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Foto © Bernd

Hier wird’s peinlich

DIE FLEDERMAUS
(Johann Strauss)

Besuch am
26. November 2017
(Premiere)

 

Oper Köln, Staatenhaus

Operette muss saftig sein, spaßig, satirisch, ja, lasziv, erotisch – aber niemals trivial oder gar ordinär. Eine Operette zu insze­nieren, von der jedes Stadt­theater glaubt, es habe dazu die nötigen Mittel, und die dementspre­chend oft aufge­führt wird, ist mögli­cher­weise die höchste Kunst des Regie­theaters. Deshalb greifen große Häuser gern auf erfahrene Operetten-Regis­seure zurück, wenn es zu Silvester dann doch mal wieder die Fledermaus sein muss.

Die Oper Köln vertraut das komplexe Werk der Regis­seurin Petra Luisa Meyer an, die bereits etliche Insze­nie­rungen im Theater und erste Schritte in der Opern-Regie vorweisen kann. „Egal, ob man für Oper oder Schau­spiel insze­niert: Das Wichtigste ist, dass es das Publikum berührt“, ist die Auffassung der Regis­seurin. Und sie irrt. Berührung allein ist zu wenig. Das beweist sie im Staatenhaus, der Ausweich­spiel­stätte der Kölner Oper. Die Premiere ist überwäl­tigend gut besucht. Stefan Brandtmayr baut eine große Bühne für eine dreiein­halb­stündige Aufführung. Im Zentrum hängt ein Vorhang, vor dem eine Couch­land­schaft mit einem Cocktail-Tisch aufgebaut ist. Der Vorhang dient als Raumteiler du für ein, zwei ziemlich überflüssige Projek­tionen, die dazu noch kaum erkennbar unscharf sichtbar werden. Rechts davon im Vorder­grund ein Tisch, auf dem ein Modell von irgendwas platziert wird. Links ein Kühlschrank mit einer gläsernen Tür, der eine zentrale Rolle spielen wird. Davor ein ausge­stopfter Fuchs. Hinter dem Vorhang zunächst eine Art Bügel­zimmer. Im Bühnen­hin­ter­grund fünf höhen­fül­lende Kuben. Später wird der Vorhang fallen, die Kuben verschiedene Formen und Funktionen übernehmen. Immer und überall Flaschen. Alkohol in verschie­densten Ausfüh­rungen. Wenn die Bühne zum Souper geräumt wird, fährt ein raumfül­lender Wagen ein, auf dem zwei Lampen stehen, aus denen im Gefäng­nisakt Käfige werden. Rechts von der Bühne hat das Orchester Platz genommen. Der Dirigent steht mit dem Rücken zur Bühne.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Kostüme von Cornelia Kraske sind durchweg farbenfroh und gewollt skurril. Sie müssen sich auch nicht immer am Text des Librettos orien­tieren, sondern mehr an der Vorstellung der Regis­seurin. Und die weicht mitunter deutlich ab. Das alles erscheint im Licht von Andreas Grüter, der sich bis zum Schluss der Party mit großen Effekten zurückhält.

Bis hierhin ist alles mehr oder minder in Ordnung. Die Regie-Einfälle orien­tieren sich in diesem Rahmen aller­dings an Albern­heiten, abgelutschten Tricks aus dem Komödi­en­stadl. Die hinzu­er­fundene Rolle des Ivan trifft sich mit dem Tunten-Ballett. Eine unsäg­liche Anein­an­der­reihung von trivialen Darstel­lungen gipfelt darin, dass die weiblichen Ballett-Mitglieder ihre Handta­schen aufessen müssen. Warum sich immer wieder Personen im Kühlschrank aufhalten müssen, erschließt sich nicht. Ein schlecht gemachtes Handtuch-Ballett ist geklaut und funktio­niert nicht – das Original war großartig. Die Kotz-Szene am Ende rundet dann das Gesamtbild einer völlig verfehlten Insze­nierung ab. Und bis dahin könnte man noch annehmen, dass hier die RTL-2-Zielgruppe angesprochen werden soll. Die Medien­gruppe hat ja gleich nebenan ihr Haupt­quartier. Wenn aller­dings lautstarke Bühnen­um­bauten während eines Terzetts erfolgen, muss man sich fragen, wie ernst Meyer die Rolle des Gesangs nimmt. Und ob bei solch funda­men­talen Fehlern nicht die Drama­turgie hätte eingreifen können. Aber der Gesang bekommt an diesem Abend ohnehin nur eine unter­ge­ordnete Rolle.

Ivana Rusko bleibt als Rosalinde blass und über weite Strecken textun­ver­ständlich. Immerhin kann man ihren russi­schen Akzent in den Sprech­partien als Hinweis auf die ungarische Gräfin deuten. Die Rolle des Gabriel von Eisen­stein ist mit einem Bariton besetzt. Man kann den Gesang von Miljenko Turk nur als Parodie auf einen Tenor deuten. Da aller­dings klingt er, wenn man sich gewöhnt hat, ganz in Ordnung. Ohne Wolfgang Stefan Schwaiger als Dr. Falke etwas Böses zu wollen, er macht seine Sache gut, ist er rein figürlich eine glatte Fehlbesetzung.

Schau­spie­le­risch geben ohnehin alle ihr Bestes. Und in den meisten Fällen reicht das auch. Hin und wieder ist bei allen eine gewisse Distanz zur Rolle zu bemerken, was nur allzu verständlich ist. Tenor Marco Jentzsch imponiert auch dann, wenn er im roséfar­benen Morgen­mantel antreten muss. Claudia Rohrbach ist anerkannt als Meisterin ihres Fachs und bereitet auch viel Freude als Adele. Dass sich dennoch Ungenau­ig­keiten einschleichen, liegt vermutlich am Premie­ren­fieber. Enttäu­schend ist Counter­tenor Kangmin Justin Kim als Prinz Orlofsky als Sänger; als Darsteller gibt er sich viel Mühe, veralbert durch Regie-Tanz-Einfälle. Oliver Zwarg gibt den Gefäng­nis­di­rektor rollen­ge­recht, bis zum Kotzen. Schön, dass er sich beim Schluss­ap­plaus bei Schwaiger entschuldigt. Denn das möchte das Publikum am liebsten auch.

Foto © Bernd Uhlig

Der große Auftritt kommt immer nach der Pause. Und für den ist Jochen Busse vorge­sehen. Man verortet den Enter­tainer, der längst in einem Alter angekommen ist, in dem man eigentlich am Lago di Maggiore in sich selbst ruhend auf einen schönen Sonnen­un­tergang blickt, eigentlich eher in anderen Fächern, als Buchautor oder spätent­deckten Maler. Da ist die Skepsis groß. Und dann ist er plötzlich der Licht­blick des Abends. Hat er sich noch mit einer dämlichen Bemerkung zu Düsseldorf einge­führt – man mag diese überflüs­sigen Sprüche nicht mehr hören, mit denen zwanghaft die Köln-Düsseldorf-Zwistigkeit beschworen werden – brilliert er, als Frosch in den Mittel­punkt tretend, mit einem großar­tigen Monolog über die Kölner, der feinsinnig und endlich humoris­tisch die Menta­lität der Kölner erkundet und vielfach auf den Punkt bringt. Großes Kompliment an einen Künstler, der auch in der Operette das Publikum fesseln und begeistern kann. Umso schlimmer, dass der Gefäng­nis­di­rektor sich dann noch für die „politische Aktua­lität“ des Librettos hergeben muss und nicht mehr als ein paar blöde Sprüche zur gegen­wär­tigen Regie­rungs­findung übrig hat.

Enttäu­schend ist auch der Umgang mit dem Chor, der zugunsten des Tunten-Balletts völlig in den Hinter­grund gedrängt wird. Von Sierd Quarrè gut einstu­diert, kommt er über die Statis­ten­rolle kaum hinaus.

Das Gürzenich-Orchester Köln ist der Gewinner des Abends. Unter Leitung von Marcus Bosch, der sich mitunter nur mehr als nachlässig um seinen Klang­körper kümmern kann, weil er sich gerade einmal wieder akroba­tisch nach den Sängern umsehen muss, um ihnen die Einsätze zu liefern, wird hier die wunder­schöne Operet­ten­musik geliefert, die man sich von einer Fledermaus erhofft. Wiene­risch luftig und leicht erklingt sie, die Walzer reißen mit. So wünscht man sich Strauss. Bosch konzen­triert sich auf Akzente, freut sich selbst an der Leistung des Orchesters und zeigt schon mal einen aufge­rich­teten Daumen für besonders gelungene Einsätze. So funktio­niert das heutzutage zwischen Dirigent und Orchester. Kein Dirigat für die Ränge, sondern kolle­giale Zusammenarbeit.

Die Jungs von der Fraktion „Ich lasse meinen Bart und die Kopffrisur im Barber-Shop stylen, weil mir nichts anders einfällt, als hipp zu sein“ sind in der Pause begeistert von dem Trash, der ihnen bis dahin serviert wurde. „So bunt und immer Bewegung auf der Bühne“. Während­dessen ziehen scharen­weise Leute an ihnen vorbei zum Parkhaus, um sich den Rest zu ersparen. Unglück­li­cher­weise verpassen die Jochen Busse. Am Ende gibt es lauten und kurzen Applaus, der nur dadurch verlängert wird, weil Bosch mit seinem Orchester zum Klatsch­marsch animiert. Vermutlich wird man das morgen wieder als „fantas­ti­schen Premie­ren­ap­plaus“ in den so genannten Sozialen Medien als Kurzvideo anschauen können. Alle die, die nicht auf die Propa­ganda herein­fallen, werden hoffentlich schnellst­möglich vergessen können, was ihnen an diesem Abend angetan wurde.

Michael S. Zerban

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