O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DER BLUTIGE UND STERBENDE JESUS
(Reinhard Keiser)
Besuch am
12. November 2017
(Einmalige Aufführung)
Mit der Aufführung des Passions-Oratoriums Der blutige und sterbende Jesus geht die 42. Ausgabe des Radio-Festivals Tage Alter Musik in Herne zu Ende. Ein guter Zeitpunkt, um sich die Wirkung des Festivals mal im direkten Vergleich zwischen Bühne und Radio-Ausstrahlung anzuschauen oder besser anzuhören.
Wir schreiben das Jahr 1705. In der Kirche, die zum Werk- und Zuchthaus beim Alstertor, nördlich des Pferdemarktes, dem heutigen Gerhart-Hauptmann-Platz, also unmittelbar an der Binnenalster gehört, findet am 6. April die Uraufführung des Passions-Oratoriums Der blutige und sterbende Jesus statt. Reinhard Kieser, seit acht Jahren Kapellmeister am Hamburger Opernhaus, und der 24-jährige Literat Christoph Friedrich Hunold haben das Oratorium verfasst. Das Werk ist keineswegs ein religiöses Auftragswerk, sondern dient dazu, den Sängern der Oper am Gänsemarkt ein Zusatzeinkommen zu verschaffen. Um die Aufführung zu sehen, musste man Eintritt zahlen – das Programmheft kostete extra. Und obwohl das Stück mehr musiktheatralische als kirchenmusikalische Elemente enthält, konnte es sich auf Dauer nicht durchsetzen. Bis 2006 galt die Partitur als verschollen.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Jetzt wird das Oratorium im Kulturzentrum Herne wiederaufgeführt. Der Saal ist, wohlwollend ausgedrückt, gut besucht. Auf der Bühne treten Capella Thuringia und Cantus Thuringia mit ihren Solisten unter Leitung von Bernhard Klapprott an, ein höchst eigenwilliges, aber aufregendes Werk darzubieten, das ohne das Programmbuch kaum verständlich wäre. Dazu hätte es einer szenischen Aufführung bedurft. So aber sind die mehrfachen Rollenzuweisungen klar. Weniger eindeutig ist die Qualität der Aufführung. Zäh geht es zu in Herne. Nach jedem kleineren Gesangsabschnitt legt Klapprott eine Pause ein, die reicht, das Pult aufzuräumen oder das Instrument durchzustimmen. Was zwischendurch auch tatsächlich nötig ist. So stellt man sich keinen wendigen Dialog vor, den das Libretto an sich andeutet. Und auch, wenn Dominik Wörner glänzt, Sopranistin Marie Luise Werneburg teils textunverständlich, aber wohlklingend daherkommt, die Koloraturen von Benjamin Glaubitz eher ermattet erschallen, will sich keine rechte Freude einstellen. Zahlreich verlassen die Besucher in der Pause enttäuscht das, was eigentlich das Fest Alter Musik werden sollte.

Aber ein Radio-Festival ist im Grunde auch nicht dazu da, das Publikum im Saal zu überzeugen, sondern im Radio zu brillieren. Und genauso verhält es sich auch. Die Tontechniker bewirken wahre Wunder. Auf WDR 3 erklingt zu diesem Zeitpunkt ein sakraler Klang, der die ganze Wucht des Oratoriums über den Sender bringt. Auch die übrigen Solisten – Anna Kellnhofer, Margot Oitzinger, Manuel König und Matthias Lutze – sind nun so zu hören, wie man es von erfahrenen Sängerinnen und Sängern dieses Formats erwartet. Das hat nichts mehr mit dem biederen Erscheinungsbild auf der Bühne zu tun, sondern fesselt den Hörer am Radio.
Wenn Technik aber solche Tonwunder bewirken kann, stellt sich eine grundsätzliche Frage. Wozu brauchen wir Konzertsäle mit immer besserer Akustik, wenn die Technik des Ü‑Wagens längst das Erlebnis vor Ort überrundet hat? Mit der zunehmenden Aufnahmewut auch anderer Veranstalter überlebt sich der akustische Eindruck vor Ort. Bislang strömen die Menschen in die Konzertsäle. Ist das aber die Option für die Zukunft? In diesem Jahr überträgt der Westdeutsche Rundfunk erstmalig das Abschlusskonzert auch als Video-Stream im Internet. Vier Kameras fangen Bilder ein, von denen man als Besucher im Konzertsaal nur träumen kann. Vom Hör- und Sehgenuss aus betrachtet, gibt es keinen überzeugenden Grund, das gemütliche Sofa im eigenen Wohnzimmer zu verlassen. Im Saal sind indes ausreichend Besucher verblieben, um den Bühnenakteuren für einen Abend zu danken, dessen wahre Qualitäten ganz woanders zu hören waren.
So verabschieden sich die Tage Alter Musik in Herne mit einem fragenden Blick in die Zukunft. Fest steht, dass es auch eine 43. Ausgabe des Radio-Festivals geben wird. Vom 8. bis 11. November kommenden Jahres heißt die Überschrift dann Todsünden. Damit sind dann hoffentlich nicht die Tontechniker gemeint. Denn die haben in diesem Jahr – wieder einmal – hervorragende Arbeit geleistet.
Michael S. Zerban