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Wer in diesen Tagen mit der Straßenbahn in Leipzig unterwegs ist, kann auf der elektronischen Anzeige folgendes lesen: „Das Leben ist kein Wunschkonzert. Aber die Oper Leipzig macht es möglich. Aufgrund der vielen Wünsche von Besuchern der Oper Leipzig steht nun Antonín Dvořáks erfolgreichste Oper Rusalka neu auf dem Spielplan.“ Eine schöne Geste der Opernleitung, ein eher selten gespieltes Stück, und dann auch in der tschechischen Originalsprache aufgrund vieler Zuschauerwünsche nach über 40 Jahren in einer Neuinszenierung auf die Bühne zu bringen. Bis auf Gasttenor Peter Wedd als Prinz sind alle Rollen Debüts von Leipziger Ensemblemitgliedern.
Passend zur Adventszeit also ein lyrisches Märchen für Erwachsene, aber ohne Happy End. Antonín Dvořák und sein Librettist Jaroslav Kvapil vermischen in ihrer am 31. März 1901 am Prager Nationaltheater uraufgeführten Oper Rusalka den slawischen Mythos der untoten Rächerin aus dem Wasser mit Märchenfiguren wie Friedrich de la Motte Fouqués Undine und Hans Christian Andersens Die kleine Seejungfrau vor dem Hintergrund der düsteren Sagen des Dichters Karel Jaromír Erben. Die faszinierenden Klangwelten, die liedhaften und hochdramatischen Momente ließen Rusalka zu einer der erfolgreichsten tschechischen Opern werden und sie gilt neben Smetanas Verkaufter Braut als tschechische Nationaloper.
Rusalka ist ein Märchen für Erwachsene von der Sehnsucht nach einer anderen Welt. Die Geschichte wird aus der Sicht der Naturgeister erzählt, in deren Welt der Mensch rücksichtslos hereinbricht. Die Geschichte einer Meerjungfrau, die sich in einen Prinzen verliebt und ein Mensch werden möchte, um mit ihm zusammen zu sein, dafür doch ihre Stimme opfern muss, ist den meisten von uns bekannt. Sie wird in den verschiedensten Varianten erzählt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedienten sich Dvořák und sein Librettist an slawischen Volksmärchen und schufen daraus die Oper Rusalka als lyrisches Märchen.
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Die Nixe Rusalka wünscht sich nichts sehnlicher, als Teil der Welt der Menschen zu werden. Ein unbekannter Prinz hat es ihr angetan, und sie ist bereit, alles für ihn aufzugeben. Dabei kennt sie ihn nicht einmal. Ihr Vater, der Wassermann, versucht vergebens, sie umzustimmen. Es ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben, die sie treibt. Der Wassermann warnt sie vor den vielen Gefahren, die sie dort erwarteten, rät ihr aber schließlich, sich an die Hexe Ježibaba zu wenden. Doch damit treffen zwei Gegensätze aufeinander, denn die Hexe hasst die Menschen abgrundtief. Auch der Prinz ist vom ersten Moment an von Rusalka fasziniert. Er will sie haben, ganz und gar. Da Rusalka als Nixe keine Seele besaß, kann sie auch in Menschengestalt keine wirkliche Leidenschaft zeigen. Der Prinz wird von Tag zu Tag ungeduldiger, und als dann auch noch die Hexe in Gestalt einer heißblütigen, fremden Fürstin auftaucht, die den Prinzen verführt, hat Rusalka verloren. All ihre Opfer nutzen nichts, um gegen die menschliche Begierde anzukommen. Am Schluss findet der Prinz den erlösenden Tod in den Armen Rusalkas, doch die muss nun, verflucht, als Irrlicht ewig weiter leben. Es ist ein Märchen, das ans Herz geht und doch kein gutes Ende nimmt. Der Preis war zu hoch, die Einsicht kam zu spät, und am Ende haben alle verloren.
Michiel Dijkema, der an der Oper Leipzig unter anderem Tosca mit großem Erfolg inszenierte, haucht diesem Stück an der Oper Leipzig neues Leben ein. Neben der Regie ist er auch für das Bühnenbild verantwortlich. Und diese Kombination ist für die Inszenierung einfach perfekt. Für die Szenerie ist es dem Regisseur wichtig, dass die Elementargeister auch gewissermaßen aus ihren jeweiligen Elementen auftauchen können. Und so wird es eine ganz zeitlose, naturalistische Inszenierung, mit wenigen Verweisen zur heutigen Zeit und zur heutigen Gesellschaft, nämlich dann, wenn die Menschen ins Spiel kommen. Es ist eine hügelige Landschaft, mit Wasser umgeben, so dass der Wassermann und die Nixe aus dem Wasser auftreten können, die Erdwesen aus maulwurfshügelähnlichen Löchern. Großartig auch das bewegliche Haus der Hexe Ježibaba auf großen beweglichen Hühnerfüßen. Und hier schlägt Dijkema, der auch Klavier studiert hat und von der Musik kommt, einen Bogen zu Modest Mussorgskys Bildern einer Ausstellung.
Denn die Ježibaba ist das tschechische Pendant zur russischen Baba Jaga. In dem neunten Bild dieser Ausstellung ist das Haus der Baba Jaga auf Hühnerfüßen abgebildet, und auch musikalisch sind Anklänge an Mussorgsky zu vernehmen. Es ist nicht der einzige geniale Regieeinfall, den Dijkema hier hervorzaubert. Der Mond, der eine zentrale Rolle bei den Naturwesen spielt, wird als leuchtende Kugel dargestellt, von einem Fährmann auf einem Kahn übers Wasser gebracht, ein so simples wie gleichzeitig treffendes Bild, das in die Atmosphäre der zwei Welten harmonisch passt.
Die Szene mit den Menschen ist kurz und kühl, hier herrscht die Dekadenz vor. Und der Prinz, der mit der schönen, aber stummen und leidenschaftslosen Geliebten nichts mehr anzufangen weiß, lässt sich von der schönen unbekannten Fürstin im verführerischen, roten Venuskostüm gerne verführen, nichtahnend, das es die Hexe Ježibaba ist, die dem Prinzen die Sinne raubt, während Rusalka tatenlos zusehen muss und ihr verzweifeltes Schicksal grausam erkennt. Nicht Frau, und nicht mehr Nixe zu sein, ein seelenloses Wesen ohne Hoffnung auf Erlösung. Die gibt es, im Wagnerschen Sinne, optisch und musikalisch nur für den Prinzen, der in Rusalkas Armen quasi den Liebestod stirbt und von seinen Qualen erlöst wird, während Rusalka als Irrlicht keine Erlösung findet.
Dijkema hat die Personenregie sehr stark auf Olena Tokar zugeschnitten, die ein furioses Debüt als Rusalka gibt. Sie ist nicht nur musikalisch der Mittelpunkt, auch ihr Spiel ist ergreifend, als sie die Aussichtslosigkeit ihres Schicksals erkennt. Der Regisseur lässt Tokar alle Freiräume, die Rolle zu entwickeln, ohne den stringenten roten Faden aus der Hand zu geben. Das wird sichtbar bei der Anlage der Figur der Hexe Ježibaba, die grausam und kalt Rusalka und den Prinzen vernichtet. Sie erklärt, dass die Menschen von ihren Wurzeln losgelöst sind, keine Verbindung mehr zur Natur haben, destruktiv sind und Blut an den Händen haben. Sie hat von vorneherein nicht die Absicht, die Liebe zwischen Rusalka und dem Prinzen gelingen zu lassen, sondern will den Prinzen zu Grunde zu richten. Dijkemas Bühnenbild und Regiekonzept käme nicht so zur Wirkung, hätte er nicht die Kostümbildnerin Jula Reindell an seiner Seite gehabt. Die Nixenkostüme von Rusalka und dem Wassermann hätten auch aus einer Walt-Disney-Produktion kommen können, einfach nur schön anzuschauen. Und die Erdtrolle in massigen Fatsuits mit überdimensionierten Brüsten, die aus den Maulwurfshügellöchern hervorkommen, könnten ohne Probleme bei den Hobbits mitspielen. Die Hexe Ježibaba steckt in einem farbenfrohen Kostüm, das ihre Gefährlichkeit optisch etwas abmildert. Das Outfit der unbekannten Fürstin ist einfach nur Erotik pur, Victoria‘s Secret lässt grüßen. Unterstützt wird die Szenerie durch das punktgenaue Lichtdesign von Michael Fischer, das die emotionale Komponente des Werkes noch einmal unterstreicht.

Der Star des Abends ist das großartige Sängerensemble der Oper Leipzig, und allen voran Olena Tokar in der Titelrolle, die in der Rolle debütiert. Es waren wohl nicht nur die vielen Zuschauerwünsche nach einer Neuinszenierung der Rusalka, die die Intendanz bewogen haben, das Werk auf die Bühne zu bringen. Das Wissen darum, eine Sängerin am Hause zu haben, die für diese Partie geboren zu sein scheint, mag hier sogar den Ausschlag gegeben haben. Und mit dieser Einschätzung haben die Verantwortlichen Recht gehabt. Tokar übertrifft an diesem Abend alle Erwartungen. Und es ist nicht nur das Lied an den Mond, das sie innig und lyrisch mit fast kindlich unschuldiger Stimme interpretiert, sondern sie zeigt alle Facetten ihres Könnens, vom leichten Piano bis zu den großen dramatischen Ausbrüchen. Die Höhen sind strahlend klar, und die Phrasierungen gelingen ihr mit großem Atem. Sie zeigt große Wandlungsfähigkeit im Spiel, von der kindlichen Nixe zur Frau ohne Leidenschaft bis hin zum verlorenen Irrlicht. Tokar hat sich lange und gut sowohl mental als auch technisch auf ihre Rolle vorbereiten können. Das ist nur möglich, weil die Verantwortlichen der Oper Leipzig ihrem Ensemble auch die Zeit geben, ihre Rollen adäquat und dazu noch in einer für sie fremden Sprache einzustudieren. Mit Peter Wedd als Prinz konnte die Oper Leipzig einen versierten Wagnertenor verpflichten, den es für diese Rolle auch braucht. Und mit kernigem Heldentenor und großem körperlichen Einsatz gestaltet er diese Partie brillant, seinen Liebestod am Schluss gestaltet er in bester Tristan-Manier. Karin Lovelius gestaltet die Partie der Hexe Ježibaba mit großem Einsatz und musikalisch auf höchstem Niveau. Kathrin Göring als fremde Fürstin ist nicht nur optisch eine Verführerin, auch stimmlich vermag sie mit ihrem warmen Mezzosopran zu betören. Da steckt schon viel Venus drin, mit der sie am Haus in drei Monaten debütieren wird. Tuomas Pursio gibt den Wassermann mit kräftig markantem Bariton und leidenschaftlichem Spiel. Die Verzweiflung, seine geliebte Tochter Rusalka zu verloren zu haben, ist ihm förmlich körperlich anzumerken. Herrlich komisch sind Magdalena Hinterdobler, Sandra Maxheimer und Sandra Fechener als die drei Waldelfen im Fatsuit, die mit ihrem Schwabbeltanz nicht nur für Heiterkeit sorgen, sondern mit Pursio ein Terzett im ersten Aufzug hinlegen, dass den Rheintöchtern in Wagners Rheingold alle Ehre macht. Jonathan Mitchie als Heger und Mirjam Neururer als Küchenjunge ergänzen stimmlich und spielerisch ein großartiges Sängerensemble. Alexander Stessin hat den Chor der Oper Leipzig für seinen kurzen Auftritt bestens präpariert.
Christoph Gedschold hat nach dem Freischütz nun seine zweite große Oper dirigiert, und das mit großer Leidenschaft und Intensität. Dvořáks Musik ist die slawische Seele, heiter und ausgelassen einerseits, melancholisch und traurig andererseits. Das Gewandhausorchester zeigt diese zwei Seiten der slawischen Seele. Heiter sind die Anklänge an Dvořáks slawische Tänze, schwermütig die großen Orchesterstellen, insbesondere die Anklänge an seine neunte Sinfonie Aus der Neuen Welt werden wunderbar herausgearbeitet. Gedschold begleitet die Sänger unprätentiös und dienend, und Olena Tokar trägt er musikalisch über jede Hürde. So gelingt dieser Abend musikalisch, sängerisch und optisch zu einem großen Erlebnis, dass noch tiefer hätte gehen können, wenn nicht einige im Publikum in die letzten Schlusstöne schon reinklatschen und damit den Zauber des Liebestodes am Schluss zerstören.
Am Ende ist die Begeisterung riesengroß, Olena Tokar wird natürlich umjubelt, aber auch die anderen Protagonisten einschließlich des Regieteams dürfen den verdienten Beifall entgegennehmen. Mit dieser Neuinszenierung und diesem Ensemble hat die Oper Leipzig einmal mehr neue Maßstäbe gesetzt. Und die Aufführung hat das Zeug zum Dauerbrenner, nicht nur in der Adventszeit.
Andreas H. Hölscher