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HAMLET
(Ambroise Thomas)
Besuch am
25. November 2017
(Premiere)
Einmal mehr wagt sich das Theater Krefeld Mönchengladbach an ein Mammut-Werk abseits des üblichen Repertoires. Oder besser: des heute üblichen Repertoires. Denn nach der Uraufführung der französischen Erstfassung am 9. März 1868 an der Pariser Oper entwickelte sich Hamlet von Ambroise Thomas zu einem seiner erfolgreichsten Werke. Die Librettisten Michel Carré und Jules Barbier erarbeiteten eine Opernfassung, die mit dem Schauspiel von William Shakespeare nur noch rudimentäre Ähnlichkeiten gemein hatte. Und in Krefeld strich man kurzerhand das Ballett der fünfaktigen Oper. Trotz der Striche verbleiben noch drei Stunden Aufführungsdauer. Und das Misstrauen der Krefelder. Etliche Plätze im Saal bleiben bei der Premiere unbesetzt.
Den schwierigsten Teil des Abends hat mit Sicherheit Regisseurin Helen Malkowsky übernommen, denn die Oper ist alles andere als handlungsbetont. Carré und Barbier arbeiten sich an dem Konflikt des jungen Hamlet ab, der von seinem Vater aus dem Jenseits aufgefordert wird, Rache an seinem Bruder Claudius und damit am Vatermörder zu nehmen. Über dem moralischen Dissens geht dem Prinzen jedes Gefühl, auch das zu Ophelia und nebenbei zu seiner Mutter Gertrude verloren. Lieben kann er nicht. Der Schluss ist ein wenig abstrus geraten, aber Ophelia, ach ja, die anderen auch, ist tot und Hamlet wird zum König gekrönt. Also, vermutlich …
| Musik | ![]() |
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Aus Sicht des Komponisten und der Librettisten ist die Oper grandios. Ein Sänger nach dem anderen darf auftreten, seine Arie absolvieren und sich vom Publikum feiern lassen. Bei der damaligen Besetzung kein Problem. Nur in der heutigen Zeit funktioniert sowas allenfalls noch bei der Bayerischen Staatsoper. Also muss zunächst mal Bühnenbildner Hermann Feuchter ran. Der zieht sich in den privaten Raum der Königsfamilie zurück, stellt den Thron als Symbol des Reiches und der Königsmacht in den Mittelpunkt. Das Parkett des Helsingörschen Thronsaales spiegelt sich zunächst in der Rückwand wider. Später wird es eben dort gegen einen Bilderrahmen ausgetauscht, um schließlich einer Vielzahl von Bilderrahmen zu weichen. Allerlei hübsche Effekte, die einen – eben – geeigneten Rahmen bilden. Ebenfalls symbolhaft werden Stühle eingesetzt, die für die Pöstchen bei Hofe stehen. Susanne Hubrich steuert fabelhaft fantasievolle Kostüme bei, die zeitlos stimmig sind. Stefanie Rodewies setzt das Licht zurückhaltend ein, zeigt sich am ersten Abend aber noch ein wenig unsicher. Da wird mehrfach nachreguliert, ohne dass es stört. Für mehr Bewegung auf der Bühne sorgt im Zweifelsfall immer auch noch der Chor, der sich hier einmal mehr ausgesprochen spielfreudig zeigt. Aber: Alle Regiearbeit hilft kaum, es gibt einfach zu wenig Substanz. Die Sänger müssen wirken, sonst wird es nichts.

Und da kann das Theater Krefeld Mönchengladbach wirklich auftrumpfen. Es wird einer der ganz großen Abende in der Geschichte des Theaters. Bariton Rafael Bruck begeistert als Hamlet mit einem riesigen baritonalen Spektrum, das er wunderbar bewältigt. Mutter Gertrude, dargestellt von Janet Bartolova, kommt sauber mit dramatischen Spitzen daher und bewältigt auch darstellerisch gekonnt so manche Hürde. Matthias Wippich gibt ihren Ehemann und König Claudius. Rollengerecht stakst er daher und lässt seinen Bass im ersten Akt recht nasal ertönen, ehe er mit seiner Arie Eindruck schindet. Im Mittelpunkt des Abends aber steht Sophie Witte als Ophelia. Sie entspricht in jeder Hinsicht der femme fragile, die Thomas vor Augen hatte. Mit scheinbarer Leichtigkeit bewältigt sie die Lagenwechsel, fühlt sich in der Höhe wohl und hat dabei noch ausreichend Raum, die ganze Emotionalität der scheiternden Figur aufzuzeigen. Die Wahnsinnsarie bewältigt sie mit Bravour. Und selbst der schwierige Abgang durch den Bühnenboden gelingt brillant. Bei den Nebenrollen, die durchgängig hervorragend besetzt sind, muss Andrew Nolen als Narr besonders hervorgehoben werden, weil er mit geringem Gesangseinsatz schauspielerisch ganz große Leistung zeigt. Insgesamt ein Spitzenteam, dem es gelingt, nicht nur das Wesen der französischen Oper zu erfassen, sondern auch das Publikum über einen langen Zeitraum zu fesseln.
Mikhel Kütson steht mit großer Geste am Pult der Niederrheinischen Symphoniker, die die eingängige Musik von Thomas mit viel Engagement interpretieren. Die Komposition ist in sich in der Balance, so dass Gesang und Graben sich nicht ins Gehege kommen und dem Publikum größtmöglichen Genuss ermöglichen. Dass einige Einsätze noch nicht so stimmen, wird sich sicher im Laufe weiterer Vorstellungen einschleifen.
Das Publikum jedenfalls ist restlos begeistert. Die Arienapplause sind enthusiasmiert, der Schlussapplaus frenetisch. Stehend erweisen die Krefelder „ihrem“ Ensemble ebenso viele Bravo-Rufe wie dem Leitungsteam. Zugegeben, im ersten Akt erfordert dieser Hamlet einige Geduld, aber die wird im Nachgang doppelt belohnt. Und wer in diesen Tagen eine Sternstunde der Oper erleben möchte, muss an den Niederrhein reisen.
Michael S. Zerban