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Mangel an bezahlbarem Wohnraum für weniger finanzkräftige Mieter zählt zu den Kernproblemen jeder attraktiven Großstadt. In Frankfurt konkurrieren die Durchschnitts- und Geringerverdienenden der Mainmetropole nicht erst seit dem Brexit und des mit ihm verbundenen Standortwechsels einiger Banken um die knappe Ware. Ende des vergangenen Jahrhunderts erlebten Studenten den Semesterbeginn auf Campingplätzen. Wenn daher die Oper Frankfurt bei Arnulf Herrmann und dessen Librettisten Händl Klaus ein Werk in Auftrag gibt, das Mieternöte thematisiert, dann legt sie zugleich den Finger in die aktuelle Wunde und widmet sich einem vor Ort beständig virulentem Problem. Mindestens weckt sie den Anschein. Die Uraufführung findet vor nahezu vollbesetztem Haus statt.
Herrmanns erstes abendfüllendes Werk für das Musiktheater thematisiert nicht das Abenteuer der Quartiersuche, es richtet sich auf Vertreibungsmechanismen aus den Reihen der Mitbewohner, die – präzise wie ein Uhrwerk – einsetzen, sobald die Titelfigur sich in der neuen Bleibe eingerichtet hat. Die Oper basiert auf Roland Topors 1964 erschienenem Roman Le Locataire chimérique, der durch Roman Polanskis Verfilmung zusätzliche Prominenz erlangte.
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Die Handlung der Oper komprimiert den Roman zu einem hoch verdichteten und verselbstständigten Destillat. Schon bald nachdem Georg ein enges, heruntergekommenes Zimmer bezogen hat, erfährt er von der Selbsttötung der Vormieterin, die sich aus dem Fenster der Bruchbude stürzte und dabei ein Glasdach durchschlug. Zudem konfrontieren ihn die Nachbarn mit ihren Forderungen, leiser zu sein, keinen weiblichen Besuch zu empfangen, eine Mitbewohnerin und ihr behindertes Kind aus dem Haus zu vertreiben. Je ärger Georg sich bedrängt fühlt, desto vehementer identifiziert er sich mit der lebensmüden Vormieterin, um am Ende ganz mit ihr zu verschmelzen.
Ob tatsächlich die Außenwelt Georg behelligt oder inwendige Gespenster ihm zusetzen, lässt das Libretto von Händl Klaus im Unklaren. Pate für die Situation der Titelfigur steht Kafka. Aus den kurz angebundenen Dialogen ergibt sich eine Art magischer, alptraumhafter Realismus. Die verstorbene Vormieterin erscheint in lyrischen Visionen, deren stark fragmentierter, dabei ätherischer Text den freien Fall im Sturz aus dem Fenster als Schweben poetisiert.
Die Komposition bietet, was einmal als avanciert galt, sich aber längst etabliert hat. Herrmann bedient sich an Mikrointervallen, Geräuschen und Elektronik. Die Perkussion verwendet ebenso die volkstümlichen Waldteufel, also Reibetrommeln, wie die aus dem buddhistischen Kult stammenden Tempelblocks, doch überwuchert sie dabei nicht die oft mächtig auffahrenden Streicher. Während der Komponist bei den Vierteltönen der langsameren Passagen auf genauer Ausführung besteht, räumt er bei raschen Tempi Lizenzen ein. Die Partitur ist rhythmisch auf spukhafte Weise walzergrundiert, so dass sie sich durchaus als Totentanz begreifen lässt. Zusätzlich soll Elektronik die nervenzehrend-körperliche Empfindung von Bedrohung aufrechterhalten.
Die Drei Gesänge am Fenster der seelisch todwunden Johanna oder – das bleibt ja offen – ihrer von der Titelfigur imaginierten Erscheinung schuf Herrmann als der Oper dreifaltigen Kern. Sie wurden bereits 2014 in einem Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks uraufgeführt. Der Kontrast von Mikrotönen und heftigen Intervallsprüngen erzeugt ein Melos, dem der Boden unter den Füßen entgleitet.
Während der beiden ersten Teile ereignet sich jenseits der Gesänge am Fenster auf vokaler Ebene der Komposition wenig Aufregendes. Die genannten Stilmittel werden durchbuchstabiert. Was gesungen wird, klingt wie aus zweiter Hand. Orchestral geschieht Bemerkenswerteres, besonders in den heftig agierenden Streichern. Erst im finalen dritten Teil greift Herrmanns musiktheatralische Pranke auch auf das Sängerische über. Der Chorsatz komprimiert sich zu beklemmender Dichte, die Kantilenen Johannas hören auf, solistische Fremdkörper zu sein. Sie fügen sich nun im Verein mit der Stimmführung der Titelfigur zu einer wie vom Sturm gepeitschten Klangfläche. Ohne Frage besitzt das Größe.
So beweist die Oper orchestral und im letzten Teil auch ihre sanglichen Qualitäten, wenn es gilt, eine undefiniert bedrohliche Situation und die daraus für die Titelfigur resultierenden kafkaesken Zwänge zu vergegenwärtigen. Hingegen findet die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verwerfungen, die sich aus der Wohnungsnot ergeben, nicht statt.
Die Uraufführungsproduktion unternimmt eine riskante Gratwanderung auf der Schnittstelle zwischen Bühnengegenwart und filmischer Dominanz. Lediglich um Haaresbreite behaupten sich die theatralen Live-Elemente gegen die zum Teil vorproduzierten Filmsequenzen, bei denen die Solisten konzertant in der Gegend herumstehen.
Johannes Eraths Regie bewegt die Figuren durch einen Nachtmahr. Selbst wenn Georg die Einweihungsparty in seinem Zimmer feiert, bleibt er isoliert. Die einzige Seelenverwandte findet er in seiner ebenso verloren wie irrlichternd über die Bühne geisternden Vormieterin Johanna. Erath verschmilzt die Vereinzelung beider Figuren zu entsetzlichster Einsamkeit.
Das Zimmer der Titelfigur zeigt Caspar Glarner als eine Art Atoll inmitten der Bühne. Am Ende mutiert der Fußboden zur Kippfigur und zum Glasdach, durch das Georg gleich seiner Vormieterin stürzen wird.

Über weite Strecken beherrschen Bibi Abels Videofilme die Szene. In Cinemascope auf Vorhänge in Bühnenportalformat projiziert, sorgen sie für horrorfilmhafte Beklemmung, zu der das anfänglich gespenstisch monumentalisierte Zimmer nicht weniger beiträgt als der Schuhkarton, zu dem es sich am Ende um seinen Bewohner zusammenzieht.
Die Kostüme von Katharina Tasch lassen ein bürgerliches Panoptikum aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufmarschieren.
Trotz der 40 im Auditorium verteilten Lautsprecher macht das Sounddesign von Josh Jürgen Martin wenig Effekt. Es klopft allseitig, aber Schauerstimmung stellt sich nicht ein. Auch das Zerquetschen des Glasdachs geht nicht unter die Haut.
Der Philharmonia-Chor Wien, einstudiert von Walter Zeh und Karsten Januschke, singt fade, matt und flach, selbst da, wo es eruptiv zugehen sollte.
Kazushi Ono durchdenkt mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester jedes Detail der Partitur, ohne ihr durch Akademismus die Lebensgeister auszutreiben. Aus dem Graben wächst eine weitaus bedrohlichere Klangszenerie als die von der Elektronik erzeugte.
Björn Bürger stattet die Titelrolle in Stimme und Darstellung mit durchschlagskräftig autoaggressiver Verzweiflung aus. Anja Petersen, die bereits die Uraufführung der Drei Gesänge am Fenster gestaltet hat, verwebt sich geradezu in Herrmanns Musik. Die kleinen Rollen der Wohnungsnachbarinnen sind mit Hanna Schwarz und Claudia Mahnke luxuriös besetzt. Auch alle weiteren Ensemblemitglieder überzeugen.
Das Publikum stimmt der Uraufführung zu. Arnulf Herrmann und Händl Klaus erhalten herzlichen Applaus, Kazushi Ono, Björn Bürger und Anja Petersen bravi.
Michael Kaminski