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Foto © Sergej Lepke

Katastrophe im Glauben

IN EXITIBUS
(Alexander Stessin)

Besuch am
18. November 2017
(Urauf­führung)

 

Evange­lische Kirchen­ge­meinde Kaisers­werth, Mutterhauskirche

Die Akustik in Kirchen ist schwierig. Trotzdem siegt immer wieder die Faszi­nation der sakralen Archi­tektur und ihrer Ausstrahlung. Dann unter­nehmen Menschen wieder einmal den Versuch, eine Oper oder ähnlich große Werke in den Kirchenraum zu tragen. Nicola Glück und Alexander Stessin sind solche Menschen. Und sie hatten einen wirklich nachvoll­zieh­baren Grund dafür. Sie erhielten von der Evange­li­schen Kirchen­ge­meinde Kaisers­werth in Düsseldorf den Auftrag, eine Kirchenoper zu schreiben und aufzu­führen. So etwas passiert nicht jeden Tag, auch dann nicht, wenn die Gemeinde über einen eigenen Freun­des­kreis für Kirchen­musik verfügt. Ein solches Engagement kann man gar nicht hoch genug schätzen, hält sich doch die Zahl von Urauf­füh­rungen selbst in den eigentlich hierfür bestimmten Opern­häusern in engen Grenzen.

So entstand die Refor­ma­ti­onsoper In Exitibus – Auf Schei­de­wegen. Glück entschied sich als Libret­tistin gegen die 100. Nacher­zählung zu Martin Luther, sondern verschob die Handlung in einen scheinbar abstrakten Bereich, um die Idee der Refor­mation zu veran­schau­lichen. Dabei ging es ihr ausdrücklich nicht darum, die Abgrenzung der evange­li­schen von der katho­li­schen Kirche erneut herauf­zu­be­schwören, sondern vielmehr die ganz persön­liche Refor­mation eines einzelnen Menschen aufzu­zeigen und damit zu beweisen, dass Refor­mation heute so aktuell ist wie ehedem. Dazu wählt sie die denkbar grausamste Ausgangs­si­tuation, die heute buchstäblich jeden von uns von jetzt auf gleich treffen kann. Eine nicht näher bezeichnete Katastrophe zwingt eine Gruppe von Menschen dazu, sich in der Hoffnung auf Rettung in eine Kirche zurück­zu­ziehen. Eine verun­si­cherte, verängs­tigte Menschen­gruppe – oder sollen wir sagen: Gesell­schaft? – neigt immer dazu, sich dem starken Mann, dem Anführer, dem Retter in der Not anzuschließen. Und wenn da einer ist wie P, der ihr mit großen Riten Hilfe und scheinbare Sicherheit bietet, sind die Opfer, die Geschun­denen nur allzu gern bereit, keine großen Fragen zu stellen, sondern sich ihm zu unter­werfen. Aber es gibt auch immer diesen einen, diesen nichts­nut­zigen Quertreiber, der lästig ist, weil er eben doch fragt. Hinter­fragt. Hier ist es M, der die Grausamkeit der Riten aufzeigt und damit die Autorität P’s unter­gräbt. Schon spalten sich erste Menschen der Gemein­schaft ab, um sich dem Queru­lanten anzuschließen. Zwar gelingt es P immer noch, wieder Ruhe herzu­stellen, aber die Zweifel bleiben. Glück lässt den Antihelden nicht unter­gehen oder vom System vernichten, sondern lässt den Schluss offen und zeigt viel lieber, wie schwierig es ist, sich von der Gemein­schaft zu lösen und den Schei­deweg zu gehen. Den religiösen Überbau gibt es in Form eines Kinder­chors als Stimme Gottes. Stessin hat dazu eine Musik kompo­niert, in der er bewusst auf die Gegen­sätze zwischen dem Alther­ge­brachten und neuen Einfällen setzt. Wichtig sind ihm, der haupt­be­ruflich als kommis­sa­ri­scher Chordi­rektor der Oper Leipzig arbeitet, aber vor allem die Stimmen – und so entstand eine große Choroper mit einer Länge von anderthalb Stunden.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

In der Mutter­haus­kirche Kaisers­werth, einem wunder­schönen Gebäude, das 1903 einge­weiht wurde, führt Glück auch gleich noch Regie. Ist schließlich ihr Haupt­beruf. Und wenn sie zwei Dinge kann, dann ist das, Räume zu nutzen, und mit überschau­baren Etats aussa­ge­kräftige Insze­nie­rungen zu schaffen. Stessin hat ihr zusätz­liche Heraus­for­de­rungen mit auf den Weg gegeben. Orgel und Schlagwerk müssen möglichst weit vom Orchester entfernt sein und damit es nicht zu einfach wird, sind gleich drei Chöre invol­viert. Das Podium des Altar­raums ist nach vorne verlängert und bietet somit ausrei­chend Spiel­fläche, auch wenn man das zu Beginn noch nicht so recht glauben möchte. Rechts davon ist das Orchester platziert, das Schlagwerk findet neben der Schuke-Orgel auf der Empore Platz und der Kinderchor wird erst mal – akustisch mit hochdra­ma­ti­scher Wirkung – auf der Seiten­empore unter­ge­bracht. Später wird er ebenfalls zur Bühne stoßen und dann zeigen, dass Glück auf Zenti­meter gearbeitet hat. Vorerst aber stürmt der große Chor mit Schreien des Entsetzens die Bühne, auf der ein bisschen Rauch wabert, um das Licht zur Geltung zu bringen, das ansonsten kaum eine Rolle in der Aufführung spielt. Die Akteure treten in hellgrauer und weißer Alltags­kleidung auf. Rote Bänder veran­schau­lichen symbolhaft die körper­lichen Verlet­zungen, die sie erlitten haben. Schon erklingt das Dies irae, und das „Duell der Giganten“ kann beginnen.

Die Giganten sind in dem Fall Bariton Rolf A. Scheider und Tenor Thomas Piffka. Scheider zeigt erst mal wieder, welch begna­deter Schau­spieler in ihm steckt. Denn das Libretto schreibt ihm minuten­langes Grinsen der Glück­se­ligkeit vor, und mit der Kopfbe­de­ckung begibt sich Glück in den straf­rechtlich relevanten Bereich. Aber Scheider hält tapfer durch und liefert stimmlich alles, was man sich wünschen kann. Das verhält sich auch bei Piffka so, der seine Rolle großartig ausfüllt. Und doch: Beide scheitern ebenso wie die Chöre an der Akustik des Kirchen­raums. Die Textver­ständ­lichkeit geht gegen Null. Damit ist auch die Überti­telung unter dem Dach des Altar­raums verschenkt, weil sie sich auf Schlag­worte beschränkt.

Der Favoritchor begeistert. – Foto © Sergej Lepke

Trotzdem kann die Aufführung fesseln, weil auch die Kantorei der Evange­li­schen Kirchen­ge­meinde mit Spiel­freude begeistert. Und die silber­hellen Stimmen eines Kinder­chors können auch dann entzücken, wenn die Inhalte nicht verstanden werden. Weiterer Höhepunkt ist der Favoritchor, der aus Studie­renden der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf besteht. Insbe­sondere Julia Hagen­müller und Katharina Fulda zeigen schon mal, dass beim Nachwuchs großes Potenzial besteht.

Stessin liefert, was er im Vorfeld versprochen hat. Die Gegen­sätze werden so deutlich wie die Zusam­men­führung des Geschehens. Die räumliche Trennung der Instru­mente führt zu grandiosen Effekten, und wenn Organist Samuel Dober­necker zu einer Neuauflage von Psycho einlädt, steigt die Spannung. So etwas ist nur durch ein Übermaß an Engagement seitens der musika­li­schen Leiterin Susanne Hiekel zu schaffen, die sich mehr als tapfer an allen Fronten schlägt. Zur Seite steht ihr dabei die Camerata Instru­mentale Kaisers­werth, ein neunköp­figes Orchester, das die Einfälle des Kompo­nisten locker im Griff hat. Ralf Zartmann bedient üblicher­weise das Schlagwerk bei den Düssel­dorfer Sympho­nikern und hat dementspre­chend wenig Opern­erfahrung, was Neue Musik angeht, löst seine Aufgabe aber ganz famos.

Das Publikum ist trotz seiner Verständ­nis­schwie­rig­keiten ergriffen. Sekun­den­langes Schweigen würdigt die intensive Arbeit aller Akteure gleicher­maßen wie der langan­hal­tende Applaus, der bei Solisten und Favoritchor noch etwas lauter aufbrandet. Eine packende Geschichte geht zu Ende und lässt Fragen offen. Das ist gewollt. Ein großer Abend geht noch nicht zu Ende.

Michael S. Zerban

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