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EXCESO DE LA NADA
(Maura Morales)
Besuch am
8. November 2017
(Uraufführung)
Mit sechs Jahren habe ich gelernt zu tanzen, mit zehn Jahren, wie man eine Kalaschnikow benutzt, und mit 18 Jahren, dass die Geschichte meines Landes eine Lüge war“, sagt Maura Morales. Sie absolvierte ihre Ausbildung in klassischem Ballett, Modern Dance, Choreografie, Schauspiel und Folklore an der Staatlichen Kunsthochschule Camaguey auf Kuba. Wenige Jahre später verließ sie das Land, die Insel, ihre Heimat. Heute lebt sie als freischaffende Tänzerin und Choreografin in Düsseldorf. 2010 gründete sie mit dem Komponisten Michio Woirgardt die Cooperativa Maura Morales, die seither ein aufregendes Werk nach dem anderen produziert.
Jetzt stellt Morales ihr vielleicht persönlichstes Stück Exceso de la nada, auf Deutsch Überfluss des Nichts, im Forum Freies Theater auf der Kasernenstraße vor. Überfluss des Nichts: Ein großartiger Titel – da hätte es keiner spanischen Verklausulierung gebraucht. Nicht einmal für dieses Stück. Denn hier rechnet Morales mit ihrer Heimat ab. Exzessiv, leidenschaftlich, subjektiv. Gestunken hat ihr die sozialistische Lüge seit 1959. Und richtig frustriert hat sie die Öffnung zum Westen, die US-amerikanischen Fastfood-Ketten und anderen „Investoren“ den Weg auf die Insel ebnet, ohne die Lebenssituation der Einwohner wirklich zu verbessern. Das ist pauschal formuliert. Aber es geht hier auch nicht um eine wirtschaftlich fundierte Analyse, sondern um emotionale Befindlichkeiten. Wut und Zärtlichkeit sind groß.
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Morales drängt von Anfang an auf Intensität. Die Bühne ist dunkel. Vorne rechts tröpfelt Wasser in einen Blecheimer, der von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Im Hintergrund sind zwei Leinwände in unterschiedlichen Breiten aufgehängt, dazwischen ist ein kolonialer Schaukelstuhl aufgestellt. Ein Vehikel, das stete Bewegung ermöglicht, ohne eine Fortkommen zu ermöglichen. Darauf sitzt die Tänzerin in ockerfarbener Hose und einer weiß-ockerfarbenen Bluse, unter der sie ein Bustier trägt. Die Haare sind hochgesteckt. Auf den Projektionsflächen schäumt das Meer links und rechts an den Sandstrand.
Sie lässt sich Zeit in dem Schaukelstuhl. Überfluss des Nichts. Ehe sie den davorliegenden leeren Raum nutzt, um in abstrakten, exzessiven Bildern zu tanzen. Wenn sie ihren Kopf unkenntlich macht, indem sie ihn mit einem Stück der größeren Leinwand verhüllt, werden Bilder aus der kubanischen Wirklichkeit projiziert. Es sind keine politischen Bilder, sondern Erinnerungen an den heimischen Alltag. In einem Land, in dem sie als Schülerin jeden Freitag Militär-Unterricht in der Schule erhielt. Ein Land, aus dem es kaum ein Entkommen gibt, weil es vom Wasser umgeben ist. Das Land aber auch, in dem sie lernt, das die Tanzkunst abseits von angedeutetem Cha Cha zu innerer Freiheit führt, wenn man sich nur weit genug entblößt. Also werden die Haare gelöst, ergießen sich über den Körper, der sich seiner Kleidung entledigt. Abstrakte Körperfiguren entstehen, die das Ich, mit dem sie noch vor kurzem das Publikum fragend anschaute, zur Unkenntlichkeit bringen. Schließlich, alles gegeben, verkriecht sich die Künstlerin auf den Schaukelstuhl der Großmutter. Aber es ist ein versöhnliches Ende, oder? Dazu werden wieder diese Bilder von Menschen aus Kuba gezeigt. Menschen, die keinen Wohlstand kennen, deren zahnentleerte Münder das Medizin-Wunder Kuba Lügen strafen – auch da wieder. Und die das Glück ausstrahlen, das man im Gesicht des europäischen Durchschnittsverdieners schon lange vergeblich sucht. Ein versöhnliches Ende. Vielleicht.

Michio Woirgardt, dem Komponisten, der von der Tanzfläche in die Unsichtbarkeit einer Tonkabine verbannt wurde, gefällt die Komplexität des Themas und er liefert eines seiner stärksten Stücke ab. Er kann fast vollständig auf den üblichen „sphärischen“ Klang moderner Musik verzichten, sich ganz auf die Tänzerin konzentrieren. Geräusche werden punktgenau gesetzt, die Befindlichkeiten Morales‘ finden sich genauso wieder wie die Variationen zur kubanischen Folklore. Die künstlerische Befreiung begleitet er mit Stimmeinlagen. Gebete an Gottheiten erklingen in Yoruba, der „kubanisierten“ Sprache der afrikanischen Sklaven, die nach Kuba gekommen sind. „Oh, Mutter der Wasser, groß ist deine Macht, deine Kraft und dein Licht. Mach, dass meine Gebete von Dir von allen Ozeanen und Meeren aus erhört werden. Und nimm mir meine Ängste und meine Traurigkeit!“ heißt es im letzten Stück, einem Gebet an den Gott Chango, mit dem die Choreografie noch mal emotionale Tiefe gewinnt.
Ein autobiografisches Stück zu vertanzen, birgt Risiken. Morales und Woirgardt haben sie umschifft, ein starkes Werk erschaffen, dem jedes Klischee abgeht und ein ungewöhnlicher Tiefgang innewohnt. Man muss sich nicht für Kuba interessieren, um sich in den Sog der Auseinandersetzung mit der Heimat ziehen zu lassen. Die Cooperativa Maura Morales ist hier eindeutig zur Höchstform aufgelaufen. Das Publikum auf der vollbesetzten Tribüne weiß das und applaudiert für das Forum Freies Theater ungewöhnlich lange und ungewöhnlich intensiv. Zu Recht.
Schön, dass die Cooperativa auf Reisen geht. Nach weiteren Vorstellungen im Forum Freies Theater wird sie in Mülheim an der Ruhr, Braunschweig und Hannover zu sehen sein. Mehr Informationen dazu gibt es hier.
Michael S. Zerban