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Innere und äußere Ängste

DIALOGUES DES CARMÉLITES
(Francis Poulenc)

Besuch am
8. Dezember 2017
(Premiere)

 

La Monnaie de Munt, Brüssel

Die Glanz­zeiten der Brüsseler Oper, die noch der unver­gessene Gerard Mortier in den 1980-er Jahren einläutete, sind zwar Geschichte, dennoch lohnt sich ein Abstecher in die belgische Haupt­stadt immer wieder, auch wenn „nur“ eine Übernahme aus einem anderen Haus auf dem Programm steht. Gegen diese mittler­weile allerorts gängige Praxis ist auch nichts einzu­wenden, wenn nicht gänzlich auf eigene Insze­nie­rungen verzichtet wird und wenn es sich um legendäre Spitzen­pro­duk­tionen wie die von Olivier Pys Deutung von Francis Poulencs 1957 in Mailand urauf­ge­führter Oper Dialogues des Carmé­lites – Gespräche der Karme­li­te­rinnen – handelt. Nicht nur das Werk gehört zu den Meilen­steinen des modernen Musik­theaters, auch Pys Pariser Insze­nierung des überwäl­ti­genden Werks verdient einen Ehren­platz im Olymp der Theater­ge­schichte. Wenn die vor vier Jahren in Paris aus der Taufe gehobene und mittler­weile zu DVD-Ehren gelangte Produktion jetzt auch im Brüsseler Opernhaus Begeis­te­rungs­stürme auslöst, tut man den Belgiern Unrecht, den Regisseur allzu vorder­gründig ins Rampen­licht zu rücken. Denn an der Aufführung stimmt so gut wie alles. Die leucht­kräftige, ebenso intensive wie feinfühlige musika­lische Leitung durch den Brüsseler Musikchef Alain Altinoglu, das bis in die winzigste Rolle hinein superb besetzte Ensemble, die unter die Haut gehende Insze­nierung Pys und die ebenso schlichten wie bedrü­ckenden Bühnen­bilder von Pierre-André Weitz.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Dabei bietet sich der Stoff auf den ersten Blick nicht gerade für die Opern­bühne an. Dem Titel gemäß bestimmen in der Tat Gespräche das Werk, das auf eine Theater­version der berühmten Novelle Die Letzte am Schafott von Gertrud von le Fort zurückgeht. Eine eindrucks­volle Seelen­schil­derung der 16 Pariser Karme­li­te­rinnen, die sich 1794 kurz vor dem Höhepunkt und Ende des jakobi­ni­schen Terrors weigerten, ihrem Gelübde zu entsagen, gemeinsam unter der Guillotine starben und später selig­ge­sprochen wurden. Im Mittel­punkt der Novelle steht die junge Adelige Blanche de la Force, die sich dem weltlichen Revolu­ti­ons­terror durch die Flucht ins Kloster entziehen will, aber auch dort von den Schrecken der Realität eingeholt wird. Sowohl die Novelle als auch die Oper faszi­nieren vor allem durch die filigrane psycho­lo­gische Charak­te­ri­sierung einer Figur, die von Ängsten durch­schüttelt wird und sich als Nonne Blanche von der Todes­angst Christi nennt. Ängste, die von äußeren Umständen ausgelöst werden, aber im Inneren noch schmerz­li­chere Konflikte aufwühlen. Als die Nonnen gezwungen werden, zwischen Tod und Widerruf ihres Gelübdes zu wählen, entscheiden sie sich für den Märty­rertod, angefeuert von der extrem überzeugten Novizen­meis­terin Mère Marie de L’Incarnation. Blanche kann dagegen ihre Ängste nicht besiegen und flieht kurz vor dem Ende, bevor sie dann doch als Letzte das Schafott mit ihren Glaubens­schwestern besteigt.

Foto © Matthias Baus

Dabei muss erwähnt werden, dass sowohl Gertrud von le Fort als auch Francis Poulenc keinerlei Schwarz-Weiß-Zeichnung betreiben und alle Figuren sehr diffe­ren­ziert skizzieren. Blinder Fanatismus ist nicht angesagt. Alle Figuren zeigen mensch­liche Größen und Schwächen. Und genau das wird in Olivier Pys Insze­nierung in lupen­reiner Klarheit deutlich. Die äußeren Einwir­kungen, also die kurzen Auftritte der Revolu­ti­ons­schergen, insze­niert er so dezent wie das Ende der Nonnen, die schlicht eine nach der anderen während eines ergrei­fenden Schluss­ge­sangs in den offenen Bühnen­hin­ter­grund abwandern. Von Blut und Guillotine, von geiferndem Volk ist nichts zu sehen und zu hören.

Umso penibler insze­niert er die vielen Dialoge, die die Seelenlage und unter­schied­lichen Haltungen der Figuren erkennen lassen. Eindrucksvoll die Vision der alten sterbenden Priorin vom Untergang des Klosters, deren Bett wie ein Kruzifix an den Bühnen­hin­ter­grund genagelt ist. Die dunklen, verschieb­baren Wandge­rüste von Pierre-André Weitz passen sich den Orts- und Stimmungs­wechseln nahtlos wie ein Handschuh an. Schnell, schlicht und überzeugend.

Und aus dem Orches­ter­graben hören wir unter Leitung von Alain Altinoglu ein sympho­ni­sches Gemälde von idealer Trans­parenz und Ausdrucks­dichte. Niemals zu stark, immer sänger­dienlich und dennoch von glühender emotio­naler Inten­sität durchzogen.

Und über die Besetzung kann man, darstel­le­risch wie gesanglich, nur ins Schwärmen geraten. Dass Patricia Petibon als Blanche besonders imponierend herausragt, liegt an der exponierten Bedeutung der Rolle, nicht etwa an den minderen Leistungen des vielköp­figen Ensembles, an dem nicht das Geringste auszu­setzen ist. Nicht an Sophie Koch als Mère Marie, nicht an Sandrine Piau als Novizin Constanze oder an Sylvie Brunet-Grupposo als sterbens­kranke Priorin. Und nichts am Rest des vielköp­figen Ensembles, wobei auch die natur­gemäß weniger bedeu­tenden Männer­rollen mit Stanislav de Barbeyrac als Blanches Bruder an der Spitze keineswegs nachlässig behandelt werden. Zu erwähnen ist, dass die großen Rollen für die folgenden Auffüh­rungen doppelt besetzt sind.

Eine rundum überzeu­gende Produktion und eine große Heraus­for­derung an das Theater Aachen, das das Stück in einer eigenen Neuin­sze­nierung ab dem 14. April zeigen wird. So groß die Begeis­terung des Publikums: Ein so hemmungs- und rücksichtslos hustendes Auditorium wie in der Premie­ren­vor­stellung ist selten zu erleben.

Pedro Obiera

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