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Foto © Iko Freese

Tradition, Tradition

ANATEVKA
(Jerry Bock)

Besuch am
3. Dezember 2017
(Premiere)

 

Komische Oper Berlin

Es wird kräftig gefeiert. Selbst der Bundes­prä­sident ist anwesend beim 70. Geburtstag der Komischen Oper Berlin. In seiner launigen Eröff­nungsrede erinnert er an den Gründer Walter Felsen­stein, an seinen revolu­tio­nären musik­thea­tra­li­schen Regiestil und den Ensem­ble­geist, der bis heute durch das Haus weht. Diese Tradi­tionen zu bewahren, ist ein Anliegen des jetzigen Hausherrn Barrie Kosky, und als schöne Geste hat er in dieser Saison zwei maßgeb­liche Insze­nie­rungen des Urinten­danten als Neupro­duk­tionen angesetzt: Den Anfang macht das Musical Anatevka, das der Komischen Oper 1971 einen ihrer größten und anhal­tendsten Erfolge bescherte – im März kommenden Jahres wird Offen­bachs Blaubart folgen.

Anatevka wurde 1964 unter dem Namen The Fiddler on the Roof in New York urauf­ge­führt und trat von dort aus seinen Siegeszug um die Welt an, der auch mehrmals in beiden Teilen Berlins Halt machte. Das Musical von Jerry Bock basiert auf dem Roman Tevje, der Milchmann des jiddi­schen Schrift­stellers Scholem Alejchem. Es führt in ein fiktives russi­sches Schtetl und beschreibt das Leben der jüdischen Dorfbe­völ­kerung mit ihren alltäg­lichen Verrich­tungen, den Bräuchen und Festen. Hier wohnt der Milchmann Tevje mit seiner Frau Golde und fünf Töchtern, von denen drei im heirats­fä­higen Alter sind. Das Ehepaar möchte sie nach jüdischer Tradition mit Hilfe einer Heirats­ver­mitt­lerin zu vermählen, doch das Mädchentrio spielt nicht mit und wählt sich den jewei­ligen Partner nach Gefühl selbst aus. Worauf Tevje mal wieder Hilfe bei Gott sucht, den er in einsei­tigen Zwiege­sprächen mit den Widrig­keiten und Ungerech­tig­keiten der Welt konfron­tiert oder bescheidene Wünsche äußert, von denen der berühm­teste heißt: Wenn ich einmal reich wär. Anatevka endet mit keinem Happy End, sondern mit dem Einsetzen der Pogrome und der Vertreibung der Dörfler.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Für Kosky hat Anatevka viel mit seiner eigenen Famili­en­ge­schichte zu tun, und er verar­beitet auch Erinne­rungen in seiner Insze­nierung. Der Junge, der anfangs auf einem Roller auf die Bühne fährt, in einem Schrank eine Geige findet und beginnt, die Fiedler-auf-dem-Dach-Melodie zu spielen, mag er selbst sein. Während des Violin­solos wird die Vergan­genheit lebendig. Nachein­ander purzeln erst Tevje und dann die Dorfbe­wohner aus Schränken, Klein­möbeln und Türen, aus denen Rufus Didwiszus das Schtetl, einer verschach­telten Holzin­stal­lation gleich, gebaut hat. Liebevoll ausge­pinselt lässt Kosky einen ganzen Dorfkosmos entstehen. Zwar geht es ärmlich in Anatevka zu, das verdeut­licht die von Klaus Bruns entworfene zerschlissene Kleidung in gedeckten Farben, doch die Lebens- und Sinnes­freuden lassen sich die Bewohner nicht nehmen. Atmosphä­rische Genre- und Famili­en­szenen wechseln ab mit rasanten Showteilen, die Otto Pichler phanta­sievoll und mit enormem Tempo choreo­gra­fiert hat. Großartig, wie er den Kontrast zwischen den fröhlich feiernden Juden und den aggressiv auftre­tenden Russen durch die unter­schied­liche Körper­sprache sichtbar macht. Nach der Pause verebbt das lebhafte Treiben, die Bühne ist nun leer. Im Hinter­grund ist eine verschwommene russische Waldland­schaft mit Birken zu sehen. Es schneit. Die Zeit des Abschied­nehmens ist gekommen, und sie mündet in der ohne Wider­stand hinge­nom­menen Vertreibung der Dörfler, die der Intendant ohne Pathos inszeniert.

Foto © Iko Freese

Max Hopp gestaltet den Tevje mit einer berüh­renden Mischung aus Herzens­wärme, Sturheit und Humor. Er trumpft nicht mit einem gestan­denen Bass auf, wie viele Inter­preten vor ihm, sondern berührt gerade wegen der singdar­stel­le­ri­schen Ausge­wo­genheit. Dagmar Manzel, sonst die Operet­ten­pri­ma­donna des Hauses, fügt sich nahtlos in das Ensemble ein, und gibt die Golde als resolute Frau, die mit Leib und Seele die Familie zusam­menhält. Offene Gefühle sind beider Sache nicht. Als Tevje Golde fragt, ob sie ihn liebt, kann sie mit diesem emotio­nalen Ausbruch nichts anfangen. Dass diese Ehe aber auf einem festen Fundament steht, das machen Manzel und Hopp in diesem kleinen Dialog mit feinsten Unter­tönen deutlich und bescheren dem Abend damit einen der bewegendsten Momente. Alle anderen Figuren sind bis in die kleinste Rolle typen­ge­recht besetzt. Die drei Töchter Talya Lieberman, Alma Sadé und Maria Fislelier bezaubern jede auf ihre Art, ihre Verehrer werden von Ezra Jung, Ivan Turšić und Johannes Dunz, der einmal mehr durch seinen schönen Tenor auffällt, treff­sicher verkörpert. Bühnen­präsenz haben sie alle, ob Barbara Spitz als jiddelnde Heirats­ver­mitt­lerin Jette oder Peter Renz als debiler Rabbi, nicht zu vergessen die Chorso­listen, ohne deren darstel­le­rische Hingabe solche Insze­nierung nicht möglich wäre.

Auch musika­lisch ist diese Anatevka eine Wucht. Koen Schoots heizt das bestens dispo­nierte Orchester der Komischen Oper ordentlich an und sorgt für eine wohltem­pe­rierte Mischung aus Drive, opulentem Breit­wand­sound und Klezmer-Folklore.

Riesen­jubel am Ende. Er steigert sich, als einige Künstler der Felsen­stein-Ära auf die Bühne kommen. Anatevka wurde zu DDR-Zeiten über 500 Mal gespielt. Zu so vielen Auffüh­rungen wird es die aktuelle Insze­nierung vermutlich nicht bringen. Dass sie aber ein Publi­kums­renner wird, daran ist nicht zu zweifeln.

Karin Coper

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