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In den letzten Jahren hatte Eugen Onegin, die beliebteste und neben Pique Dame wohl auch beste Oper Peter Tschaikowskys, an den rheinischen Opernhäusern von Köln bis Wuppertal Hochkonjunktur. Meist mit durchwachsenen bis mageren Ergebnissen. Leicht macht es Tschaikowsky den Regisseuren mit seinen „Lyrischen Szenen“ auch nicht. Das psychologisch feingestrickte, auf dramatische Knalleffekte weitgehend verzichtende Kammerspiel taugt für die große Bühne nur bedingt. Dafür sind Feingefühl und Fantasie gefragt, um die Irritation der Gefühle und die Leere, die die dekadente Gesellschaft im zaristischen Russland Puschkins aussaugt, ohne Spannungsverluste darstellen zu können.
Das gelingt Tina Lanik in der Dortmunder Neuinszenierung über weite Strecken. Wie schon in ihrer immer noch erfolgreichen und wieder aufgenommenen Traviata kann sie auch jetzt mit detailgenauen und sensibel erspürten Psychogrammen der Figuren überzeugen. Allesamt junge, teilweise noch pubertierende Figuren, die Tschaikowsky bewusst mit Studenten besetzen wollte, die von ihren Gefühlen überfordert sind, sich von ihnen täuschen lassen und falsche Entscheidungen treffen. Es gibt nur Verlierer: der am Ende tote Lenski, der isolierte, von Gewissensbissen und innerer Leere durchschüttelte Onegin, die zurückgelassene Olga und die zwar zur Fürstin aufgestiegene, aber emotional unglückliche Tatjana. Und auch der Oligarch Gremin, der die schöne Tatjana stolz wie ein Standessymbol präsentiert, täuscht sich, wenn er glaubt, von der jungen Frau geliebt zu werden. Das alles wird in Laniks Inszenierung mit lupenreiner Klarheit deutlich. Hilfreich ist ihr dabei das Bühnenbild von Jens Kilian: Ein Kubus, der die für dieses Stück zu große Dortmunder Bühne auf Kammerdimensionen reduziert und den verschiedenen Spielorten flexibel angepasst werden kann. In schlichtem, braunem Ambiente für die Welt der ländlichen Provinz, in modernem Glasdesign für die mondäne Gesellschaft von St. Petersburg.
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Was die zeitlich und örtlich eher neutral angesiedelte Inszenierung vermissen lässt, ist freilich das durch die Musik vorgeprägte russische Kolorit, das sich bei Tschaikowsky genau so wenig unterdrücken lässt wie bei einem Tschechow-Drama. Ein spezifisches Kolorit, das die Stimmung und Wirkung des Stücks wesentlich stärker beeinflusst als etwa eine Mozart-Oper, die Peter Sellars auch in einer Fritten-Bude spielen lassen kann, wenn nur die Psychologie stimmt.
Die scheintote Petersburger Gesellschaft im Schlussakt, die Lanik als stinkreiche Oligarchen-Bande darstellt, die Tatjana als Kühlerfigur einer protzigen Luxus-Limousine missbraucht, reflektiert zutreffend den heutigen und der zaristischen Endzeit nicht unähnlichen Zustand einer dekadenten Schicki-Micki-Gesellschaft, verspielt aber die Chance, Text, Musik und Ambiente zu einer geschlossenen Einheit zu führen.

Überhaupt schwächelt die Inszenierung in den groß besetzten Passagen. Damit kann die Regisseurin erheblich weniger anfangen als mit den intimen Szenen des Kammerspiels.
Der bis auf wenige Ausnahmen durchweg lyrisch und dezent zurückhaltende Grundton des Werks animiert Gabriel Feltz am Pult der Dortmunder Philharmoniker dazu, drohender Monotonie durch einen stark aufgedrehten, bisweilen überhitzten und insgesamt zu rauen Klang entgegenzuwirken. Eine Haltung, die der Sensibilität der Musik ebenso wenig gerecht wird wie der filigranen Inszenierung. Mit extrem schnellen Tempi bringt er die Ensemble- und Chorszenen ins Schlingern, mit extremen Tempodehnungen den musikalischen Fluss ins Stocken.
Davon lässt sich Emily Newton als Tatjana freilich nicht beeinflussen, die die komplexe Partie mit allen Fassetten vom schüchtern verliebten Teenager bis zur unglücklich verliebten Fürstin stimmlich und darstellerisch mit jugendlichem Charisma zum Ausdruck bringt. Mit seinem imposanten Bariton verkörpert Simon Mechlinski einen Onegin, der sich dem rauen Klangbild des Dirigenten anpasst. Eine etwas eindimensionale Interpretation, die die Entwicklung der Figur stimmlich nicht hinreichend nachvollzieht, die aber ein großes Potenzial erkennen lässt. Thomas Paul als Lenski verfügt zwar über einen Tenor mit schönem, metallischem Glanz, doch wirkt die Tonbildung unstabil. Die kleine Rolle des Fürsten Gremin bewältigt Luke Stoker mit kultivierter Bravour und Ileana Mateescu hat als Olga zwar mit den tiefen Tönen einige Probleme, überzeugt aber durch eine in sich geschlossene Gesamtleistung.
Die Abstimmung des Chors mit dem Orchester gelingt in der Premiere nicht durchweg. Auch in den, zugegeben, kniffligen Ensembleszenen klappert es bisweilen, was sich im Laufe der Aufführungsserie gewiss noch korrigieren lässt.
Das Publikum reagiert ausnahmslos begeistert auf die Neuinszenierung, die nicht alle Ansprüche des Werks erfüllt, aber mehr als die meisten anderen Produktionen an Rhein und Ruhr.
Pedro Obiera