2010 gegründete Tanztruppe Eastman als drittes, ständig präsentes Element ein. Analog zur Musik entwi­ckelt er für das Kollektiv abstrakte Bewegungs­ab­läufe, die die wellen­för­migen melodi­schen Tonfolgen aufgreifen und sich ebenso wieder­holen wie diese. Was aller­dings trotz fabel­hafter Präsenz der Eastman-Gruppe mitunter zu einer gewissen Eintö­nigkeit führt. Eher konkrete Szenen, wie die Gewalt­aus­brüche, bei denen schwarz­ge­kleidete Tänzer Gandhi bedrohen, setzen stärkere Akzente.

Foto © Monika Rittershaus

Für die Solisten sind die Gesangs­partien eine Heraus­for­derung, nicht nur wegen des in Sanskrit geschrie­benen Librettos, sondern auch wegen der Dauer­re­pe­tition und der sich stetig nur minimal verschie­benden Endlos­me­lodien. Mirka Wagner, Cathrin Lange, Karolina Gumos und Tom Erik Lie sind dieser Aufgabe rundum gewachsen, vor allem aber ist es Stefan Cifolelli als Gandhi in täuschend ähnlicher Maske. Weißge­kleidet bildet er das Zentrum des Geschehens, eine zarte Gestalt mit sanft fließendem Tenor, die am Ende alleine, in Meditation versunken, auf dem erhöhten Podest sitzt: ein entrü­ckender Moment.

Der Dirigent Jonathan Stock­hammer erzeugt mit dem Orchester der Komischen Oper einen drei Stunden währenden magischen Sog. Doch die Musik von Glass bedarf auch einer unerbitt­lichen, nicht nachlas­senden Präzision, damit die kleinen motivi­schen Verän­de­rungen zur Geltung kommen. Daran aber hapert es zumindest in der Premiere. Zwischen Bühne und Orches­ter­graben klappert es mitunter erheblich, auch der sonst von David Cavelius so perfekt einstu­dierte Chor klingt nicht durchweg intonationsrein.

Nur fünf Auffüh­rungen sind angesetzt, die alle bereits ausver­kauft sind. Die Mehrheit des Premie­ren­pu­blikums zeigt sich nach der Vorstellung begeistert, einige Besucher aber haben weniger Geduld mit den medita­tiven Längen des Werks  und gehen bereits in der Pause.

Karin Coper

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