O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Ganz allein und fern der Heimat

EXCESO DE LA NADA
(Maura Morales)

Besuch am
8. November 2017
(Urauf­führung)

 

Forum Freies Theater, Düsseldorf, Kasernenstraße

Mit sechs Jahren habe ich gelernt zu tanzen, mit zehn Jahren, wie man eine Kalasch­nikow benutzt, und mit 18 Jahren, dass die Geschichte meines Landes eine Lüge war“, sagt Maura Morales. Sie absol­vierte ihre Ausbildung in klassi­schem Ballett, Modern Dance, Choreo­grafie, Schau­spiel und Folklore an der Staat­lichen Kunst­hoch­schule Camaguey auf Kuba. Wenige Jahre später verließ sie das Land, die Insel, ihre Heimat. Heute lebt sie als freischaf­fende Tänzerin und Choreo­grafin in Düsseldorf. 2010 gründete sie mit dem Kompo­nisten Michio Woirgardt die Coope­rativa Maura Morales, die seither ein aufre­gendes Werk nach dem anderen produziert.

Jetzt stellt Morales ihr vielleicht persön­lichstes Stück Exceso de la nada, auf Deutsch Überfluss des Nichts, im Forum Freies Theater auf der Kaser­nen­straße vor. Überfluss des Nichts: Ein großar­tiger Titel – da hätte es keiner spani­schen Verklau­su­lierung gebraucht. Nicht einmal für dieses Stück. Denn hier rechnet Morales mit ihrer Heimat ab. Exzessiv, leiden­schaftlich, subjektiv. Gestunken hat ihr die sozia­lis­tische Lüge seit 1959. Und richtig frustriert hat sie die Öffnung zum Westen, die US-ameri­ka­ni­schen Fastfood-Ketten und anderen „Inves­toren“ den Weg auf die Insel ebnet, ohne die Lebens­si­tuation der Einwohner wirklich zu verbessern. Das ist pauschal formu­liert. Aber es geht hier auch nicht um eine wirtschaftlich fundierte Analyse, sondern um emotionale Befind­lich­keiten. Wut und Zärtlichkeit sind groß.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Morales drängt von Anfang an auf Inten­sität. Die Bühne ist dunkel. Vorne rechts tröpfelt Wasser in einen Blech­eimer, der von einem Schein­werfer angestrahlt wird. Im Hinter­grund sind zwei Leinwände in unter­schied­lichen Breiten aufge­hängt, dazwi­schen ist ein kolonialer Schau­kel­stuhl aufge­stellt. Ein Vehikel, das stete Bewegung ermög­licht, ohne eine Fortkommen zu ermög­lichen. Darauf sitzt die Tänzerin in ocker­far­bener Hose und einer weiß-ocker­far­benen Bluse, unter der sie ein Bustier trägt. Die Haare sind hochge­steckt. Auf den Projek­ti­ons­flächen schäumt das Meer links und rechts an den Sandstrand.

Sie lässt sich Zeit in dem Schau­kel­stuhl. Überfluss des Nichts. Ehe sie den davor­lie­genden leeren Raum nutzt, um in abstrakten, exzes­siven Bildern zu tanzen. Wenn sie ihren Kopf unkenntlich macht, indem sie ihn mit einem Stück der größeren Leinwand verhüllt, werden Bilder aus der kubani­schen Wirklichkeit proji­ziert. Es sind keine politi­schen Bilder, sondern Erinne­rungen an den heimi­schen Alltag. In einem Land, in dem sie als Schülerin jeden Freitag Militär-Unter­richt in der Schule erhielt. Ein Land, aus dem es kaum ein Entkommen gibt, weil es vom Wasser umgeben ist. Das Land aber auch, in dem sie lernt, das die Tanzkunst abseits von angedeu­tetem Cha Cha zu innerer Freiheit führt, wenn man sich nur weit genug entblößt. Also werden die Haare gelöst, ergießen sich über den Körper, der sich seiner Kleidung entledigt. Abstrakte Körper­fi­guren entstehen, die das Ich, mit dem sie noch vor kurzem das Publikum fragend anschaute, zur Unkennt­lichkeit bringen. Schließlich, alles gegeben, verkriecht sich die Künst­lerin auf den Schau­kel­stuhl der Großmutter. Aber es ist ein versöhn­liches Ende, oder? Dazu werden wieder diese Bilder von Menschen aus Kuba gezeigt. Menschen, die keinen Wohlstand kennen, deren zahnent­leerte Münder das Medizin-Wunder Kuba Lügen strafen – auch da wieder. Und die das Glück ausstrahlen, das man im Gesicht des europäi­schen Durch­schnitts­ver­dieners schon lange vergeblich sucht. Ein versöhn­liches Ende. Vielleicht.

Foto © Klaus Handner

Michio Woirgardt, dem Kompo­nisten, der von der Tanzfläche in die Unsicht­barkeit einer Tonkabine verbannt wurde, gefällt die Komple­xität des Themas und er liefert eines seiner stärksten Stücke ab. Er kann fast vollständig auf den üblichen „sphäri­schen“ Klang moderner Musik verzichten, sich ganz auf die Tänzerin konzen­trieren. Geräusche werden punkt­genau gesetzt, die Befind­lich­keiten Morales‘ finden sich genauso wieder wie die Varia­tionen zur kubani­schen Folklore. Die künst­le­rische Befreiung begleitet er mit Stimm­ein­lagen. Gebete an Gottheiten erklingen in Yoruba, der „kubani­sierten“ Sprache der afrika­ni­schen Sklaven, die nach Kuba gekommen sind. „Oh, Mutter der Wasser, groß ist deine Macht, deine Kraft und dein Licht. Mach, dass meine Gebete von Dir von allen Ozeanen und Meeren aus erhört werden. Und nimm mir meine Ängste und meine Traurigkeit!“ heißt es im letzten Stück, einem Gebet an den Gott Chango, mit dem die Choreo­grafie noch mal emotionale Tiefe gewinnt.

Ein autobio­gra­fi­sches Stück zu vertanzen, birgt Risiken. Morales und Woirgardt haben sie umschifft, ein starkes Werk erschaffen, dem jedes Klischee abgeht und ein ungewöhn­licher Tiefgang innewohnt. Man muss sich nicht für Kuba inter­es­sieren, um sich in den Sog der Ausein­an­der­setzung mit der Heimat ziehen zu lassen. Die Coope­rativa Maura Morales ist hier eindeutig zur Höchstform aufge­laufen. Das Publikum auf der vollbe­setzten Tribüne weiß das und applau­diert für das Forum Freies Theater ungewöhnlich lange und ungewöhnlich intensiv. Zu Recht.

Schön, dass die Coope­rativa auf Reisen geht. Nach weiteren Vorstel­lungen im Forum Freies Theater wird sie in Mülheim an der Ruhr, Braun­schweig und Hannover zu sehen sein. Mehr Infor­ma­tionen dazu gibt es hier.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: