O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
PARADE – DAS MUSICAL
(Jason Robert Brown)
Besuch am
11. November 2017
(Premiere am 10. November 2017)
Freien-Musical-Ensemble-Münster, Konzertsaal Freie Waldorfschule Münster
Manche Projekte brauchen eine zweite Chance. Bereits 2014 stand das Musical Parade auf dem Spielplan des Freien-Musical-Ensemble Münster, in Westfalen bekannt unter dem Kürzel FME. Doch ihre Spielstätte, der Konzertsaal der Freien Waldorfschule Münster, erlitt gleich einen doppelten Wasserschaden und das in einer Phase, wo bereits das gesamte Konzept, die Bühne, die Texte feststanden. Wer das FME kennt, weiß, was für ein Rückschlag das engagierte Team gewesen sein muss. Denn das knapp über 100 Mitglieder zählende Ensemble erschafft die gesamte Produktion aus eigener Kraft. Kostüme werden ausgeliehen, selbst genäht, auf Flohmärkten gekauft, Bühnenbilder selbst gebaut. Alle arbeiten ehrenamtlich an diesem Projekt, das seit der Gründung 1999 von Ingo Budweg geleitet wird. Budweg, dessen Lebensweg immer von der Musik mitgeprägt wird, ist eigentlich Oberarzt in einem örtlichen Krankenhaus. So ist fast jedes Mitglied des Ensembles nicht in erster Linie Musiker. Was viele als Laien abtun, wird anerkennend als semi-professionell bezeichnet, und kann eine Wirkung haben, die Professionalität übertrifft.
Für das mittlerweile 15. Projekt kehrt das Ensemble zu dem Plan von 2014 zurück, und das ist ehrgeizig, da es die Erstaufführung von Parade auf den deutschen Bühnen ist. 1998 wurde das Musical, dessen Texte von Alfred Uhry stammen, am Broadway uraufgeführt. Trotz einiger Tony Awards hielt sich das Musical allerdings nicht lange im Programm und hat es seitdem zu wenigen Aufführungen in USA, Großbritannien und Australien gebracht. Der Stoff ist eben nicht ein 08/15-Plot, denn hinter dem Titel versteckt sich ein antisemitisches Drama nach einer wahren Begebenheit. Während 1913 in der Stadt Marietta die Parade zum Konföderierten-Gedenktag stattfindet, soll der aus New York stammende Jude Leo Frank das junge Mädchen Mary Phagan, die in seiner Fabrik für einen Hungerlohn arbeitet, vergewaltigt und ermordet haben. Obwohl es keine eindeutigen Beweise für seine Schuld gibt, wird Frank in einem sehr fragwürdigen Prozess zum Tode verurteilt. Der Gouverneur des Staates rollt auf Bitten von Franks Frau Lucille rechtzeitig den Fall wieder auf, stößt auf diverse Absprachen und Ungereimtheiten und setzt die Hinrichtung aus. Der Lynchjustiz aufrichtiger und aufgebrachter Bürger kann Leo Frank aber nicht entkommen.
Der grüne Baum, an dem Leo Frank am Ende aufgehängt wird, ist am rechten Rand der Bühne wie ein mahnendes Symbol stets gegenwärtig. Ansonsten haben Christoph Bürgerstein und Sonja Raske die große Bühne des Konzertsaals sehr klug eingeteilt. Rechts auf der Vorderbühne ist die Gefängniszelle Leos, links ein bürokratischer Raum flexibel nutzbar durch schnelle Umwandlungen. Die große Hauptbühne wird für die Massenszenen eingesetzt. Ein optisches Vergnügen – denn angedeutet wird hier nichts, sondern mit Kulissen und Requisiten garniert. Dazu haben Matthias Betke und Viktoria Schmitz die Aufsicht über die ebenfalls sehr abwechslungsreich und opulent eingesetzten Kostüme.
Der Grundstein für großes Theater ist gelegt, Ingo Budweg und Canan Toksoy besorgen mit der Inszenierung den Rest. Das ist alles andere als leicht, denn im Libretto wird mit zahlreichen Überblendungen gearbeitet. Aber mit Hilfe der Lichttechnik von Georg Weigang und Holger Blumberg und eingefrorenen Bewegungen entwickeln sich auf der Bühne spannende Momente, wo die Konzentration von links nach rechts, in die Mitte und wieder zurückspringt. Dazu sind auch die Charaktere auf der Basis des Librettos sehr deutlich ausgearbeitet. So ist Leo Frank in seiner eigenbrötlerischen, fast exzentrischen Art über weite Strecken kein Sympathieträger. Man kann sich vorstellen, wie der realen Figur genau dieser Umstand zum Verhängnis wurde.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Auch die Musik des Komponisten Jason Robert Brown arbeitet mit düsteren und dissonanten Einschnitten, um sowohl bei Frank als auch bei den fragwürdigen Aktionen der Bürger und Staatsorganen die Abgründe hinter einer ehrbaren Fassade aufzudecken. Als Rahmen und kleines Leitmotiv taucht immer wieder das Element der Parade auf. Das Orchester darf sich zu dem auch noch über eine ganze Palette von musikalischen Einflüssen austoben: Rock-Pop, Blues, Gospel und Dixie, um nur einige zu nennen. An den passenden Stellen wird auch das Tanzbein geschwungen. Johanna Lammert sowie Katrin Wegener haben das sehr schön choreografiert. Auch hier ist beachtlich, wie sich das Orchester unter der ruhigen Leitung von Budweg die teilweise sehr schnellen Wechsel, die Übergänge der Rhythmen meistert. Thorsten Brinkmann hat die schwierige Aufgabe, den Ton einzufangen und wiederzugeben. Im Forte kollidieren die geballten Klänge etwas zu sehr, und das Endergebnis ist leicht verzerrt. Ansonsten funktioniert die Technik ausgezeichnet.
Das gesamte vokale Ensemble zieht mit. Rein gesangstechnisch darf man ruhig nochmal daran erinnern, dass man es hier nicht Berufsmusikern zu tun hat. Da geht schon mal der ein oder andere Ton daneben. Aber so wie man das Engagement für das Projekt visuell schon bewundern muss, so kulminiert es durch den vokalen Einsatz jedes einzelnen zu einem Erlebnis. Hier wird nichts gespielt, hier wird gelebt – und das trotz der eben genannten Einschränkung auf einem sehr guten Niveau und vor allem mit emotionaler Nachhaltigkeit. Gleichzeitig hört und sieht man Künstler aller Altersklassen.

Ekaterina Garina ist mit 16 Jahren die Jüngste auf der Bühne und offenbart große Nachwuchsqualitäten. Jeden Namen der 26-köpfigen Besetzungsliste hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen. Ein Pauschallob für das Kollektiv vorab muss daher genügen, es folgen weitere Highlights aus der Besetzung: Frank Janßen gibt einen fast neurotisch schwachen, misstrauischen Leo Frank und das so überzeugend, dass man ihn fast für eindimensional halten könnte. Wäre da nicht die Gerichtsszene, wo er den Täter spielen muss, wie ihn sich der Mob vorstellt. Der Wechsel zwischen diesen beiden Gesichtern setzt seiner Darbietung die Krone auf. Lucille Frank wandelt sich im Laufe des Abends von einer die Ehe hinterfragenden Frau, die dann bis zum Ende zu ihrem Mann steht, Katharina Data setzt das überzeugend um. Melvin Schulz-Menningmann spielt den ehrgeizigen, unsympathischen Staatsanwalt Hugh M. Dorsey mit viel Energie. Ein wahnsinniges Talent steht mit Sönke Westrup auf der Bühne, der als Britt Craig die Schlagzeilen sucht.
Die Solisten, der Chor, die Musiker – sie erklimmen gemeinsam manchen emotionalen Gipfel an diesem Abend, den Berufsmusiker vielleicht nicht sähen. Man spürt die Energie der Gruppe und das vermischt sich mit einem Stück, das selbst viele Emotionen mit sich bringt. Es ist ein langer Abend, fast vier Stunden dauert er inklusive Pause, aber er ist keine Minute langweilig. Vielleicht ist Parade einfach zu lang geworden, was dem Stück den großen Durchbruch vermasselte. Oder es ist einfach zu unbequem, weil man sich selbst während der Aufführung hinterfragt, wo die eigenen Vorurteile und Ausgrenzungen sind. In Münster wird das Stück jedenfalls zum Erfolg. Bei so vielen Akteuren sind die Fans natürlich in der Überzahl, der stürmische Applaus wird fast zum Selbstläufer. In diesem Rahmen ist es einfach möglich, dass Budweg noch emotionale Worte an seine Eltern richtet. Und alle singen seinem Vater ein Happy Birthday. Auch das ist ein Flair, dass zu den Aufführungen professioneller Theaterbetriebe nicht passen würde. Aber nach einer professionellen Aufführung von Menschen, die das nur für die Kunst gemacht haben, kann man solche Gefühlsausbrüche gut verstehen.
Bis zum 3. Dezember ist Parade – das Musical noch neunmal zu sehen. Ein Besuch lohnt sich allein schon wegen des mutigen Unterfangens, wegen der Künstler. Aber auch, damit Opfer wie Mary Phagan und Leo Frank nicht in Vergessenheit geraten. Frank ist bis heute übrigens nicht rehabilitiert. Er hatte keine zweite Chance.
Christoph Broermann