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Die Plausibilität des Hässlichen

IL TROVATORE
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
7. Dezember 2017
(Premiere am 2. Dezember 2017)

 

Aalto-Theater Essen

Was ist die elementare Aufgabe einer Opern­in­sze­nierung? Die etwa einer Reper­toireoper? Eine Antwort auf diese in Zeiten des so genannten Regie­theaters heikle Frage könnte lauten, eine Sicht der Gegenwart auf einen histo­ri­schen Stoff, seine Protago­nisten und deren gesell­schaft­lichen Kontext zu entwi­ckeln und plausibel zu vermitteln. „Es ist nicht unsere Aufgabe“, findet Opern­re­gisseur Peter Konwit­schny, „die Stücke so zu insze­nieren, wie es sich die Autoren vorge­stellt haben, wie sollte das auch gehen? Unsere Aufgabe ist es, bestimmte Fragen so zu stellen, dass darüber disku­tiert wird.“ Die Stücke, meint Konwit­schny, der gerade eine viel beachtete Deutung von Othmar Schoecks Musik­drama Penthe­silea am Theater Bonn heraus­ge­bracht hat, seien das Material dazu, „nicht Selbstzweck“.

Wer diese These teilt und aktuell Anschau­ungs­ma­terial zu ihrer Unter­füt­terung suchen sollte, dürfte im Essener Aaalto-Theater beim Erleben von Giuseppe Verdis Musik­drama Il Trovatore in Zusam­men­arbeit mit der Seattle Opera fündig werden. Das Regieduo Patrice Caurier und Moshe Leiser liefert eine Auflösung, die sich der Repro­duktion einer platten Gefühls- und Kitschwelt alla cingarese strikt verweigert. Keine verspielte Ritter­ro­mantik. Keinerlei Adaptionen einer Ikono­graphie des freien Lebens zu Czárdá­s­klängen und der Musik von Zigeu­ner­ka­pellen im Verbunkos-Stil. Vielmehr verwandeln die beiden Verdis Schau­er­ge­schichte in eine strecken­weise schockie­rende Lektion über die Zerstö­rungen der Barbarei und die Hässlichkeit des Inhumanen. Unter­drückte, Außen­seiter, Unerwünschte, lautet die starke Botschaft einer sich ausdrücklich politisch gebenden Insze­nierung, leben in einer von Gewalt und Recht­lo­sigkeit geprägten Welt, damals wie sicher auch heute.

Verdis großes Faible für das von Salvatore Cammarano geschaffene und von Leone Emmanuele Bardare nach dessen Tod vollendete Libretto beruht auf der beson­deren Struktur des Dramas. Der Komponist wird 1836 auf die Tragödie des Spaniers Antonio García Gutiérrez aufmerksam. 17 Jahre später wird sein dramma lirico in Rom urauf­ge­führt. Die in Nordspanien zu Beginn des 15. Jahrhun­derts spielende Sage von den zwei Söhnen eines Grafen, die sich ohne Wissen in eine Tod bringende Gegner­schaft verstricken, ist keine sich organisch entwi­ckelnde Handlung. Dem Prinzip des spani­schen Dramas folgend, entfaltet sich das Schicksal von Troubadour und Graf Luna, ihre Rivalität um Leonora in einer segment­artig fragmen­tierten Handlung. Das Ergebnis sind knappe kurze Bilder in einer abrupten Abfolge, die Verdi in einer nie wieder erreichten Verdichtung die Chance zu einer Partitur von extremem Reichtum an Melodien und Tonma­le­reien bietet. Varietà nennt der Musik­schrift­steller Peter Ross dieses Prinzip der kalei­do­sko­pi­schen Bildfolge, der jegliche Monotonie fremd ist.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Absolut logisch und einsichtig, dass ein solches Konstrukt nicht eines sonder­lichen Ausstat­tungs­stan­dards bedarf, zumal im folklo­re­freien Konzept von Caurier und Leiser. Das korre­spon­die­rende Kreativteam, der Bühnen­bildner Christian Fenouillat, der Kostüm­bildner Agostino Cavalca und der Licht­de­signer Chris­tophe Forey, fokus­siert die Handlung in einen Einheitsraum, dessen Innen­ar­chi­tektur und simple Möblierung mit Stühlen und Sofas an eine beliebige Warte­halle erinnern. Il Trovatore spielt im Milieu von Söldner­heeren, Zigeunern, gräflichen Bediens­teten, Nonnen. Pitto­reske Schau­plätze wechseln einander ab, Paläste, verfallene Hütten und Schlösser, der Kreuzgang eines Klosters, Kerker, Lager unter freiem Himmel. Bei vielen Insze­nie­rungen ist all das ein gefun­denes Fressen für Ausstat­tungs­aufwand aller Art. Nicht so in Essen. Spekta­kulär sind ausschließlich die Indizien der Gewalt, insbe­sondere des Militärs. Mit Beginn des dritten Teils, der im Heerlager des Grafen Luna spielt, verlaufen Sandsäcke entlang der Trenn­linie zwischen Bühne und Orches­ter­graben. Die Soldaten zielen mit – Attrappen von – Maschi­nen­pis­tolen auf das Publikum und selbst den Dirigenten, der die Szene zum Glück unbeschadet übersteht.

Hat sich das Regieduo entschlossen, die Publi­kums­er­wartung eines Opern­abends der schönen, aus der Musik strömenden Emotionen im Keime zu ersticken, so übernimmt eine phasen­weise drastische Perso­nen­zeichnung den Rest. Das Insert eines stili­sierten leblosen Babys auf dem Vorhang schon bei der Intro­duktion zeigt die Richtung an. Kindsmord, Blutrache, Hexerei sind die Stich­worte, aus denen sich die Eskalation der Gewalt speist. Die in Tarnanzüge gehüllten Söldner nehmen sich mit äußerster Bruta­lität der Zigeuner an,  offen­kundig auch von Flücht­lingen. Die höchst anschaulich insze­nierte Verge­wal­tigung einer Sexpuppe aus Gummi symbo­li­siert Akte und Grade der Verrohung, die auch heute zu Nachrichten von Flucht und Vertreibung gehören. Die Art und Weise, wie Luna sich anschickt, die ihm scheinbar als Sexobjekt zugefallene Lenore endgültig zu erobern, erinnert in ihrer Deutlichkeit an die quälende Szene der Floria Tosca in den Händen Scarpias in Puccinis veris­ti­scher Oper. Ist die Insze­nierung an sich schon fordernd, hat sie obendrein noch Zug, um nicht zu sagen, Tempo. Der Chor – ein Beispiel – hat kaum Aufstellung genommen, da ist schon sein Einsatz fällig, in derselben Sekunde sozusagen.

Verdis sinnliche, bisweilen explo­die­rende Musik im Zeichen von Varietà scheint den Essener  Philhar­mo­nikern geradezu entgegen zu kommen. Unter der Musika­li­schen Leitung Giacomo Sagri­pantis steigern sie sich in eine große Abendform, die vom Publikum im Schluss­beifall gebührend gefeiert wird. Was auch für die Leistung des Chores in der Einstu­dierung von Jens Bingert gilt.

Foto © Matthias Jung

In puncto Sänger­be­setzung gibt eine Enrico Caruso zugeschriebene ironische Äußerung unwill­kürlich zu denken. Il Trovatore, so der Neapo­li­taner, sei leicht zu besetzen, man brauche dafür „nur“ die vier besten Sänger der Welt. Wie schön, konsta­tieren zu dürfen, dass mindestens ein Akteur aus dem Sänger­ensemble präch­tiges Verdi-Format reprä­sen­tiert. Aurelia Florian ist eine frappie­rende Leonora. Ihr in allen Lagen Mühelo­sigkeit ausstrah­lender Sopran besitzt die Tessitura, die Geschmei­digkeit, die Innigkeit und das drama­tische Glühen, die die Rolle verlangen. Carmen Topciu macht die Inter­pre­tation der zwischen Hass- und Mutter­ge­fühlen hin- und her geris­senen Azucena, mit der Verdi eine damals völlig neue Singka­te­gorie begründet, zum Ereignis. Ihr Mezzo lodert in der Höhe zwar stärker als in der Tiefe, was indes der balla­den­haften Wucht ihrer Canzone keinerlei Abbruch tut.

In der Titel­partie agiert Gaston Rivero, eines echten Trouba­dours würdig, mit Vehemenz und Stringenz. Sein  Tenor ist stabil, in der Höhe glanzvoll, bewegt sich bruchlos durch alle Lagen. Rivero versteht es, auf dem Weg zum hohen C etwa in der Stretta des Manrico stimmlich auf Overdrive zu schalten. Leider forciert er sein Vibrato immer wieder zu sehr hin zum Störenden. Als Graf von Luna  überrascht Nikoloz Lagvilava mit seiner warmen Bariton­stimme. Eine formi­dable Leistung. Ihm ist unter dem einhellig gefei­erten Sänger­ensemble beson­derer Beifall der Besucher gewiss. Baurzhan Anderzhanov gestaltet den Part des Ferrando, Hauptmann im Heer Lunas, mit kernigem Bass und willkom­mener Textge­nau­igkeit. Liliana de Sousa gibt die Rolle der Ines selbst­be­wusst und frisch. Albrecht Kluds­zuweit als Ruiz und Joo Youp Lee, ein Bote, arron­dieren den positiven Gesamteindruck.

Der Saal des Aalto-Theaters ist vielleicht zu zwei Dritteln besetzt. Es ist Adventszeit, und draußen strömt der Regen. Das Publikum ist zum Schluss etwas reser­viert, scheint in der Verle­genheit, seine spürbare Distanz gegenüber der Insze­nierung auch ausdrücken zu können. Die Regie stellt sich den Besuchern in der Regel eben nur in der Premiere. So ergießt sich das Füllhorn des Beifalls ausschließlich über die musika­li­schen Akteure,  auf der Bühne wie im Orches­ter­graben. Das seit Jahrzehnten existie­rende Paradoxon des Trovatore wird zum bleibenden Eindruck dieser Produktion. Heiß geliebt wegen seiner Melodien, skeptisch beäugt wegen seines schau­rigen Genres. Aber eben das macht auch die Kunst der Oper aus.

Ralf Siepmann

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