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LULU
(Alban Berg, Friedrich Cerha)
Besuch am
9. Dezember 2017
(Premiere am 3. Dezember 2017)
Eine Menge schwarz bekleideter Männer umsteht die beiden. Plötzlich zücken alle gleichzeitig ein Messer, heben es hoch und stechen zu, während sie einen gellenden, durchdringenden Schrei loslässt und das Orchester im vollen Fortissimo aufschreit. Dann geht die Menge auseinander, Jack the Ripper schreitet nach vor und ersticht auch noch die Gräfin Geschwitz, während Lulu blutüberströmt vor ihrem eigenen Bild im Rahmen tot kauert: So drastisch und packend endet an der Wiener Staatsoper Alban Bergs Lulu.
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Es ist ein immerwährender Kampf, ein Kampf der Geschlechter, der hier stattfindet. Deswegen lässt Willy Decker die Oper in einer symbolisierten Arena, einem Halbrund mit einigen Leitern und Türen, die Ausstattung schuf Wolfgang Gussmann, mit einem Sofa in roten Kussmundform oder Schaufensterpuppen ablaufen. Darüber hat er als zweite, dunkle Spielebene die Stufen eines Amphitheaters bauen lassen. Hier frönen die schwarzen Männer dem Voyeurismus, spiegeln oder vervielfältigen aber auch das Geschehen auf der Vorderbühne. Die angelehnten Leitern ermöglichen auch direkte Auftritte auf die untere Bühne.
Deckers Inszenierung ist nicht neu, sie stammt aus der letzten, damals noch zweiaktigen Produktion der Wiener Staatsoper aus 2000, die er nun bereits als dreiaktige, in der von Friedrich Cerha vollendeten Fassung in Paris 2011 gezeigt und jetzt für Wien weiterentwickelt hat. Er erzählt die deprimierende Geschichte der Lulu nach zwei Dramen von Frank Wedekind – Der Erdgeist und Die Büchse der Pandora – über sexuelle Hörigkeit und triebhaftes Verfallensein nach einer kurzen, weniger aufregenden Anlaufzeit bis zum grausigen Ende symbol‑, detailreich und fesselnd.

Diese zwölftönende Oper – es ist das erste Musikdrama überhaupt, in dem Zwölftonmusik verwendet wurde – ist ein musikalisch höchst diffiziles Werk, mit dem Alban Berg an die Grenzen des Spielbaren vorgestoßen ist. Sie ist vom ungemein präzise schlagenden Ingo Metzmacher und im Orchester der Wiener Staatsoper sehr analytisch mit klanglicher Durchsichtigkeit dieser komplexen und technisch höchst vertrackten Partitur, mit hoher Ausdruckskraft und enormer Spannkraft und Emotionalität zu erleben. Zudem wird aus der Lulu-Musik eine enorm hohe Sinnlichkeit und eine gewaltige Sogwirkung entlockt.
Die Protagonisten werden den außerordentlichen, stimmlichen Anforderungen überwiegend gerecht. Agneta Eichenholz meistert mit ihrem schlanken, etwas kleinen Sopran die kräfteraubende Riesenpartie der Lulu mit fesselnder Ausdruckskraft und allen kaum singbaren Höhen. Darstellerisch hätte ihre multiple Persönlichkeit von Naivität aber auch Durchtriebenheit noch Luft nach oben. Von großer Bühnenpräsenz ist Bo Skovhus als getriebener und zerrissener Dr. Schön und Jack the Ripper, der auch stimmlich eindringlich zeigt, wie er dieser Frau rettungslos verfallen ist. Ausdrucksstark und stimmgewaltig singen Angela Denoke die Lulu-Verehrerin Gräfin Geschwitz und Jörg Schneider den Maler. Herbert Lippert gefällt als lyrischer Alwa. Franz Grundheber verleiht der Figur des Schigolch eher gemütliche denn dämonische Züge. Markig tritt Wolfgang Bankl als Tierbändiger und Athlet auf. Auch die kleineren Rollen sind gut besetzt.
Großer Jubel beim Publikum.
Helmut Christian Mayer