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Foto © Thilo Beu

Glücksfälle

GEISTERRITTER
(James Reynolds)

Besuch am
3. Dezember 2017
(Urauf­führung)

 

Theater Bonn, Oper

Zum großen Finale haben sich alle einge­funden, die in den knapp zwei Stunden Opernkino zuvor die Geschichte des Inter­nats­zög­lings und Halbwaisen Jon Whitcroft und seiner Schul­freundin Ella Littlejohn erzählt haben. Vereint an der Rampe sind nun Gute und Böse, hier Gestalten, die dem Publikum in der Oper Bonn einen Schauer nach dem anderen über den Rücken gejagt haben, dort die anderen mit der Fähigkeit, es zum Schmunzeln, manchmal gar zum Lachen zu bringen. Allen voran die zumeist recht skurrilen Figuren aus der Sippschaft der jungen Helden, dazu die surrealen Ritter aus dem Mittel­alter, ferner allerlei Fantasy-Personal wie Dämonen und Kröten. Wie Watte legt sich ein Harmonien beschwö­render Breitband-Sound­track über die Szene. „Kitsch, Kitsch, Kitsch“, wird dazwi­schen gerufen. Nun ist Rap von Seiten der drei Kröten angesagt, mit dem die Urauf­führung des „Opern­thrillers“ Geister­ritter von James Reynolds nach dem Roman von Cornelia Funke endet.

Ganz klar, hier sind Profis am Werk, die ziemlich viel davon verstehen, was eine „Famili­enoper“ mit der Kernziel­gruppe Kinder zwischen acht und zwölf Jahren bieten muss, um Herz und Verstand zu erreichen. Und das ist eine ganze Menge, wie der anhal­tende, teils frene­tische Schluss­beifall im Haus am Boese­la­gerhof beweist, das lange nicht mehr eine solche willkommene Belagerung durch Kinder und Jugend­liche erlebt haben dürfte.

Die Sparte Kinderoper im Sinne eines spezi­fi­schen Musik­theaters für Kinder in der Entwicklung lässt sich seit dem späten 19. Jahrhundert nachweisen, speziell in Deutschland, Dänemark und Russland. Nach 1945 setzen Britten, Davies, Henze, Menotti und Hiller diese Tradition mit eigenen Schöp­fungen fort. Allen gemeinsam ist die Zielsetzung, Kinder mit der Oper oder die Oper mit Kindern vertraut zu machen. Ebenso gemeinsam ist ihnen ein struk­tu­reller Nachteil. Zu wenige Stoffe haben in den letzten Jahrzehnten den Sprung ins Reper­toire geschafft, um tenden­ziell der Dominanz von Humper­dincks Hänsel und Gretel in den Spiel­plänen etwas Ebenbür­tiges an die Seite zu setzen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Vor diesem Hinter­grund ist es schon ein Glücksfall, dass sich der aus Kalifornien stammende und in Berlin lebende Komponist James Reynolds erstmals einer Vorlage der Erfolgs­au­torin Funke, von der auch der Erfolgs­roman Tintenherz stammt, angenommen und sich für eine Fassung für große Bühnen engagiert hat. Die Vorge­schichte des Projekts lässt sich in wenigen Sätzen skizzieren. Auf der Suche nach einem Stoff für eine kindge­rechte Grusel­ge­schichte begegnet der Komponist zufällig der in Santa Barbara lebenden Kinder­buch­au­torin. Die arbeitet gerade an ihrer Geister­ritter-Geschichte. Reynolds, ein Generalist, erfahren in zahlreichen Kompo­si­tionen für Musik­theater und Ballett, zu Litera­tur­pro­duk­tionen, Krimis, Märchen und Kinder­hör­spielen, begeistert sich für den Text. Ihm ist auf Anhieb klar, wie sehr der sich zur Umsetzung für das Theater eignet. „Das Buch ist ideal für eine Bühnen­be­ar­beitung“, äußert sich auch Funke unisono. Das sehen indes nicht alle so. Einige Theater scheuen das große Format, verlangen Reduzierung und Straffung, was aller­dings quer läge zur ursprüng­lichen Intention und zurück­ge­wiesen wird. Das Olden­burger Staats­theater distan­ziert sich 2011 von seinem Vorhaben, die gerade auch auf dem Buchmarkt erschie­nenen Geister­ritter zur Urauf­führung zu bringen. Untragbar für Kinder, lautet das Verdikt.

Sechs Jahre später hat das Warten des Tandems Reynolds und Funke sowie für den Libret­tisten Christoph Klimke, schon Partner des Kompo­nisten bei dessen Oper Tucholskys Spiegel, ein Ende. Die Oper Bonn – Glücksfall Nummer zwei – entschließt sich, im Rahmen der Koope­ration „Junge Opern Rhein Ruhr“, das Werk heraus­zu­bringen. Und alle Kräfte des Theaters – Orchester, Chöre, Solisten, Werkstätten und technische Abtei­lungen – für das Vorhaben zu mobili­sieren. Die Urauf­führung avanciert so in Zeiten kultur­po­li­ti­scher Restrik­tionen, denen die Oper in der Bundes­stadt seit einigen Jahren unter­liegt, zu einem glänzenden Leistungs­nachweis für das Stadt­theater schlechthin. Mit ihrer grandiosen Geister­stunde für Klein und Groß konter­ka­riert sie zudem das in Bonner Vertei­lungs­kämpfen um öffent­liche Gelder immer wieder platt kolpor­tierte Vorurteil, mit der Oper leiste sich eine Elite ihr Lieblingsspielzeug.

„Kinder sind manchmal sehr viel offener als die Erwach­senen, sie sind an neuen Klängen und Spiel­tech­niken inter­es­siert“, sagt Reynolds vor der Urauf­führung. „Sie hören mit den Augen.“ Diese Erkenntnis bringt Regisseur Erik Petersen visuell mit einer spekta­ku­lären Insze­nierung der Schau­er­ge­schichte zur Geltung. Der dritte Glücksfall: Petersen weiß mit dem Ausstatter-Team Momme Hinrichs und Torge Møller Bündnis­ge­nossen an seiner Seite, die der fantas­ti­schen Funke-Story adäquate Bilder­welten zugesellen. Wie das Duo, 2014 in Bonn bei Verdis Giovanna d‘Arco erstmals voll für eine Insze­nierung verant­wortlich, die rasch, weil ohne Umbau­pausen wechselnden Schau­plätze herbei­zaubert, ist Video­kunst par excel­lence, innovativ und verblüffend. Diese Phantas­ma­gorie entsteht just in time, wenn sich das Klassen­zimmer des Internats zum Beispiel in die Kathe­drale von Salisbury verwandelt, später dann in den Friedhof zu Kilmington, wo – oh Wunder – Gräber­skulp­turen zu kämpfenden Rittern werden, natürlich auf der Seite des Guten. Dass die Märchenwelt der Funke höchst unter­haltsam funktio­niert, ist nicht zuletzt den präch­tigen Kostümen zu verdanken, die Kristopher Kempf einge­bungsvoll konzi­piert hat.

Effekt und Affekt! Auf diese Formel bringt Mozart anlässlich der Urauf­führung seines Idomeneo das ganze Geheimnis der Oper. Offen­kundig ist die Formel zeitlos. Die Effekte der Kompo­sition, die das Beethoven-Orchester Bonn mit Kapell­meister Daniel Johannes Mayr am Pult souverän bewältigt, scheinen jeden­falls grenzenlos. Lohnt schon das „Hören mit den Augen“, so lohnt das Hören mit den Ohren erst recht. Zu erleben gibt es alle Schat­tie­rungen von grell bis intim, jede Menge Schlagwerk, Glocken­spiel, elektro­nische Sphären- sowie Filmmusik, Big-Band-Sound, Rap, Kammer­musik, Anleihen aus dem Musical, selbst formvollende Arien. Mit einer solchen glänzt speziell Susanne Blattert als Zelda und in der weiteren Rolle der Ela Longspee, genre­konform, da von schmel­zenden Harfen­klängen begleitet. Da ist Puccini nicht mehr weit.

Foto © Thilo Beu

Aus dem äußerst engagierten, glänzenden Sänger­ensemble ragen der Tenor David Fischer als Jon und die Sopra­nistin Marie Heeschen als Ella Littlejohn heraus. Beide haben schon mit Auftritten jüngst in Bonn, sei es in Peter Grimes, sei es im Barbiere di Seviglia, ihr großes Potenzial für eine perspek­ti­ven­reiche Zukunft unter Beweis gestellt. Jetzt kommt bei ihnen noch das Talent zum Spiele­ri­schen hinzu, in allen Varianten von der Trauer bis hin zum Komödi­an­ti­schen. Heeschen zumal dürften viele Türen offen­stehen. Zeichnet sie sich doch als besonders aufge­schlossen für Stücke der Neuen Musik aus.

In den weiteren großen und kleinen Partien gibt es viel vokales Können und Schau­spiel­kunst zu bewundern. Der öster­rei­chische Altist Bernhard Landauer ist ein Lord Stourton mit markanter Stimme und hoher Bühnen­präsenz. Giorgos Kanaris  macht es ersichtlich viel Freude, den William Longspee zu geben, einen steinernen Gast beson­derer Natur. Martin Tzonev genießt es förmlich, dem Schul­lehrer Mr. Rifkin Konturen zu vermitteln. Sein Dialog mit den Inter­nats­schülern, ob es denn nun Geister gebe oder nicht, ist ein Bravour­stück im Stile der Opéra comique. Anjara I. Bartz und Gintaras Tamutis als die Popple­welles, Fabio Lesuisse als Angus und Julian Kokott als Stu und Aleister Jindrich tragen wesentlich zu dem insgesamt überzeu­genden Gesamtbild bei. Das gilt nicht zuletzt für die formi­dabel einstu­dierten Chöre, den des Theaters Bonn unter seinem Leiter Marco Medved sowie die vier aus dem Jugendchor ausge­glie­derten Mädchen unter Leitung von Ekaterina Klewitz. Ein großes Kompliment zudem den prachtvoll agierenden weiteren Akteuren, so den rappenden Kröten um ihren Anführer Cedric Sprick.

Der Stein ist also ins Wasser geworfen. In abseh­barer Zeit werden die Geister­ritter auch in Düsseldorf und Duisburg sowie in Dortmund zu erleben sein. Und dann? Alles Weitere dürfte in den Händen von Inten­danten, Dirigenten, Regis­seuren, wohl auch Theater­päd­agogen liegen. Das Zeug zu einer Reper­toire-Oper für die ganze Familie hat diese Grusel­ge­schichte vom Feinsten jeden­falls sicher.

Ralf Siepmann

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