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Foto © Thomas Kost

Leiden Jesu im Kulturzentrum

DER BLUTIGE UND STERBENDE JESUS
(Reinhard Keiser)

Besuch am
12. November 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Tage Alter Musik in Herne, Kulturzentrum

Mit der Aufführung des Passions-Orato­riums Der blutige und sterbende Jesus geht die 42. Ausgabe des Radio-Festivals Tage Alter Musik in Herne zu Ende. Ein guter Zeitpunkt, um sich die Wirkung des Festivals mal im direkten Vergleich zwischen Bühne und Radio-Ausstrahlung anzuschauen oder besser anzuhören.

Wir schreiben das Jahr 1705. In der Kirche, die zum Werk- und Zuchthaus beim Alstertor, nördlich des Pferde­marktes, dem heutigen Gerhart-Hauptmann-Platz, also unmit­telbar an der Binnen­alster gehört, findet am 6. April die Urauf­führung des Passions-Orato­riums Der blutige und sterbende Jesus statt. Reinhard Kieser, seit acht Jahren Kapell­meister am Hamburger Opernhaus, und der 24-jährige Literat Christoph Friedrich Hunold haben das Oratorium verfasst. Das Werk ist keineswegs ein religiöses Auftragswerk, sondern dient dazu, den Sängern der Oper am Gänse­markt ein Zusatz­ein­kommen zu verschaffen. Um die Aufführung zu sehen, musste man Eintritt zahlen – das Programmheft kostete extra. Und obwohl das Stück mehr musik­thea­tra­lische als kirchen­mu­si­ka­lische Elemente enthält, konnte es sich auf Dauer nicht durch­setzen. Bis 2006 galt die Partitur als verschollen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Publikum
Chat-Faktor

Jetzt wird das Oratorium im Kultur­zentrum Herne wieder­auf­ge­führt. Der Saal ist, wohlwollend ausge­drückt, gut besucht. Auf der Bühne treten Capella Thuringia und Cantus Thuringia mit ihren Solisten unter Leitung von Bernhard Klapprott an, ein höchst eigen­wil­liges, aber aufre­gendes Werk darzu­bieten, das ohne das Programmbuch kaum verständlich wäre. Dazu hätte es einer szeni­schen Aufführung bedurft. So aber sind die mehrfachen Rollen­zu­wei­sungen klar. Weniger eindeutig ist die Qualität der Aufführung. Zäh geht es zu in Herne. Nach jedem kleineren Gesangs­ab­schnitt legt Klapprott eine Pause ein, die reicht, das Pult aufzu­räumen oder das Instrument durch­zu­stimmen. Was zwischen­durch auch tatsächlich nötig ist. So stellt man sich keinen wendigen Dialog vor, den das Libretto an sich andeutet. Und auch, wenn Dominik Wörner glänzt, Sopra­nistin Marie Luise Werneburg teils textun­ver­ständlich, aber wohlklingend daher­kommt, die Kolora­turen von Benjamin Glaubitz eher ermattet erschallen, will sich keine rechte Freude einstellen. Zahlreich verlassen die Besucher in der Pause enttäuscht das, was eigentlich das Fest Alter Musik werden sollte.

Margot Oitzinger – Foto © Thomas Kost

Aber ein Radio-Festival ist im Grunde auch nicht dazu da, das Publikum im Saal zu überzeugen, sondern im Radio zu brillieren. Und genauso verhält es sich auch. Die Tontech­niker bewirken wahre Wunder. Auf WDR 3 erklingt zu diesem Zeitpunkt ein sakraler Klang, der die ganze Wucht des Orato­riums über den Sender bringt. Auch die übrigen Solisten – Anna Kellnhofer, Margot Oitzinger, Manuel König und Matthias Lutze – sind nun so zu hören, wie man es von erfah­renen Sänge­rinnen und Sängern dieses Formats erwartet. Das hat nichts mehr mit dem biederen Erschei­nungsbild auf der Bühne zu tun, sondern fesselt den Hörer am Radio.

Wenn Technik aber solche Tonwunder bewirken kann, stellt sich eine grund­sätz­liche Frage. Wozu brauchen wir Konzertsäle mit immer besserer Akustik, wenn die Technik des Ü‑Wagens längst das Erlebnis vor Ort überrundet hat? Mit der zuneh­menden Aufnah­mewut auch anderer Veran­stalter überlebt sich der akustische Eindruck vor Ort. Bislang strömen die Menschen in die Konzertsäle. Ist das aber die Option für die Zukunft? In diesem Jahr überträgt der Westdeutsche Rundfunk erstmalig das Abschluss­konzert auch als Video-Stream im Internet. Vier Kameras fangen Bilder ein, von denen man als Besucher im Konzertsaal nur träumen kann. Vom Hör- und Sehgenuss aus betrachtet, gibt es keinen überzeu­genden Grund, das gemüt­liche Sofa im eigenen Wohnzimmer zu verlassen. Im Saal sind indes ausrei­chend Besucher verblieben, um den Bühnen­ak­teuren für einen Abend zu danken, dessen wahre Quali­täten ganz woanders zu hören waren.

So verab­schieden sich die Tage Alter Musik in Herne mit einem fragenden Blick in die Zukunft. Fest steht, dass es auch eine 43. Ausgabe des Radio-Festivals geben wird. Vom 8. bis 11. November kommenden Jahres heißt die Überschrift dann Todsünden. Damit sind dann hoffentlich nicht die Tontech­niker gemeint. Denn die haben in diesem Jahr – wieder einmal – hervor­ra­gende Arbeit geleistet.

Michael S. Zerban

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