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Der Ferne Osten ganz nah. Das Opernhaus Zürich legt Giacomo Puccinis berühmten Sommervogel unters Brennglas und gewährt einen intensiven Blick auf das 1904 an der Scala uraufgeführte Meisterwerk mit dem Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica. Madama Butterfly wird in diesem gnadenlosen Close-up von Regisseur Ted Huffman zum intimen Kammerspiel und auch zum Tränendrücker. Wenn da nur nicht dieser schwer interpretierbare Schluss wäre.
Am Anfang war der leere Raum. Man wähnt sich in der Ausstellung eines Kunstmuseums. Weiße Wände und mittendrin das Nichts. Japanische Schlichtheit, so scheint es, aber der unheimliche Ort füllt sich schnell mit Leben. Glatzköpfige Komparsen tauchen aus rabenschwarzer Nacht auf und wuchten schwere Möbel und Objekte ins Zentrum, die ein Zuhause erkennen lassen. Es ist jedoch nur bedingt die alte Tradition, die hier gelebt wird, denn es prallen zwei völlig verschiedene Kulturwelten aufeinander. Der amerikanische Militär und Imperialist Benjamin Franklin Pinkerton hat sich für wenig Geld eine sehr junge Geisha gegönnt und verweist sie ins vermeintliche Liebesnest mit Blick auf die Bucht von Nagasaki. Dort wird die Schöne mit Namen Cio-Cio-San die Zeit vor allem mit Warten verbringen: Auf den flüchtigen Ehemann und die Erfüllung einer Sehnsucht jenseits rigider Konventionen. Aber der Offizier ist kein Gentleman, denn er kehrt mit neuer Gattin zurück.
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Huffman reduziert den komplexen Stoff nach der gleichnamigen Tragödie von David Belasco mit einer auf Minimalismus getrimmten Anschauung aufs Maximum und erhält dafür adäquate Unterstützung vom Bühnenbildner Michael Levine. Die präzise wie unaufgeregte Lesart zwischen Belle-Époque-Ästhetik und fernöstlicher Ahnenschatulle hat zudem etwas Klaustrophobisches, dem man sich nicht entziehen kann. Es ist ein Haus, in dem die Besitzerin nicht lebt. Ein grosszügiger panic room, in dem sie mehr verloren als geborgen scheint. Die nuancierte Lichtgestaltung von Franck Evin stellt die einzelnen Figuren aus wie die Bilder in einer Ausstellung. Der Chor wird dazu mitunter im Freeze festgehalten. Wenn die Protagonisten sich an den Wänden als Schattenfiguren wiederfinden oder im Moment der Wahrheit grell ausgeleuchtet werden, hat das etwas Plakatives und das verfehlt seine Wirkung nicht.
Regisseur Huffman gelingt mit der choreografischen Mitarbeiterin Sonoko Kamimura-Ostern und der Choreinstudierung von Ernst Raffelsberger ein äußerst authentisches Sittenbild dieses Culture Crashs mit programmiertem Freitod. Das Team entwickelt die bösen Folgen einer nonkonformen Instant-Heirat und der damit einhergehenden Entfremdung aus der Sicht von Cio-Cio-San, und das ist in seiner unaufgeregten Stringenz schlüssig und packend. Es macht Sinn, dass die prächtigen Kostüme von Annemarie Woods eine mehrheitlich traditionelle Sprache sprechen. Allzu gewagte Interpretationen und Zeitsprünge würden von den schauspielerischen Feinzeichnungen ablenken. So sehen wir ein Japan um die Jahrhundertwende, das sich aber deutlich nach dem Westen reckt und mit stilisiertem Urbanschick diese Öffnung zelebriert.
Svetlana Aksenova gibt in Zürich ihr Debüt. Die Rolle der Madama Butterfly hat sie an die sechzig Mal und in zehn verschiedenen Produktionen gesungen. Die Sopranistin wirkt jedoch alles andere als verbraucht in dieser Rolle. Es scheint, dass sie mit jedem Auftritt als Puccinis Geisha an Intensität gewinnt. Aksenova gelingt die Rollengestaltung, die den Wandel vom naiven Teenagermädchen zur jungen Mutter und später zur verzweifelten Ehefrau beinhaltet, auf ergreifende Weise. Die Gestik als japanisches Mädchen ist subtil, die Ausweglosigkeit vor dem Selbstmord überwältigend. Diese Vielschichtigkeit der Partie drückt Svetlana Aksenova auch stimmlich facettenreich aus. Die Spannweite ihres Soprans reicht vom leichten Schöngesang bis hin zu lyrischer und dramatischer Fülle. In der Mittellage und im Brustton bringt die Künstlerin ein sonores Mezzotimbre zum Klingen. Die Akzente sind schnurgerade, das Forte manchmal etwas überdreht. Bei der Arie Un bel dì vedremo bleibt Aksenova am Schluss eine Spur hinter den Erwartungen zurück, die Verzweiflung wird erst später erkennbar.

Saimir Pirgu gibt als Pinkerton sein Rollendebüt. Der Tenor glänzt von Anfang mit Dovunque al mondo mit vokaler Pracht, edel geformten Kantilenen und vollendeten Legati. Im Verlauf des Abends vermag sich Pirgu in punkto Phrasierungen noch zu steigern. Das leichte Metall in seiner strahlenden Stimme passt hervorragend zum schnittigen Marineleutnant. Im Spiel lässt Saimir Pirgu allerdings eine vielschichtige Figur erkennen, die weit weniger unsympathisch als viel mehr mit der Situation überfordert wirkt. Brian Mulligan als Konsul Sharpless ist in seiner Fürsorge zur geprellten Geisha fest umrissen. Das anfängliche Beben in seiner Stimme kriegt der Bariton schnell in den Griff und betört daraufhin mit einer satten Kraft im Forte und einem warmen Timbre in den weniger lauten Passagen. Judith Schmid als Dienerin Suzuki lässt sich an der Premiere aufgrund einer Erkältung ansagen und das scheint zu helfen. Ihr ausgesprochen dunkler Mezzosopran ist die perfekte Ergänzung zur hochkarätigen Besetzung der Hauptrollen. Auch bei den Nebenrollen gibt es kaum etwas zu kritteln, hier seien besonders Huw Montagué Rendall in der Doppelrolle als Fürst Yamadori und Standesbeamter sowie Ildo Song als Onkel Bonze erwähnt.
Mit der gleichen Brennschärfe, wie die Regie ans Werk geht, wird auch die dichte Partitur des Maestros musikalisch freigelegt. Die Philharmonia Zürich unter der Leitung von Daniele Rustioni sorgt für einen glanzvollen und spannungsreichen Abend. Puccinis vielschichtige und wendungsreiche Notierungen hört man nicht oft derart lupenrein. Rustioni gelingt es souverän, feinste Verästelungen zum Vorschein zu bringen und den emotionalen Bombast der Oper mit ganzer Kraft auszukosten. Ob klarer Bergsee oder reissender Fluss, der Maestro navigiert den Orchesterapparat mit feinem Gespür und nicht nachlassender Leidenschaft durch sämtliche Gewässer. Der Chor der Oper Zürich steht diesem gelungenen Steiltanz in nichts nach. Das offenbart sich schön beim gesummten Nocturno zu Beginn des dritten Akts.
Das Premierenpublikum in Zürich reagiert auf diesen gelungenen Opernabend entsprechend enthusiastisch mit Bravorufen und Rhythmusklatschen. Und das, obwohl der Schluss verstört. Cio-Cio-San, so interpretieren es nicht wenige, begeht kein Harakiri, sondern bricht in den Armen von Pinkerton zusammen. Die Deutung, der vermeintliche Chauvinist würde seine Gattin auf Zeit erwürgen, ist falsch. Madama Butterfly schneide sich zuvor die Kehle auf, hört man aus der Direktion. Das ist schwer nachvollziehbar, weil kein Tropfen Blut fließt. Die Erlösung der getriebenen Geisha ist derart zwingend, dass man trotz aller Ästhetik nicht auf diesen Theatertrick verzichten sollte.
Peter Wäch