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FRÜHLING VOR DEM BEBEN
(Diverse Komponisten)
Besuch am
10. November 2017
(Einmalige Aufführung)
Im Jahr des Reformations-Jubiläums sind „Rebellen, Reformer und Revolutionäre“ auch in den Festival-Programmen gefragte Protagonisten. Und so wenden sich die Tage Alter Musik in Herne in diesem Jahr dem Aufbruch zwischen dem ausgehenden Mittelalter und der sich vielfach ankündigenden romantischen Neuzeit zu. Dieser Aufbruch macht sich vor allem an den Höfen und bei der aufstrebenden urbanen Bourgeoisie bemerkbar und erreicht Regionen, die selten im Fokus der Beobachtung oder der musikhistorischen Betrachtung stehen wie beispielsweise Portugal und seine Hauptstadt Lissabon. Dabei ist die portugiesische Kulturszene um 1700 sehr lebendig, vielfältig und eigenständig. Hinzu kommt nach einem verheerenden Erdbeben 1755 eine Aufbauwelle, die die Portugiesen für zahlreiche Reformen nutzen.
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Das Ensemble Os Musicos do Tejo, die Sopranistin Joana Seara und der Bassist Joao Fernandes können ihr Publikum davon überzeugen, dass die Reformen auch die Musik-und Kulturszene erreichen und bis heute wirken. Bei den Tagen Alter Musik, ein vom WDR und der Stadt Herne veranstaltetes Festival Alter Musik erzählt ihr „Portugalabend“ ein wenig vom verblassten Glanz des einstigen Portugal. Die Portugiesen, seit dem 17. Jahrhundert Mitspieler im Poker um die europäische Macht, sind allmählich der immer gleichen Kirchenmusik müde und ärgern sich über die Vormacht der italienischen Oper, die sogar zur „offiziellen Musik“ bei Hofe wird. Doch die Prunksucht ihres Königs Karl V. führt zu einem art-drain, er bestellt Kompositionen bei italienischen Künstlern, wirbt Künstler nach Portugal ab, unter ihnen Domenico Scarlatti. So finden sich im Programm neben den portugiesische Komponisten gleich mehrere italienische, unter ihnen Scarlatti und de Almeida.
Auch viele der mitwirkenden Künstler haben portugiesische Wurzeln: die lebhafte, stimmsichere und temperamentvolle Joana Seara, João Fernandes mit volltönendem, sehr flexiblem Bass, und viele Musiker der Os Musicos do Tejo, die mit großer Spielfreude den Abend zu einem musikalisch fröhlichen Erlebnis werden lassen. Dirigent Marcos Magalhães hat brasilianische Wurzeln.

Im ersten Teil des Abends finden sich Werke der portugiesischen Komponisten de Almeida, Seixas, Avondano, Pereira, Camara und des Italieners Pergolesi. Im Wechsel mit Solopartien präsentieren Marcos Magalhães und das Ensemble Os Músicos do Tejo symphonische Kompositionen und Opernarien, die dem Geschmack der italienischen Oper folgen. Joana Seara begeistert mit ihrem weich ansetzenden Sopran, gefühlvollen Melodien und fast spielerisch gesungenen Koloraturen bis in höchste Lagen – eine Freude. João Fernandes´ sehr flexibler Bass überzeugt mit erfreulichem Volumen, gefühlvollen Passagen und wachsender Dynamik. Auch im Duett sind die beiden Solisten bestens aufeinander eingespielt und steigern mit einer buffo-ähnlichen Arie die Stimmung. Bravo-Rufe und viel Zwischenapplaus.
Auch im zweiten Teil des Abends wechseln Instrumentalstücke und Gesangspartien, die jetzt aber deutliche Einflüsse brasilianische r Volksmusik verraten. Sklaven aus den südamerikanischen Kolonien Portugals haben sie damals eingeführt. Musiker und Solisten zeigen, dass südamerikanische Rhythmen bestens mit portugiesischem Temperament harmonieren. Seara und Fernandes nutzen die Chance, ihre locker-beschwingten Seiten zu präsentieren und das südliche Temperament aufzunehmen – zur Freude der Besucher. Eine zunächst abwartend-zurückhaltende Zuhörerschaft lässt sich allmählich, vor allem in diesem zweiten Teil immer mehr von der Musik gefangen nehmen und folgt mit zunehmendem Beifall der temperamentvoll vorgetragenen Musik, die Stimmung steigt. Schließlich erklatscht sich ein begeistertes Publikum gleich zwei Zugaben, und Richard Hery an den Rhythmusinstrumenten darf einen Extra-Beifall für sich verbuchen. Er sichert mit Handtrommeln brasilianische Rhythmen und lockt die Zuhörer rhythmisch in die Musik. Marcos Magalhães lässt trotz aller Spiellust seines Ensembles den Sängern genügend Entfaltungsspielraum. Nicht enden wollender Beifall, Bravorufe – ein hoch zufriedenes und beschwingtes Publikum möchte den Abend eigentlich noch fortsetzen.
Horst Dichanz