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Baudelaire zur Freude

TANNHÄUSER
(Richard Wagner)

Besuch am
3. Dezember 2017
(Premiere am 19. November 2017)

 

Hessi­sches Staats­theater Wiesbaden

Pilger schauen einen Film mit Papst Franziskus, der über assoziative Ketten im Zeichen des Kreuzes und Guten Hirten ins Heidnisch-Sinnliche mutiert. Der Venusberg in der hausei­genen, aus Dresdner‑, Pariser- und Wiener- amalga­mierten Fassung wogt bacchana­lisch. Lüstern-schel­misch jagen weibliche und männliche Nackte einander, räkeln sich lasziv, bilden immer neue allzeit bereite Grüppchen. Niemanden außer der Liebes­göttin selbst hält es in den Textilien. Bevor die Freikör­per­kultur im Hörselberg zur bloßen Leibes­übung gerät, führt die Ballung an Schlüs­sel­reizen bei Tannhäuser zur Übersprung­re­aktion. Es drängt ihn vom Sinnen­taumel ans Tages­licht. Die Versuche der Liebes­göttin, den Sänger dennoch zum Bleiben zu verführen, geben Regisseur Uwe Eric Laufenberg Gelegenheit, Venus äußerst ambivalent und manipu­lativ zu zeichnen. Sie zieht alle ihre Register, demütigt das Objekt der Begierde, indem sie den Sänger in Carmen-Manier mit den Füßen vor sich her rollt. Umgarnt es mit schwer parfü­mierten Schwüren und Verhei­ßungen. Wie Venus nimmermüde mit und um den Geliebten ringt, ist selten so intensiv zu besich­tigen wie in Wiesbaden. Charles Baude­laire, der unent­wegte Propa­gator des Wagner­schen Schaffens in Frank­reich, hätte sein helles Entzücken gehabt. Mag aber sein, der Ritter flieht allein schon deshalb aus dem Hörselberg, weil die Göttin klammert.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Kaum zurück auf der Erdober­fläche, findet sich der Sänger neben der aufge­bahrten Elisabeth. Die aber ist höchstens scheintot. Denn als Tannhäuser samt Landgraf und Kunst­ge­nossen in Richtung Wartburg aufbricht, steigt sie entzückt vom Lager. Den zweiten Aufzug setzt Laufenberg funktional, zuweilen fahrig in Szene. Der dritte hat es in sich. Nur bekleidet mit einem weißen Hängerchen, hockt Elisabeth im Schnee. Wenn auch die letzte Hoffnung auf die Wieder­be­gegnung mit dem Geliebten geschwunden ist, streift sie es ab, um – wie Gott sie schuf – dem Kältetod entge­gen­zu­gehen. Im geraden Gegensatz zum Venusberg-Bacchanal beweist hier Laufenberg Dezenz. Das Publikum bekommt lediglich die Rückan­sicht der künftigen Heiligen zu sehen. Unerlöst aus Rom zurück­ge­kehrt, wird Tannhäuser selbst zum Schmer­zensmann, der die Pose des gekreu­zigten Heilands einnimmt. Wolfram bleibt nichts, als final Tannhäuser jener Transzendenz zuzuführen, in der Elisabeth des Geliebten harrt.

Rolf Glittenberg schafft einen Einheitsraum aus recht­eckig geras­terten schwarzen Seiten­wänden in Höhe des Bühnen­portals mit einer weißen, in der Mitte geöff­neten Decke und Projek­tionen an der Rückwand, die vom Realismus des Waldes bis zu den Abstrak­tionen des Sänger­saales reichen. Glitten­bergs Raum kann vieles sein. Mausoleum, Museum, überdi­men­sio­nierte Lounge. So wie noch heute manche einbal­sa­mierten katho­li­schen Heiligen oder auch Lenin, ruht Elisabeth in einem Glasschrein. Das verschneite Wartburgtal mit riesigem, begeh­barem weißen Kreuz auf der linken Bühnen­hälfte, einem verloren daste­henden Einper­so­nenzelt für Wolfram auf der rechten, dringt unmit­telbar ins Gemüt.

Foto © Karl und Monika Forster

Die Kostüme von Marianne Glittenberg weisen in die zweite Hälfte des 20. Jahrhun­derts. Der Sänger­streit im Wartburgsaal gibt sich als Kostümfest mit Brillen tragenden Herren.

Chor und Extrachor des Hessi­schen Staats­theaters hat Albert Horne einstu­diert. Bei den Herren machen sich intona­to­rische Ungenau­ig­keiten bemerkbar.

Das Hessische Staats­or­chester Wiesbaden folgt seinem neuen GMD Patrick Lange, wenn dieser robust, aber mit Verve zu forschen Taten schreitet. Lange wählt zügige Tempi. Nur im dritten Aufzug mäßigt er sich. Aber da hat er wohl bereits einen Geschwin­dig­keits­rekord aufge­stellt. Dirigent und Orchester vollziehen so Nervo­sität und innere Unrast der Titel­figur nach. Langes Dirigat zeichnet sich nicht eben durch Sänger­freund­lichkeit aus, jedoch bleibt es immer durch­hörbar. Das Blech tönt mitunter fürch­terlich trocken.

Lance Ryan ist ein stimmlich wie darstel­le­risch hoch engagierter Tannhäuser. Wund in der Seele und zerrissen, irrlichtert er über die Szene, ein allüberall Unbehauster. Zwar fehlen Ryans Stimme die unmerk­lichen Übergänge, doch ist ja auch die von ihm verkör­perte Figur ein Mann der schroffen Kontraste. Sabina Cvilak als Elisabeth verbindet eine warm-leuch­tende Mittellage und Höhe mit nobler Tongebung. Überlegt spannt Cvilak weite Bögen. Jede Phrase ist vollkommen durch­dacht. Souveräne Anmut kennzeichnet ihr Rollen­porträt. In seinen besten Momenten hat Chris­topher Bolduc etwas von einem Kavalier­ba­riton. Doch ist die Stimme insgesamt zu schlank und dazu meist eng geführt. Immerhin gelingt Bolduc ein achtbar vorge­tra­genes Lied an den Abend­stern. Jordanka Milkova ist eine sinnliche Venus mit samtig-sattem Timbre. Young Doo Park, Landgraf Hermann, lässt ansagen, er sei wegen der zahlreichen Endproben, in denen er stecke, stimmlich nicht auf der Höhe. Erst auf Nachfrage wird auch ein arger Infekt explizit ins Feld geführt. Sonst mit stimm­lichem Material von der präch­tigsten Helden­sorte gesegnet, hört sich Young Doo Park an diesem Abend strapa­ziert an. Melodische Bögen drohen zu versanden.

Der Applaus des festlich gestimmten Publikums ist stark, der Beifall für Ryan, Cvilak und Bolduc mit bravi durch­setzt. Patrick Lange wird von Publikum und Orchester gefeiert. Der Dirigent hat die Wiesba­dener und ihren Klang­körper im Sturm erobert.

Michael Kaminski

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