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Draußen in Bern fällt erster Schnee, und die Videokünstler scheinen die reale Ankündigung des Winters aufzunehmen, wenn sie im ersten Bild des Dreiakters Anna Karenina von Jenő Hubay leise die Flocken rieseln lassen. Der Auftakt im frostigen Moskau beginnt vielversprechend, und man ist versucht zu hoffen, dass mit dem kaum gespielten Opus, das 1914 vom Komponisten fertiggestellt und in der Folge des Ersten Weltkriegs erst 1923 zur Uraufführung in Budapest gelangte, ein wahrhaftes, wenn auch tragisches Wintermärchen bevorsteht. In der Tat lässt das Konzert-Theater Bern wie schon das Theater Braunschweig 2014 nichts unversucht, mit dieser spätromantischen Oper einen Publikumsknüller zu landen. Das aufwändige Unterfangen wird von Jenő Hubay selbst sabotiert, denn die Partitur des Ungaren pendelt fiebrig und vor allem sehr laut von stilisierter Operettenromantik über folkloristisch plumpe Anleihen bis hin zum orchestralen Bombast veristischer Prägung.
Die Handlung des Dramas dürfte den meisten bekannt sein. Wer um den 1878 erschienen Wälzer von Leo Tolstoi einen Bogen machte, hat sich wahrscheinlich bereits mit einer Verfilmung des Klassikers fürs Kino oder das Fernsehen auseinandergesetzt. Zum Beispiel mit der gelungenen Theater-im-Theater-Lesart von Regisseur Joe Wright mit Keira Knightley in der Rolle der gestrauchelten Adligen Anna. Ähnlich romantisch wie in dieser Kinoadaption aus dem Jahr 2012, geht auch Regisseurin Adriana Altaras ans Werk und präsentiert ein subtil angedeutetes Russland um die Zeit des Belle Époque, bei dem die Kostüme von Nina Lepilina trotz Pelz-Ästhetik, schnittiger Uniformen und tanzender Matrjoschka einen Hauch von Heute transportieren. Altaras ist bekannt dafür, die Finger von überbordenden Interpretationen zu lassen und sich ganz auf die Figuren und ihre Entwicklung zu konzentrieren. Das macht sie auch bei Anna Karenina so, wo ihr Hauptfokus auf dem Libretto von Alexander Góth und Andro Gábor liegt und die Protagonistin ins Zentrum des Geschehens rückt. Es ist die Tragik einer gelangweilten Frau aus gutem Haus, die für ihre flammende Liebe zum Grafen Wronsky den Gatten Karenin und das gemeinsame Kind Serjoscha im Stich lässt und schließlich viel zu spät erkennt, dass sie alles verlieren wird. Die Verantwortlichen vom Konzert-Theater Bern dürfen sich für die Wahl der Regie auf die Schulter klopfen. Es bringt nichts, an einer unbekannten Oper mit sperriger Notierung rumzudeuteln und das ohnehin von nahender Adventshektik gestresste Publikum zusätzlich zu irritieren. Die Entscheidung, die deutsche Übersetzung von Hans Liebstoeckl zu singen, ist der Tatsache geschuldet, dass es nur diese Kopie gibt. Das ungarische Original-Libretto erscheint so in keinem günstigen Licht. „Leben“ reimt sich schmerzhaft auf „sterben“ und Satzteile wie „Kannst Du meine Frau nicht sein“ erinnern mehr an das Gefasel von Meister Yoda aus den Star-Wars-Filmen, als an Tolstois Weltliteratur.
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Die Regisseurin erweist sich als magische Verführerin, und es gelingt ihr zuweilen gut im musikalisch erratischen Hin und Her, gezielte Ruhepunkte zu setzen. Die Personenführung wirkt dadurch manchmal arg einstudiert und lässt vereinzelt fürs Fernsehen umgesetzte Pilcher-Poesie aufkommen. Das scheint der Preis dafür zu sein, dem irrlichternden und rhythmisch vorangetriebenen Potpourri etwas Einhalt zu gebieten. Dafür punktet die Bühne von Christoph Schubiger mit dem Licht von Jürgen Nase mit prächtigen Tableaus: der Ballsaal zu Beginn wird durch ein Eisfeld, auf dem die Gäste den Schlittschuhlauf markieren, geteilt. Beim Pferderennen in St. Petersburg blickt man als Zuschauer auf die feine Gesellschaft beim Wetteifern und ertappt sich als Voyeur. Das luxuriöse Liebesnest in Venedig erinnert an die ärmliche Behausung der Bohemiens aus Puccinis Meisterwerk, und im angedeuteten Landsitz im letzten Bild erkennt man den Bahnsteig, von dem aus Anna Karenina ihren letzten Schritt in den Freitod macht.
Bis der Zug, der ins musikalische Nirgendwo führt, die Protagonistin aus ihrer Pein erlöst, gilt es jedoch 120 Minuten Hubay zu überstehen. Die Oper beginnt mit eingängigen Quadriglia-Phrasen, die frei nach Richard Wagner auch als Leitmotiv verwendet werden. Die impressionistischen Anleihen des Komponisten gehen indes weiter und reichen von Claude Debussy über Erich Wolfgang Korngold bis hin zu Richard Strauss. Ein Vergleich zu Puccini, von den Veranstaltern gebetsmühlenartig ins Feld geführt, drängt sich, wenn man vom üppigen Orchesterapparat absieht, nicht auf. Der Partitur fehlt es an Dichte und Stringenz. Hubays Versuche, kompositorisch an die Modernisten anzuknüpfen, erschöpfen sich in der endlosen Stilisierung von vorhersehbaren Klangmustern und hart am Kitsch fingierter Folklore. Die Melodiebögen bleiben in dieser krachenden Konversationsoper weitgehend eine Verheißung und werden im Gegensatz zu Giacomo Puccini stets verknappt statt zu erkennbaren Musikstücken ausgearbeitet. Eigentliche Fremdkörper sind zwei Solo-Ständchen im sommerlichen Venedig-Bild, das eine mit Mandolinen-Begleitung und überdeutlich hörbarer Italianità, das andere mit Balalaika-Klängen und russischem Hojotoho-Schmachtruf.

Die großen Partien sind in Bern mit Gastsängern besetzt. Sopranistin Magdalena Anna Hofmann gibt die Zerrissenheit von Anna Karenina mit gut dosiertem Pathos. Die Veränderung einer stolzen Frau zur verzweifelten Selbstmörderin gelingt ihr authentisch. Hofmann kann mit ihrer dunkel timbrierten Stimme dem Tutti des Orchesters entgegenhalten, bleibt aber in der Dynamik nicht immer vollends makellos. Zurab Zurabishvili kennt hingegen nur eine Gangart, und die ist forciert und laut. Das gepresste Dauerforte führt zu unschönen Phrasierungen in den Höhen und hinterlässt den Eindruck geschrammter Tonabfolgen. Dieses nicht enden wollende Ungestüm äußert sich ebenso im Spiel, wenn der Tenor gegen die Pappwand poltert als wäre sie aus Stein. Temperiert wie sonor ist der Bass von Young Kwon als Graf Karenin. Ohnehin sind alle Nebenrollen in Bern bestens besetzt, darunter auch mit den Ensemblemitgliedern Todd Boyce als Stefan Oblonsky, Andries Cloete als Lewin und Jinsook Lee als Dolly. Lilian Farahani betört als Kitty mit einem reinen und hellen Sopran.
Das Berner Symphonieorchester unter der musikalischen Leitung von Jochem Hochstenbach spielt das schwer Greifbare dieser Partitur auffallend differenziert und beherrscht die vielen Taktwechsel und rhythmischen Wellen souverän. Man fragt sich bloß: Geht’s etwas weniger laut, auch wenn die Vorlage in punkto Emotionen das Plakative dem Sublimem vorzieht? Auf diesem Glatteis rutscht auch der von Zsolt Czetner akkurat geführte Chor des Theaters gelegentlich aus, denn er vollzieht das Fortissimo in einer Art und Weise, als gälte es, die Arena von Verona zu beschallen.
Was sich schon am Ende der einzelnen Bilder abzeichnet, setzt sich auch beim letzten Vorhang fort. Das Publikum reagiert eher verdattert auf die röhrende Rarität. Erst wenn die Künstler und Musiker sich verneigen, ertönen kräftiger Applaus und vereinzelte Jubelrufe. Das Fazit: Es ist jedem Haus hoch anzurechnen, sich an Ausgrabungen alter Werke zu beteiligen. Nicht jeder Fang erweist sich als Perle. Das Konzert-Theater Bern hätte sich weit mehr Lorbeeren geholt, wenn sie Braunschweig bei seinen Wiedererweckungen ins Jahr 2011 gefolgt wäre. Da brachten die Braunschweiger 100 Jahre nach der Uraufführung in Buenos Aires Pietro Mascagnis Monumentaloper Isabeau zu neuer Blüte, und die Kritikergilde war sich einig: Was man hier hörte, gesanglich wie musikalisch, war ganz große Oper.
Peter Wäch