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Auch wenn die Oper ihre Erstaufführung 1849 hatte und Giacomo Meyerbeer den historischen Aufstand der Wiedertäufer im westfälischen Münster in der Mitte des 16. Jahrhunderts als Vorlage genommen hat – so wirken die Bilder dieser Produktion an der Deutschen Oper Berlin, als würden sie aus der aktuellen Abendschau stammen. „Ein Mann, dessen Braut vergewaltigt wurde, verschafft sich durch den religiösen Fundamentalismus die Möglichkeit zur Rache”, fasst Regisseur Oliver Py die Handlung präzise zusammen.
Py und sein Bühnen- und Kostümbildner Pierre-André Weltz haben die Geschichte von Liebe, Macht, Korruption, Machtmissbrauch und Fanatismus in einer namenlosen, grauen, schmutzigen, urbanen Plattenbaulandschaft angesiedelt. Hier werden alle aktuellen Klischees bedient: Vergewaltigung von Frauen und Männern gleichermaßen, Radikalisierung durch Terror, Verdummung des Volkes, Wunderheilungen, Einsatz von Autos und lebenden Tieren: Sogar der geliebte Schäferhund, der auch noch – es wird unmissverständlich angedeutet – vom Tenor erschossen werden soll. Und das geschieht alles unter dem Mantel des Glaubens, wo doch nur die eigene Lust, Bereicherung und Machtgefüge eine Rolle spielen. Da kann nicht einmal ein halbnackter Engel, der immer und immer wieder mit seinen Pappkarton-Flügeln und ‑Sprüchen hereinschwebt, Ordnung hineinbringen, nur Lacher.
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An halbnackten Männern mangelt es nicht – vermutlich sollen sie die wilde Erotik darstellen. Aber wenn sie en masse auftreten, als fanatisches Soldatenballett, wirken sie eher als Parodie. Insgesamt wird viel homoerotisches Fleisch gezeigt. Besonders beim obligaten Ballett – das berühmte Schlittschuhläuferbild. Somit ergeben sich fast 20 Minuten von sich rhythmisch drehender Bühne mit Folter, Vergewaltigungen, Waterboarding und brennenden Autos und im Graben eine Walzer-anmutende musique de ballet.
Den Sängern wird in dem fünfaktigen Werk einiges abverlangt, zumal Meyerbeer oft Stimmliches in Zwischenreichen schreibt. Allen voran die Hauptrolle – Jean de Leyde, hier von Gregory Kunde verkörpert. Zwar forciert er im ersten Akt noch, wird aber zunehmend freier, und singt seine große Arie Roi du Ciel mit Überzeugung, wenngleich die Mittellage nicht unbedingt die reichste ist.
Mezzosopranistin Clèmentine Margaine in der Rolle der Fidès, die über alles geliebte Mutter von Jean, kann zu Recht einen vollen Erfolg verbuchen – sowohl stimmlich wie dramatisch überzeugen die Gefühle, die sie als Mutter und später als verachtete Irre vorträgt.
Als die junge Berthe bringt Elena Tsailagova einen klaren Sopran, der wunderbar zur unschuldigen jungen Brautfigur passt. Später dann, wenn sie sich als rächende Furie zeigt, entwickelt sie ein erstaunliches Selbstbewusstsein, wächst stimmlich über sich selbst hinaus.
In den Nebenrollen stellen die drei opportunistischen Wiedertäufer-Mönche Derek Welton, Andrew Dickinson und Noel Bouley ein homogen düsteres Trio dar. Bass-Bariton Seth Carico gibt den lokalen Mafia-Boss Graf Oberthal mit schurkischer Eleganz und fiesem Zynismus.

Bei Meyerbeer ist der Chor weit mehr als nur Statist. Unter der Leitung des neuen Chordirektors Jeremy Bines wird der schon immer hervorragende Chor der Deutschen Oper zur lebendigen, hievenden Masse, die sich von falschen Propheten zwar blenden lässt, dann aber doch für Gerechtigkeit sorgt und überlebt.
Musikalisch wird hier die Premiere in der revidierten Fassung der historisch-kritischen Edition gespielt. „In der Neuausgabe sind sowohl die erste Fassung, wie auch die von Meyerbeer nach der Premiere 1849 abgesegnete Fassung vertreten. Das hat den Vorteil, dass auf die Möglichkeiten des Opernhauses und die Leistungsfähigkeit der Sänger Rücksicht genommen werden kann. Nicht anders, als das zu Meyerbeers Zeit der Fall war“, sagt Enrique Mazzola. So hält auch der Dirigent die Balance zwischen Bühne und Graben, zähmt das große Orchester mit seinen vier Trompeten, vier Hörnern und zwei Harfen und erlaubt den Sängern den notwendigen akustischen Spielraum.
Mit Le Prophète setzt die Deutsche Oper Berlin ihren Meyerbeer-Zyklus fort – nach Vasco da Gama und Les Huguenots – ein sehr ambitioniertes Projekt, sind die Werke von Meyerbeer doch als der Inbegriff der Grand Opéra eingestuft. Auch bei dieser Produktion ist klar, dass nur ein Opernhaus mit ausreichenden Mitteln ein solches Projekt auf die Beine stellen kann – Ballett, Chor, Extra- und Kinderchor, Statisterie, Drehbühne, pyrotechnischen Effekten, doppelstöckigen Stahlbauten, Panoramen und Projektionen – die Werkstätten der Oper müssen hier gesondert erwähnt und gelobt werden.
Am Ende des fast fünf Stunden langen Abends feiert das Publikum den Chor, die Solisten und den Dirigenten. Das Regieteam erntet geteilt starke Bravo- und Buhrufe.
Zenaida des Aubris