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Foto © Gregory Batardon

In Schönheit sterben

TRISTAN UND ISOLDE
(Joëlle Bouviers)

Besuch am
31. Oktober 2017
(Gastspiel)

 

Ballet du Grand Théàtre de Genève, Opernhaus Bonn

Derzeit tourt das Ballet du Grand Théàtre de Genève mit der Choreo­grafie eines Stoffs durch die Lande, der landläufig als denkbar ungeeignet für das Tanztheater gehalten wird. Doch ausge­rechnet mit Richard Wagners Hohelied der Liebe, Tristan und Isolde, konnte die Choreo­grafin Joëlle Bouviers in Genf im letzten Jahr einen besonders großen Erfolg landen. Und dieser Erfolg bestätigt sich jetzt auch in zwei Gastspiel-Auftritten im Bonner Opernhaus.

Wieso gilt eigentlich der Tristan-Stoff als „untanzbar“? Schließlich hält eine Liebes­ge­schichte von derart überhöhter roman­ti­scher Konzen­tration eine Menge Zündstoff für ein effekt­volles, ausdrucks­starkes Tanztheater bereit. Und dass dieser Zunder für den Tanz genutzt werden kann, beweisen Joëlle Bouvier und die 21 Tänze­rinnen und Tänzer des brillanten Genfer Balletts nahezu ohne Einschränkung. Das, letztlich lösbare, Grund­problem liegt in der Drama­turgie von Wagners „Handlung in drei Akten“, deren Handlung überwiegend im Inneren der Figuren abläuft und wenig Raum für bewegungs­aktive Darstel­lungen zu bieten scheint. In der Tat muss sich die Choreo­grafin schon eine Menge einfallen lassen, um die Einblicke in die Seelen der Titel­helden, bei denen die Bewegung immer wieder im Still­stand aussetzt, mit tänze­ri­schen Mitteln sinnfällig machen zu können.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Bouviers findet eine geschickte Lösung, indem die teils irritierte, teils feindlich gestimmte Gesell­schaft, in deren Umgebung die Liebenden ihre „unmög­liche“ Beziehung durch­leiden und erkämpfen müssen, ständig anwesend ist. Das Verhalten der höfischen Gesell­schaft löst dadurch in den Haupt­fi­guren Reaktionen aus, die sowohl die tiefe Liebe als auch die Ängste des Paares zum Ausdruck bringen. Und das mit überzeu­genden tänze­ri­schen Mitteln.

Dass eine von gesell­schaft­lichen Zwängen befreite Liebe in dieser Gesell­schaft nicht möglich ist, führt die getanzte Version mit Hilfe dieses Kunst­griffs noch deutlicher vor Augen als manche Opern­pro­duktion. Und wenn sich Isolde an ein Schiffsseil bindet, um Halt zu finden, nutzt Joëlle Bouvier diese simple Requisite für einen ganzen Kanon von Verwen­dungs­nu­ancen. Das Seil bietet Halt, erweist sich aber auch Fessel, es hilft Isolde, Tristan an sich zu binden und es erlaubt ihr, sich daran weit über die enge reale Welt zu schwingen und wenigstens für Augen­blicke den Boden unter den Füßen zu verlieren. In ihrem blutroten Gewand ergeben sich so Bilder von ergrei­fender Schönheit, die Madeline Wong zusammen mit Geoffrey van Dyck als Tristan ebenso anmutig wie kraftvoll in Bewegung umsetzen. Und gestorben wird in verklä­render Schönheit.

Foto © Gregory Batardon

Dass die Choreo­grafin die Isolde als zentrale Figur in den Mittel­punkt stellt und Tristan erheblich passiver behandelt, muss man dabei in Kauf nehmen. Proble­ma­tisch ist die Charak­te­ri­sierung des Königs Marke. Der kraft­volle Tänzer Armando Gonzalez Besa darf sich zwar über dankbarere Auftritte freuen als der Darsteller des Tristan. Die extrem agile Charak­te­ri­sierung des betro­genen und eher enttäuschten als aggres­siven Königs will jedoch so gar nicht zu den intro­ver­tierten Gesängen der Wagner­schen Figur passen.

Gespielt wird in einem dunklen, mit einer mobilen und vielseitig verwend­baren, roman­tisch verwin­kelten Treppen­se­quenz garnierten Raum von Emilie Roy. Das Licht bleibt überwiegend gedämpft, den Kostümen von Sophie Hampe entspre­chend, die lediglich der Isolde einen roten, besonders eindrucks­vollen farblichen Kontra­punkt erlaubt.

Wenn man die originale Musik Wagners erklingen lässt, besteht natürlich das Risiko, dass die geradezu narko­ti­sie­rende Wirkung der Klänge vom Tanzge­schehen ablenken könnte. Eine Gefahr, die auch die Genfer Produktion nicht völlig ausräumen kann, zumal man für die andert­halb­stündige Version auf Ausschnitte aus der legen­dären Einspielung von Carlos Kleiber zurück­greift mit einer sensa­tio­nellen Margaret Price und einem kaum weniger überzeu­genden René Kollo in den Titel­partien. Die alles andere als ideale Balance zwischen Orchester und zu stark in den Vorder­grund gerückten Sängern, die das Niveau der musika­lisch exzel­lenten Aufnahme etwas trübt, wirkt sich zum Glück auf der Bühne weniger störend aus als beim konzen­trierten Hören im eigenen Wohnzimmer.

Begeis­terter und langan­hal­tender Beifall für eine ästhe­tische und tänze­rische Meisterleistung.

Pedro Obiera

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