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MEMBRA. ALS ICH IM STERBEN LAG
(Dieterich Buxtehude et al.)
Besuch am
16. November 2017
(Uraufführung)
Der Regisseur Martin Mutschler widmet sich in der Abschlussarbeit seines Regiestudiums in seinem Team zusammen mit Madis Luik, der in dieser Arbeit den bedeutenden Beitrag des Mediums Film verantwortet, Thilo Ulrich für die Bühne und Dennis Peschke für die Kostüme einem Annäherungsversuch an das Thema Tod.
Diese Annäherung erfolgt auf drei äußerst sensibel abgestimmten Ebenen: Zum einen durch den auf Originalinstrumenten basierten Vortrag des Ensemble rheinbarock mit Auszügen aus Dieterich Buxtehudes Membra Jesu Nostri Sanctissimi Patientis, einem Kantatenzyklus um den sterbenden Körper Jesu am Kreuz, weiterer Musik Buxtehudes, Bachs, Monteverdis unter anderer Barockkomponisten.
Die zweite Ebene ist ein gleichsam dokumentarisches Filmdokument mit Interviews krebskranker Patienten der Klinik für Strahlentherapie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel sowie eingeblendeter Sequenzen eines wie in einem Kubrick-Film in der Ewigkeit kreisenden Computertomografen (CT).
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Die dritte Ebene ist der Gesang und das Bühnenspiel fünf junger Sängerdarsteller.
Dem jungen Regisseur gelingt es auf nachgerade wundersame Weise, die extrem gegensätzlichen Charakteristika der symbolischen Musik Buxtehudes mit der konkreten filmischen Dokumentation des Leidens realer, todkranker Menschen sowie dazu eines scheinbar unbelasteten Lebens und Spielens der jungen Sänger zu kombinieren.
Die filmische Konfrontation des eiskalten Feuers der Wissenschaft, verbildlicht im Kreisen des CT, mit der schwachen, in ihrer Sprache noch glimmenden Hoffnung der Patienten wird noch gesteigert durch die zeitweise gespielte Interviewsituation der Sängerdarsteller mit den Patienten im Film. Das Vertrauen der sich in den Interviews zu Fragen ihres Leidensweges, ihrer Ängste und ihrer Gedanken und Hoffnungen zu Reinkarnation oder Seelenwanderung in großer Offenheit bekennenden Patienten wird dabei niemals ausgenutzt oder missbraucht.
Die Sänger auf der Bühne bewegen sich in einem Wechselspiel von choreografierter, gelegentlich ruckhafter, eigentümlich physisch geprägter Bewegung und leichtem, kindlichem Spiel, in dem sie auf unschuldige Weise der eigenen und gemeinsamen, immer vergänglichen Körperlichkeit nachsuchen und nachspüren. Kostüme und Utensilien spiegeln auf unauffälligste Weise die Banalität des Alltags. Zweimal öffnet sich die Spielfläche, die meist nur auf dem Spektrum der Vorbühne stattfindet, durch das Heben des Eisernen Vorhangs, um die Darsteller einmal in ausgelassenem Spiel von Wasser und Nebel verschwinden zu lassen oder, ganz am Ende und als Steigerung, um die szenische Darstellung durch Schneefall – dem endgültigen und ewigen Einzug des Winters und des Todes – zu beenden.

Die Begegnung mit dem Tod wird mit den Ausdrucksformen und Mitteln verschiedener Jahrhunderte und in der Begegnung mit jungen Künstlern sowie deren eigenem Bewusstsein, dass auch der eigene Lebensweg gleichwohl jederzeit durch den Tod beendet werden könnte, in einer offenen Form neu hinterfragt, oder vielmehr dem Betrachter zur Reflektion gestellt. Die äußerst sensibel und einfühlsam gelungene Kombination all dieser Mittel und Darstellungskünste erlaubte, das heute weiter tabuisierte Thema des Todes in nahegehender Form aufzugreifen. Eine solche Produktion macht deutlich, dass sich Musiktheater heute weiterentwickelt. Die neue Art der Herangehensweise und des Ausdrucks sind durch mediale-digitale Formate nicht abzubilden oder zu ersetzen. So bleibt die Kunstform Musiktheater unentbehrlich.
Mezzosopran Lucia Caihuelas, Countertenor Francesco Giusti, Tenor Michael Hanisch, Bariton Markus Paul sowie Sopran Lisa Florentine Schmalz geben individuell und als Darstellergruppe allesamt eine herausragende sängerische Leistung mit auf den Barockgesang fokussierter, hochdifferenzierter Technik. Die thematisch fundierten, nicht individualisierten Rollenpartien werden von allen jungen Darstellern in bemerkenswerter, unauffälliger und scheinbar großer Leichtigkeit vorgetragen und gespielt. Der gemeinsame Geist der Gruppe für diese anspruchsvolle Produktion und die sicherlich nicht leicht zu erschließende Umsetzung war sehr ausgeprägt und hoch-intensiv.
Dazu gehört auch das Ensemble rheinbarock unter der Leitung von Felix Schönherr, der zugleich auch die Orgel spielt. Als weitere Besetzung spielen die drei Violinen mit Katarzyna Kmieciak, David Agaiarov und Vladyslav Snadchuk, die Theorbe mit Gabor Juhasz und die Viola da Gamba mit Ilemi Kemonah. Das Ensemble ist unter anderem auf Barockmusik spezialisiert und leistet, am Bühnenrand postiert, einen ganz erheblichen Anteil am Gelingen des Abends. Auch gilt, dass sich das gesamte Ensemble in wunderbarer Weise mit dem anderen Team zusammenfand.
Das Publikum bleibt zunächst nachdenklich zurück und applaudiert schließlich immer herzlicher. Es ist Teil eines bewegenden Abends, den man so schnell nicht vergessen wird.
Achim Dombrowski